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Mund zu!

Meistens sind sie gar nicht böse gemeint, trotzdem will sie eigentlich keiner hören, weil sie immer irgendwie besserwisserisch und altklug daherkommen: gute Ratschläge. Doch warum werden sie ausgerechnet jungen Eltern immer wieder aufs Butterbrot geschmiert?

Fotos: von Lieres (Fotolia), Pixabay

Natürlich: Die Geburt eines Babys ist immer ein großes Ding. Vor allem in unseren Breitengraden, wo die meisten Frauen den ersten Nachwuchs erst mit Anfang, Mitte dreißig bekommen. Da ist dann gleich die ganze Familie aus dem Häuschen. Und die frischgebackenen Eltern sowieso. Doch mit neuen Aufgaben wachsen auch neue Pflichten und viel Verantwortung. Das ist toll und bereichernd, manchmal aber auch anstrengend und verunsichernd. Die Angst davor, etwas falsch zu machen, scheint groß zu sein. Die Vielzahl an veröffentlichten Ratgeberbüchern zum Thema Schwangerschaft und Kindererziehung sprechen Bände. Denn anscheinend kann man sehr viel falsch machen.

Nur gut, dass es Leute gibt, die genau wissen, wie es geht, sollte man meinen. Das stimmt aber nur zur Hälfte. Denn wer sich ein Ratgeberbuch kauft, will Antworten auf bestimmte Fragen haben. Wer sich gute Ratschläge von Freunden und Verwandten anhören muss, hat selten darum gebeten. Deshalb: Lassen Sie sie einfach sein, die gut(gemeint)en Ratschläge und Themengebiete. Auch wenn es vielleicht schwierig sein mag, sich dieses und jenes zu verkneifen. Hier sind ein paar, die jungen Eltern besonders auf die Nerven gehen.

„Sorry, ich habe leider heute Abend keine Zeit!“

Eltern von kleinen Kindern kurzfristig abzusagen, ist ein echtes No-Go. Denn freie Abende sind zumindest in der ersten Zeit rar und müssen gut geplant werden. Wer jungen Eltern absagt, braucht schon eine sehr glaubwürdige Entschuldigung.

„Du hast es gut, du musst nicht arbeiten!“

Klingt eigentlich halb so wild. Doch sich um ein Baby zu kümmern, ist auch Arbeit, meist 24 Stunden am Tag. Ohne Pause und bezahlten Urlaub. Und ohne viel Anerkennung. Dazu noch fremdbestimmt, weil es selten von Beginn an einen richtigen Rhythmus gibt. Viele Mütter (es sind ja noch immer meistens die Frauen, die zu Hause bleiben) freuen sich wieder darauf, irgendwann arbeiten zu gehen.

„Ich würde mein Kind nicht in meinem Bett schlafen lassen…“

Würde, hätte, haben wir nicht. Es mag merkwürdig klingen, manchmal geht es aber nicht anders, als das Baby oder auch das Kind mit ins eigene Bett zu nehmen. Bis zu welchem Alter das gehen soll, müssen Eltern selbst wissen. Irgendwann wollen es die meisten Kinder ohnehin selbst nicht mehr.

„Wir haben das auch immer so gemacht. Meinen Kindern hat das auch nicht geschadet.“

Wer so denkt, hat wahrscheinlich noch nicht bemerkt, dass wir Menschen uns seit Anbeginn stetig verändert haben und neue Wege gegangen sind. Hätten wir das nicht getan, würden wir noch immer in Höhlen sitzen und darauf hoffen, dass
irgendwo der Blitz einschlägt, damit ein Feuer brennt.

„Lass das Baby ruhig mal schreien. Das kräftigt die Lungen, und außerdem merkt es so, dass es nicht alles mit dir machen kann.“

Denken wir einfach mal positiv und sehen ein Baby nicht als kleinen berechnenden Aasgeier, der mehr haben will, als ihm zusteht. Denken wir stattdessen, dass so ein Baby noch viel Aufmerksamkeit und Schutz braucht, im Grunde kann es gar nicht genug davon bekommen. Und kräftige Lungen bekommt man nicht durchs Schreien. Und selbst wenn es so wäre, würde es mit lautem Lachen wahrscheinlich noch viel besser funktionieren.

