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Nahrungsmittel der Zukunft?

Viele Menschen ekeln sich vor ihnen. Trotzdem werden Mehlwürmer, Grillen und andere Insekten mittlerweile als das Fleisch der Zukunft angepriesen. Nahrhaft und gesund sollen sie sein. Doch bereitet sich in unseren Tellern wirklich eine kulinarische Revolution vor?

In über 90 Ländern in Afrika, Asien, Australien und Südamerika gehört der Konsum von Insekten zum Alltag. Nach Angaben der FAO (die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) werden in 80 Prozent der Entwicklungsländer mehr als 1.400 verschiedene Arten Insekten konsumiert. Heuschrecken, Mehlwürmer und andere Krabbeltiere sind für etwa zwei Milliarden Menschen weltweit eine wichtige Nahrungsquelle. Eine eher erschreckende Vorstellung für viele Europäer. Trotzdem könnte sich der Insektenkonsum in nächster Zukunft weiter ausbreiten. Davon ist die FAO fest überzeugt. Laut den Prognosen der Organisation, sollen bis 2030 mehr als neun Milliarden Menschen sich von Insekten ernähren.

„Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht sind Insekten extrem nährstoffreich“, verrät die Diätassistentin Monica Teixeira Morais. „Sie enthalten reichlich Proteine, Mineralstoffe (Zink, Selen und Eisen) und viele Vitaminen. Es handelt sich um ein hochwertiges Nahrungsmittel, etwa wie Fleisch.“

Es soll das Lebensmittel der Zukunft sein. So wird es auf jeden Fall angepriesen. Im Nu zum „Superfood“ gekürt, will man in dem neuen Ernährungstrend nur noch positives sehen. Aus den einst unappetitlichen Insekten wurde plötzlich eine gesunde und klimafreundliche Nahrungsalternative. Doch was wissen wir wirklich über die Herkunft und das Herstellungsverfahren dieser neuartigen Lebensmittel, auch noch als Novel Food bezeichnet? Gesetzlich gesehen, wird in der EU seit dem ersten Januar dieses Jahres „die Zulassung und gesundheitliche Bewertung der neuen Lebensmittel“ von der EFSA (die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) übernommen. Trotzdem bleibt der Verkauf von essbaren Insekten hierzulande verboten. Eine Entscheidung der „Securité alimentaire“ des Gesundheitsamts.

Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht sind Insekten extrem nährstoffreich. Monica Teixeira Morais, Diätassistentin

„Es gibt leider noch keine offiziellen Zahlen, was Allergien angeht, die beim Konsum von Insekten entstehen können“, betont Monica Teixeira Morais. „Wir befinden uns in einer Art Grauzone. Es können prophylaktische Reaktionen entstehen. Das ist gewusst. In verschiedenen Fällen können diese sogar lebensgefährlich sein.“ Im Allgemeinen sollten Allergiker am besten auf den Verzehr von Insekten verzichten. Noch zu unklar sind die möglichen Nebenwirkungen die Grillen, Heuschrecken und Mehlwürmer auslösen können.

„Bei den Insekten findet man, wie bei den Krustentieren, die Präsenz von Chitin. Es befindet sich hauptsächlich im Schutzpanzer der Tiere“, erklärt die Diätassistentin aus dem Escher Centre Hospitalier Emile Mayrisch. „Bei verschiedenen Insekten liegt die Quantität dieses Molekül bei 10 bis 15 Prozent. Das deutet schon auf ein Allergierisiko hin. Ganz besonders bei Menschen die keine Meeresfrüchte vertragen.“ Lebensmittel die Chitin enthalten, sind sowieso nicht leicht zu verdauen. Der Stoff wird nämlich ausschließlich durch den Darm wieder ausgeschieden. Sich ausschließlich nur noch von Insekten ernähren, würde auf Dauer zu Verdauungsproblemen führen und wäre sowieso keine ausgewogene Ernährung.

„Auch Kindern würde ich Insekten oder daraus bestehende Nahrungsmittel nicht empfehlen. Zu ungewiss ist das Allergierisiko“, betont Monica Teixeira Morais. „Im Allgemeinen sind erste körperliche Anzeichen, rote Flecken am Körper. Diese können zu Juckreiz führen. Hals, Mund und Lippen können anschwellen. In ganz schlimmen Fällen kann man unter Atemnot leiden.“

