Home » Politik & Wirtschaft » Editorial » Edito: Mund aufmachen

Edito: Mund aufmachen

„Wenn man also nicht der Meinung ist, dass alle Flüchtlinge Schmarotzer sind, die verjagt, verbrannt oder vergast werden sollten, dann sollte man das ganz deutlich kundtun. Dagegenhalten, Mund aufmachen, Haltung zeigen, öffentlich an den Pranger stellen“, kommentierte vor Kurzem Anja Reschke in der ARD-Tagesschau den täglichen Wahnsinn an rassistischen Kommentaren, welche vornehmlich, aber nicht nur, in sozialen Netzwerken abgesondert werden.

Das Schicksal von Flüchtlingen, egal ob im Mittelmeer oder am Eurotunnel in Calais, bringt in erschreckender Häufigkeit Kommentare hervor, welche in ihrer Vehemenz und ihrem Grad an Menschenverachtung vor Monaten noch kaum denkbar gewesen wären. Nicht nur in Deutschland, leider auch in Luxemburg.

„Eng gutt Kalaschnikow wierkt Wonner, wann ee genuch Munitioun huet“ ist nur ein Beispiel unter Dutzenden von Luxemburger Facebook-Usern verfassten Kommentaren, welche wahlweise dazu aufrufen, Flüchtlinge mit Flammenwerfern, Panzern oder Napalm zu bekämpfen. Neben Gruppen wie „Armes Luxemburg“ oder „Identitär Bewegung Lëtzebuerg“ hat sich die Gruppe „I love mäin Lëtzebuerg“, deren Inhalte eine bedenkliche Mixtur aus nostalgiegeschwängerter Heimatliebe und unverschleiertem rechtsextremen Gedankengut sind, als Sammelbecken von fragwürdigen Äußerungen hervorgetan.

Erschreckend, wie viele Leute ihrem Rassismus im Internet ungehemmt freien Lauf lassen.

Mittlerweile wurden auf diesem Facebook-Tummelplatz der rechtsdemagogischen Klappspaten zwar aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung – und nicht zuletzt auch, weil einer der Administratoren bereits wegen Aufruf zum Menschenhass und Morddrohungen verurteilt ist – die schlimmsten Aussagen wieder gelöscht. Dennoch ist es erschreckend zu sehen, wie viele Leute kein Problem damit haben, im Internet ungehemmt ihrem Rassismus freien Lauf zu lassen. Ganz oft sogar mit Klarname.

Dass besagte Seite mittlerweile zur Autozensur übergegangen ist, erklärt sich keineswegs durch einen prompten Sinneswandel der involvierten Protagonisten – die Administratoren distanzierten sich nicht von den Posts, sondern riefen lediglich dazu auf, nichts Rassistisches mehr zu posten, weil die Seite im Visier der Kriminalpolizei sei – sondern vielmehr dadurch, dass verschiedene Luxemburger Facebook-User genau das tun, was Anja Reschke einfordert, nämlich öffentlich anprangern und anklagen.

Facebook-Seiten wie „Pierre Peters? Nee Merci“, „Rhetoresch Ergëss vum lëtzebuerger Stammdësch“ oder „LëtzGIDA – Lëtzebuerger Géint Idioten, Dommheet an Auslännerfeindlechkeet“ haben den Machenschaften des rechten Lagers den Kampf angesagt und zum Beispiel im Fall von „I love mäin Lëtzebuerg“ dazu aufgefordert, die Seite bei „Bee Secure Stopline“ wegen „incitation à la haine raciale“ zu melden.

Ein Reflex, der scheinbar eine gewisse, leider wahrscheinlich aber nur temporäre Wirkung zeigt. Der Rassismus wird, ob in besagter Facebook-Gruppe oder einer anderen, in nicht allzu weiter Ferne wahrscheinlich wieder aufflammen, schon alleine deshalb, weil es so ist, wie es Farin Urlaub, der Sänger der deutschen Punkband „Die Ärzte“ kürzlich formuliert hat: „Solange es Leute gibt, die nichts können, nichts wissen und nichts geleistet haben, wird es auch Rassismus geben. Denn auch diese Leute wollen sich gut fühlen und auf irgendwas stolz sein.“

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Martine Decker

Login

Lost your password?