„Du hast dir doch gewünscht, Mutter (oder Vater) zu werden. Du müsstest doch glücklich sein…“

Natürlich sind Eltern glücklich, wenn sie Eltern geworden sind. Aber nicht unentwegt und auch nicht immer überschäumend. Mit einem Kind beginnt ein neues Leben, und da darf man manchmal auch traurig sein, dass das alte vorbei ist. Zudem können Schlafentzug und der Job ohne Feierabend einem wirklich zusetzen. Ganz zu schweigen von den Hormonen.

„Lass mich wissen, wenn ich etwas tun kann.“

Nicht sagen, sondern tun! Man muss schon ein sehr gutes Verhältnis haben, um andere Leute um etwas zu bitten. Die meisten frischgebackenen Eltern würden sich eher die Zunge abbeißen. Gegen ein gekochtes Essen oder ein bisschen Hilfe im Garten hat aber wahrscheinlich niemand etwas.

„Ist es das wirklich wert? Alles für ein Baby aufzugeben?“

Solche Fragen stellen nur Menschen, die keine Kinder haben. Ist durchaus verständlich. Doch genauso wenig, wie sie sich dafür zu rechtfertigen haben, warum sie keine Kinder haben, sollten Eltern das andersherum auch nicht müssen. Jeder muss seine Entscheidungen letztendlich selbst treffen.

„Wie? Das Baby schläft noch nicht durch?“

Nun ja, kommt Zeit, kommt Schlaf. Irgendwann schlafen sie alle durch, früher oder später. Doch Babys sind unterschiedlich. Während das eine im Alter von vier Wochen schon acht Stunden am Stück schläft, wacht das andere alle zweieinhalb Stunden auf und weint. Schwieriges Thema, das meist sehr emotional begleitet wird. Denn der Schlafentzug für die jungen Eltern ist nicht zu unterschätzen. Der zehrt an den Nerven. Helfen Sie lieber, dass die Eltern Entspannung bekommen. Passen Sie ein paar Stunden auf das Baby auf, helfen Sie bei der Wäsche, im Haushalt, beim Kochen.

„Bist du nicht zu alt/zu jung für (noch) ein Kind?“

Unbedingt verkneifen. Haben die Frauen ihr erstes Baby früher mit Anfang, Mitte Zwanzig bekommen, sind sie jetzt eben zehn Jahre älter. Dafür ist die Lebenserwartung auch gestiegen. Es kann viele Gründe geben, erst später mit dem Kinderkriegen anzufangen. Bei manchen kommt die Karriere zuerst, oder es fehlt der richtige Partner. Manchmal klappt es auch einfach nicht. Oder aber es ist so, wie ein Bekannter letztens sagte, der mit Mitte vierzig zum ersten Mal Vater wurde: „Ist gut, dass ich so alt bin, dann haben mich die Kinder wenigstens nicht so
lange an der Backe.“

„Dann könnt ihr ja jetzt das nächste bekommen.“

Natürlich. Nichts einfacher als das, oder? Blödsinn, denn ob und wann ein Paar ein weiteres Kind bekommt, geht eigentlich niemanden etwas an. Und wie schon gesagt: Kommt Zeit, kommt Kind. Oder auch nicht.

„Ein paar Kilos von der Schwangerschaft müssen aber noch runter, oder?“

Neun Monate kommt’s, neun Monate geht’s, hieß es früher so schön. Weil mittlerweile aber jeder Hollywoodstar drei Tage nach der Geburt wieder in Topform zu sein scheint, sind die Anforderungen an junge Mütter gestiegen. Dabei weiß doch jeder: Es kommt von allein, mit ein bisschen Sport und gesunder Ernährung klappt das schon, auch ohne Stress.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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