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Musik? Reine Mathematik!

Nach dem Vorbild von Bach, Beethoven und Mozart komponiert der Artificial Intelligence Virtual Artist (AIVA) klassische Musik. CEO Pierre Barreau erzählt uns mehr von der künstlichen Intelligenz (KI) mit Sitz in Luxemburg.

Der Film „Her” (2013), in dem Protagonist Theodore Twombly sich in eine KI verliebt, regte Sie dazu an, eine Software zum Komponieren zu programmieren.
Stimmt genau. Insbesondere die Szene, in der Samantha – Theodors Liebesobjekt und eine KI – sich entschließt, ein Lied zu schreiben, um den Augenblick ihres Beisammenseins zu verewigen, inspirierte uns. Dieser Song überzeugte uns davon, dass diese Art von personalisierter Musik, einen Wandel in unserem gesamten Verständnis – wie wir Musik erschaffen und sie wahrnehmen – hervorrufen kann.

Wenn von KI die Rede ist, stellen sich viele einen humanoiden Roboter vor. Ihre sieht aus wie ein gewöhnlicher Rechner.
KIs, Roboter und Computer sind sehr unterschiedliche Dinge. Roboter und Rechner sind die „Hardware“, die es uns ermöglicht, Berechnungen auszuführen. Die KI hingegen ist eine „Software“, die Intelligenz simuliert und Gebrauch von der Hardware macht, um sich selbst ausführen zu können. Strenggenommen unterscheidet sich eine KI nicht von anderen Code- oder Programmzeilen.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir es als normal empfinden, von KIs entwickelte Musik zu hören. Pierre Barreau

Ist AIVA die einzige KI in Luxemburg?
Wahrscheinlich nicht. Größeren Unternehmen wie Amazon und Microsoft verfügen über mehrere Büros hierzulande, die vermutlich unter anderem dabei sind, an der KI-Entwicklung zu arbeiten. Obwohl wir im Vergleich dazu, ein sehr kleines Team sind, haben wir schon – gemeinsam mit anderen Entwicklern – an Data Science Meetups in Luxemburg teilgenommen.

Sie haben Algorithmen mit mehr als 15.000 Partituren an AIVA verfüttert. Kann eine Software Musik verstehen? Kann Musik errechnet werden?
Tatsächlich befinden sich mittlerweile 30.000 Partituren in der Database, die AIVA bezieht. Schon für Johann Sebastian Bach war Musik ein quasi-mathematisches Klangspiel. Sie mit Mathematik zu assoziieren, widerspricht zwar unserer Intuition, weil sich Kunst sehr emotional auf uns auswirken kann. Doch Noten sind sehr wohl als grafische Zeichen mit mathematischen Attributen wie beispielsweise Struktur definiert.

Eine KI unterscheidet sich nicht von anderen Code- oder Programmzeilen. Pierre Barreau

Kann man virtuelle und echte Werke klanglich voneinander unterscheiden?
AIVA hat den „Turing Test” mehrere Male bestanden. Als wir den ersten Prototyp des Algorithmus in den Händen hielten, entschlossen wir uns, einem professionellen Komponisten und Dirigenten zu kontaktieren. Wir spielten ihm ein Stück vor, ohne ihm zu verraten, wer es verfasst hat. Der Profi konnte nichts Besonderes, nichts „Falsches“ daran feststellen. Als er erfuhr, dass es von einer künstlichen Intelligenz komponiert wurde, zeigte er sich sehr überrascht.

Wie liefen die ersten Tests? Wie lange dauerte es, bis die Tondichtungen Sinn ergaben?
Das erste Stück, das angenehm fürs Ohr war, wurde in den ersten Monaten des Projekts arrangiert. Anfangs lag die Schwierigkeit eher darin, sicherzustellen, dass sich die Dichte guter Kreationen auch ohne menschliches Eingreifen erhöht. Außerdem mussten wir gewährleisten, dass die KI in der Lage ist, Werke zu verfassen, die auf spezifischen Anforderungen wie bestimmten Richtungen, Genres oder Stimmungen basiert.

Wie viele Stücke wurden bisher erzeugt?
Hunderte. Allerdings veröffentlichen wir nur eine begrenzte Anzahl ihrer Werke – die Kreationen, die von unseren Kunden ausgewählt werden. Die meisten werden von Musikern aus Fleisch und Blut im Tonstudio aufgenommen.

