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Mitten ins Grüne

Sarah Cattani hat zusammen mit ihrer Familie den Schritt vom Stadtleben in die Natur gewagt. Eine Landidylle in völliger Abgelegenheit, oberhalb des Stausees, zwischen Arsdorf und der Misärsbréck.

Es ist eine Fahrt ins Grüne, 42 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, und würde ich es frecher ausdrücken wollen, würde ich es als eine Fahrt in die Pampa bezeichnen. Aber das ist es schlussendlich nicht, auch wenn der Sprung vom Tumult der Stadt in die Stille der puren Natur flagrant ist. Inmitten dieser Natur, umgeben von Wiesen und Wäldern, befindet sich ein Hof: der „Misärshaff“. Eine abgelegene Farm aus dem Jahre 1833, die 1992 vom Staat gekauft wurde und nach Renovierungsarbeiten, den Pfadfindern der „Fédération Nationale des Eclaireurs et Eclaireuses du Luxembourg“ (FNEL) bis heute zur Verfügung gestellt wird. Jedes Jahr kommen zahlreiche Pfadfinder, Jugendliche und Schulklassen der Natur an diesem abgelegenen Ort näher. Das restaurierte Bauernhaus hat eine Kapazität von 40 Betten und bietet bis zu 160 Personen Platz zum Zelten auf dem großen Außengelände. Hier lebt und arbeitet Sarah Cattani, zusammen mit ihrem Mann John, der zweieinhalbjährigen Mahi und der fünf Monate alten Mira.

„Ich muss zugeben, als wir hier eingezogen sind, hatte ich ein komisches Gefühl“, verrät die junge Frau. „Jahrelang war ich zuvor durch die Welt gereist und plötzlich ist alles so still und du befindest dich alleine mitten in der Natur. Ein Gefühl, das ich heute ganz besonders genieße und nicht mehr missen möchte.“

„Der nächste Supermarkt befindet sich im 17 Kilometer entfernten Redange.“ 
Sarah Cattani, Hausmeisterin auf dem Misärshaff

Insgesamt 25 Kandidaten hatten sich letztes Jahr für den Job als Hausmeister auf dem „Misärshaff“ beworben. Eine Mischung zwischen Koordinationsarbeit, Instandhaltung des Hofs und dem Empfang der verschiedenen Gruppen. Warum gerade die frühere Fernsehjournalistin und ihr Mann, der noch einige Jahre zuvor als Innenarchitekt tätig war, den Posten bekamen, ist Sarah Cattani bis heute unklar. „Wir sind beide ursprünglich nicht vom Land“, erklärt sie amüsiert. „Als ich 2015 meinen Beruf als Journalistin bei RTL aufgegeben habe, bin ich zwei Jahre lang, ganz alleine, durch die Welt gereist.“ In Indien lernt sie ihren Mann kennen. Für die junge Frau war klar: „Nach Luxemburg komme ich sicherlich nicht mehr zurück.“ Bis die Kinder zur Welt kamen. „Da wurde das mit dem Reisen etwas komplizierter“, gesteht die junge Mutter.

Draußen sind die Bäume noch kahl, der Wind bläst durch das Gestrüpp, und zwischen zwei Regenschauern zeigt sich die Sonne dann trotzdem, umzingelt von bedrohlich grauen Wolken. Es herrscht Stille, oder genauer gesagt: Ruhe. Denn inmitten dieser Wildnis spielt die Natur ihre eigene Melodie: Blätter rascheln, der Wind pfeift und die Vögel zwitschern. Andere Nachbarn gibt es hier keine. Jedenfalls nicht in direkter Sichtweite.

„Der nächste Supermarkt befindet sich im 17 Kilometer entfernten Redange. Etwas näher, ungefähr nach sechs Kilometern Fahrt, gibt es eine Bäckerei und eine Apotheke in Rambrouch. Ganz isoliert sind wir aber nicht, denn wir haben einen Bushaltestelle vor der Haustür, an der jeder Stunde ein Bus hält.“ Die junge Hausmeisterin kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Sie haben sich für ein Leben in und mit der Natur entschieden. Mit der Einfachheit der Natur, könnte man fast sagen. Ein Leben, wo weniger oft mehr ist. Als Gegenleistung für ihre Arbeit auf dem “Misärshaff”, braucht das Ehepaar keine Miete zu zahlen. „Auf finanzieller Ebene hat sich für uns auch einiges verändert“, möchte Sarah klarstellen. „Das ist eine persönliche Entscheidung. Wir brauchen hier oben auch nicht so viel zum Leben. Wir haben vielleicht weniger Geld, aber deshalb enorm an Lebensqualität gewonnen.“ Der Weg mitten ins Grüne ist sicherlich mit einem ökologischen Aspekt verbunden. Der Wunsch, natürliche Ressourcen zu schonen, weniger verschwenderisch zu sein und dem Konsumismus den Rücken zu drehen. Der Naturpark bietet eine Vielfalt an grandiosen Landschaften, die das Ergebnis einer langen und engen Beziehung zwischen Mensch und Natur, in einer natürlichen und wilden Umgebung aus Felsstrukturen, Wasser und Vegetationen sind.

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Um über die Runden zu kommen, gibt das Ehepaar zusätzlich Yogakurse, im Garten des Hofs oder landesweit, und ein weiteres Einkommen bietet ihnen das Vermieten ihrer ehemaligen Wohnung. Ihr vorheriges Leben bereuen sie nicht. Es ist ein Kapitel, das abgeschlossen ist.

„Es entsteht eine echte Beziehung zwischen Natur und Mensch.“ 
Sarah Cattani, Hausmeisterin auf dem Misärshaff

„Wenn ich all dies mit meinem vorherigen Leben vergleiche, muss ich zugeben, dass es diesen Alltagsstress nicht mehr gibt“, verrät Sarah. „Du hast die Gelegenheit, dich zu entspannen und neue Energie aufzutanken, ohne dauernd abgelenkt zu werden. Es entsteht eine echte Beziehung zwischen Natur und Mensch.“

Im Einklang mit der Natur sein. Sieht so die Freiheit aus? Laut Sarah Cattani: ja. Für sie und ihren Mann ist es eine Art Neuanfang, für ihre Kinder eine unerschöpfliche Quelle sich der Umwelt zu öffnen. Diese können sich in diesem Umfeld frei bewegen und die Umgegend erkundigen.

Ihr sei aufgefallen, dass ihre Tochter Mahi sehr frei und neugierig sei“, sagt Sarah Cattani. „Sie hat keine Berührungsängste, was Pflanzen und Tiere angeht. Sie stellt auch viele Fragen. Es gibt aber vor allem weniger Zwänge hier als in der Stadt. Dieser Lebensstil ermöglicht uns, mehr Zeit mit unseren Kindern zu verbringen. Das wirkt sich nicht nur positiv auf sie aus, sondern auch auf uns. Ich muss allerdings zugeben, dass ich nie gedacht hätte, diese Lebensweise jemals so zu genießen.“

Fotos: Georges Noesen

Weitere Informationen:
www.misaershaff.lu
www.sarahjohnyoga.com

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Author: Martine Decker

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