Trotzdem ist die industrielle Produktion von essbaren Insekten in einigen Ländern der EU schon längst im Gange, um einen sehr vielversprechenden Markt zu erobern. Die Niederlande kann man in diesem Bereich als Pioniere bezeichnen. In großen Zuchtanlagen werden Insekten die sich zum menschlichen Verzehr einigen, quasi am Fließband produziert. Es handele sich hier um eine umweltschonende Zucht. Der Meinung ist auch die FAO. Denn die UNO-Organisation betont immer wieder gerne das Insekten weniger Wasser benötigen als die Viehzucht, und dass sie weniger Treibhausgase produzieren. In einem ihrer Berichte schreibt die FAO, mit zwei Kilo Futter könne man ein Kilo Insektenfleisch produzieren. Für ein Kilo Rindfleisch herzustellen, benötige man dagegen bis zu acht Kilo Futter. Ein anderes Thema das die Produzenten gerne in den Vordergrund setzen, ist das fachgerechte Töten der Tiere. Da Insekten wechselwarme Lebewesen sind, werden sie in einem Tiefkühlfach in eine ewige Kältestarre fallen gelassen. Wenn wir allerdings derzeit noch weit von einer hochindustriellen Produktion, wie es sie zum Beispiel in China gibt, entfernt sind, könnte der Wandel durchaus in der ganzen EU stattfinden. Bei unseren belgischen Nachbarn haben sich die Krabbeltiere längst einen Platz im Supermarkt und im Restaurant gemacht. In Lüttich, hat uns Olivier Botman zu einer Degustation in sein Lokal „Les bouchers verts“ eingeladen.

Es gibt leider noch keine offiziellen Zahlen was Allergien angeht, die beim Konsum von Insekten entstehen können. Monica Teixeira Morais, Diätassistentin

„Verschiedene Kunden kommen mit Vorurteilen zu uns. Sie haben Angst angeekelt zu sein. Manche Leute glauben zu Unrecht, Insekten seien klebrig oder schleimig. Aber das ist nicht der Fall. Sobald sie den ersten Schritt zu uns gewagt haben, läuft alles sehr gut. Sie sind meistens sehr positiv überrascht.“

Seit einem Jahr bietet er seinen Gästen in seinem Lokal, neben einer vegetarischen Küche, auch Gerichte an, die Insekten enthalten oder mit Hilfe von Insektenmehl zubereitet werden. Hier gibt es zum Beispiel eine Vielfalt von Insekten-Burgern und sogar die typischen Fleischklöße Lütticher Art. Doch uns möchte Olivier sein „Menu dégustation“ zum Kosten anbieten. Eine Auswahl kleiner Happen, ästhetisch präsentiert. Sieht sehr einladend und vor allem appetitlich aus. Ich bin ein bisschen überrascht, aber das möchte ich dem Gastgeber nicht gestehen.

„Ich empfehle Ihnen unsere Mini-Königspastete, gefüllt mit einer Grillen-Champignon-Creme. Dazu gibt es einen Heuschrecken-Spieß mit Kirschtomaten und einen Toast mit Frischkäse und Grillen. Zum Nachtisch gibt es dann noch unser Schokoladen-Cookie mit gemahlenen Mehlwürmern.“ Ganz gespannt wartet Olivier auf unsere erste Reaktion. Nach dem ersten Bissen, ist der erste Eindruck aber eher ein bisschen verwirrend. Es ist schwierig aus dieser Mischung von Aromen einen exakten Geschmack zu definieren. Auffallend ist eine leichte nußige Note. Lecker ist es auf jeden Fall und von der Textur her, ist nichts ungewöhnlich. Die Insekten wurden so verarbeitet und so präsentiert, dass man ihren ursprünglichen Aspekt quasi nicht mehr erkennen kann. Wer sich auf eine Ekelprüfung aus dem Dschungelcamp eingestellt hat, ist hier fehl am Platz. „Unsere Lieferanten kommen aus Brüssel und vor allem aus den Niederlanden. Es handelt sich um Zuchtanlagen. Dort herrschen strikte Hygienevorkehrungen die dem Insekten-Fleisch eine hohe Qualität verleihen.“ Trotzdem wird auf der Speisekarte angegeben, dass Leute die allergisch auf Meeresfrüchte sind, auf die Insekten lieber verzichten sollen. „Das verlangt die AFSCA (Agence fédérale belge pour la sécurité de la chaîne alimentaire) von uns. Die Insekten befinden sich in ihrer Liste der Allergene. Ich glaube aber eher, dass noch sehr wenig über eventuelle Nebenwirkungen von essbaren Insekten gewusst ist. Bei uns hat sich noch kein Kunde beschwert“, erklärt Oliver Botman. Es bleibt trotzdem eine Grauzone bestehen, auch wenn der Verkauf von Insekten in Belgien und in anderen EU-Ländern mittlerweile erlaubt ist. In Luxemburg bleibt der Handel von essbaren Insekten im Augenblick weiter verboten. Wie lange noch, ist allerdings nicht bekannt.

Fotos: Philippe Reuter (3), Claude Lenert (Editpress)

Mehr Information:

Organisme pour la Sécurité et la Qualité de la Chaîne Alimentaire: securite-alimentaire.public.lu

Les Bouchers Verts 33, rue de la Madeleine 4000 Liège bugsinmugs.com

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

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Author: Philippe Reuter

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