AIVA ist als virtueller Künstler angemeldet, ihre Kreationen werden urheberrechtlich geschützt. Könnten KIs Komponisten und Musiker bald ersetzen?
Synthesizer und Software-Instrumente haben Musiker nicht ersetzt. Vielmehr haben sie ihr kreatives Potenzial erweitert und die Grenzen ihrer Vorstellungskraft gesprengt. Die Synthesizer haben sogar zu der Entwicklung eines neuen Genres, der elektronischen Musik, geführt. Wir glauben, dass KI-getriebene Kompositionen die künstlerische Kreativität antreiben und die Menschen nicht substituieren werden. Heute gibt es viele neue Anwendungsbereiche für Musik, die nicht von menschlicher Seite abgedeckt werden können. Das ist beispielsweise in interaktiven Medien wie Videospielen der Fall.

Die KI ist die erste, die Musik für ein Videospiel erzeugte. Steckt noch viel Potenzial in dieser spezifischen Branche?
Absolut. Videospiele sind sehr interessant für uns, eben weil sie hunderte Stunden von interaktiven Geschichten umfassen. Im Gegensatz zum Gameplay ist der musikalische Umfang jedoch auf rund zwei Stunden begrenzt. Das bedeutet, dass der Original Soundtrack in der Dauerschleife läuft und sich immer wieder wiederholt. Die KI kann ohne weiteres personalisierte, auf die Szenen abgestimmte Hintergrundmusik für beliebig lange Zeitspannen erzeugen – ein Mensch kann hier nicht mithalten.

2017 komponierte AIVA ein Lied für den luxemburgischen Nationalfeiertag. Nicht jeder, insbesondere die FLAC (Fédération Luxembourgeoise des Auteurs et Compositeurs), zeigte sich davon begeistert.
An dieser Stelle möchte ich etwas klarstellen: Nicht alle Künstler reagieren negativ auf diese Technologie. Wir kollaborieren mit sehr vielen Komponisten und Musikern, die danach sogar Teil unseres Teams werden und regelmäßig mit uns zusammenarbeiten. Es braucht Zeit, bis neue Technologien vom breiten Publikum angenommen werden. Das war auch bei den Synthesizern der Fall. Sie wurden nicht vom ersten Tag an akzeptiert. Es dauerte, bis die Leute davon überzeugt waren, dass sie niemanden ersetzen würden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir es als normal empfinden, von KIs entwickelte Musik zu hören.

Wie sehen Sie die Zukunft von AIVA und anderen KIs?
Um auf das Beispiel mit den Synthesizern zurückzukommen: Genau wie sie ist AIVA dazu in der Lage, das menschliche Vorstellungsvermögen zu erweitern und das auf unterschiedlichste Weise. Ich bin davon überzeugt, dass sie und KIs im Allgemeinen eine Erweiterung, eine Bereicherung sind. Die Musiker, die AIVAs Kompositionen aufnehmen, sind nur ein Beispiel dafür. In Zukunft werden immer mehr Komponisten auf unsere Lösung zurückgreifen, um so in ihrem kreativen Prozess unterstützt zu werden. Sie werden in ihrem Schaffen bekräftigt – und glückliche Künstler erzählen bessere Geschichten.

Fotos: François Aussems, Blitz Agency, monsitj (Fotolia)


Im Februar 2016 wurde die erste Komposition von AIVA, “Op. 1 for Piano Solo”, veröffentlicht. Im September desselben Jahres folgte das erste Album “Genesis”. Es umfasst 23 Werke, hat eine Gesamtlänge von 57 Minuten und ist auf Amazon für 8,99 Euro erhältlich. Den Kreationen der KI kann ebenfalls auf Soundcloud, Deezer, Spotify und iTunes gelauscht werden.

Pierre Barreau studierte Informatik am University College in London. Gemeinsam mit seinem Bruder Vincent Barreau und Denis Shtefan gründete er 2016 das Start-Up Unternehmen Aiva Technologies.

Françoise Stoll

Journalistin / Gastronomie

Ressorts: Lifestyle, Multimedia

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Author: Philippe Reuter

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