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Narzisstischer Terror

Verführen, lügen, manipulieren, beherrschen und zerstören. Perverse Narzissten benutzen immer dieselbe Vorgehensweise. Mit emotionaler Gewalt und seelischem Missbrauch zwingen sie ihr Opfer in die Knie. Kommt man ihnen auf die Spur, ist es meistens schon zu spät.

„Ich bin, ohne es wahrzunehmen, in eine Falle getappt“, erinnert sich Vita Mangini (Foto). „Am Anfang durchschaut man die Mechanismen nicht.“ Die heute 42-Jährige träumte von einer ernsten Beziehung und wünschte sich Stabilität, als sie den charmanten Bruno* auf Tinder kennenlernte. Er war gut aussehend und zuvorkommend. Er konnte ihr jeden Wunsch von den Lippen ablesen und versprach ihr genau das, was sie sich von ganzem Herzen wünschte: die große Liebe. Ganz ähnlich war es auch für die 23-jährige Sophie*, an dem Tag, an dem sie glaubte, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. „Er war wie ein Traumprinz“, erinnert sie sich. „Er hat meine Erwartungen vorhergesehen und ahnte alles über meine Persönlichkeit. Es war fast zu perfekt. Er wusste ganz genau, was er sagen musste, um mich zu verführen.“

Perverse Narzissten lieben das Spiel mit der Macht und der Kontrolle. Echte Gefühle haben sie nur selten. Sie leiden nämlich an einem Mangel an Empathie anderen Menschen gegenüber. Eine Art Dr. Jekyll und Mr. Hyde. „Es handelt sich um eine Person, die an einem komplexen Störungsbild leidet, das nur schwer zu identifizieren ist“, erklärt die Psychiaterin Dr. Niamh Catherine Power. „Ich bin der Meinung, dass es sich um eine narzisstische und antisoziale Persönlichkeitsstörung handelt.“

Deshalb ist eine Beziehung mit ihnen schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Steckt das Opfer bis in der Zwickmühle, entkommt es den perversen Strategien seines Partners nur sehr rar. Er beurteilt und verurteilt, bringt sein Opfer ins Schwanken.

„Wenn er seine Brille trug, war er ein anderer Mensch“, erzählt Sophie. „Dann kamen die Vorwürfe und die Kritiken. Ich sei nicht intelligent oder sogar zu dumm, um weiter zu studieren. Das schlimmste war aber die körperliche Abwertung.“ Regelmäßig gab ihr angeblicher Traumprinz ihr zu verstehen, sie sei zu dick und sie solle doch etwas dagegen unternehmen. Wehrt sich das Opfer dagegen, wird die Kritik verallgemeinert.

Ich bin, ohne es wahrzunehmen, in eine Falle getappt.Vita Mangini

„Er behauptete, ich sei zu empfindlich und er wolle ja nur mein Bestes“, erinnert sich Sophie. Auch wenn die Beweise auf der Hand liegen, kommt es zu Realitätsverleugnung, ganz nach dem Motto: Das hast du dir nur eingebildet. „Ich habe sehr schnell herausgefunden, dass er sich mit anderen Frauen trifft“, verrät Vita. „ Schlussendlich war es aber meine Schuld. Er behauptete, ich würde unter krankhafter Eifersucht leiden.“

Der Narzisst nutzt jede Schwäche. Die Demütigungen sind ein Mittel, sich selbst damit zu erhöhen und die eigenen Schwächen zu verstecken. Es hat nicht viel Sinn zu protestieren oder auf irgendeine Form von Verständnis zu hoffen. Kompromisse gehören für perverse Narzissten nicht zu einer Beziehung.

„Einen perversen Narzissten kann man eigentlich nicht verändern. Man kann ihn nicht heilen“, möchte Dr. Niamh Catherine Power klarstellen. „Diese Persönlichkeitsstörung ist sehr schwierig zu heilen, weil die betroffene Person sich gar nicht bewusst ist, dass sie unter einem Störungsbild leidet.“

Nach draußen wirkt er aber meistens charmant, sympathisch oder sogar witzig. Für Familie und Freunde ist es schwierig, herauszufinden, was sich wirklich abspielt. Der perverse Narzisst hat nämlich verschiedene Gesichter. Währenddessen wird die Angst für das Opfer immer größer. Ein unendlicher Teufelskreis. Es entsteht eine unerträgliche emotionale Abhängigkeit, die der Narzisst skrupellos ausnutzt.

„Ich hatte ständig Angst, er würde mich verlassen“, verrät Vita. „Man fühlt sich traurig, denn man ist ja schlussendlich überzeugt, dass man schuldig für all das ist, was schief geht.“ Als sie aber eines Tages der Beziehung ein Ende machen will, droht ihr Partner ihr mit körperlicher Gewalt. „Ich werde dir die Zähne einschlagen, hat er gesagt“.

Wie ein Raubtier lässt der perverse Narzisst nie von seinem Opfer ab. Auch wenn es hunderte Kilometer weit von ihm entfernt ist. Das hat Sophie sehr schnell während ihres Erasmus Studiums in Marseille festgestellt. Mehrmals am Tag ruft er sie an oder schreibt ihr Mails. „Er hat einen unerträglichen psychologischen Druck auf mich ausgeübt“, erinnert sich die 23-Jährige. „Er hat mir vorgeworfen, ich würde sowieso fremdgehen. Er hat es fertig gebracht, dass ich in den vier Monaten, die ich in Marseille verbracht habe, nie das Appartement verlassen habe. Nur um zur Universität zu gehen. Ich habe keines meiner Examen bestanden und schlussendlich bin ich in der Klinik gelandet.“

Einen perversen Narzissten kann man eigentlich nicht verändern. Dr. Niamh Catherine Power

Sophie war am Boden zerstört, doch es war der Auslöser, der sie aus dieser toxischen Beziehung befreit hat. Auch die 42-jährige Vita hat eines Tages nicht mehr genügend Kraft, um sich zu wehren. „Eines Tages habe ich mir gedacht, ich könnte ja eigentlich aus dem Fenster springen“, verrät sie. „Das war der Auslöser. Mir wurde bewusst, dass ich Hilfe brauche.“ Sie sucht sich professionellen Rat. Ihr Partner behauptet, sie sei verrückt und das wäre doch alles nur Unsinn. Sie solle nicht mehr zur Therapie gehen. Aber sie hört nicht mehr auf ihn. „Ich wusste, es ist vorbei.“

Der angebliche Traumprinz vergisst sein Opfer aber nicht so schnell. Sophie und Vita bekommen beide noch regelmäßig ungebetene Besuche oder Telefonate. „Manchmal weint er am Telefon“, verrät Vita. „Er fährt sporadisch mit dem Auto durch meine Straße und hupt, um mir zu zeigen, dass er da ist“, erzählt Sophie. Doch beide Frauen sind sich sicher, ein zweites Mal tappen sie nicht in die Falle. Sie haben verstanden, dass man einen perversen Narzissten nur ganz selten ändern kann.

„Perverse Narzissten lassen sich auch nur selten helfen“, betont Dr Niamh Catherine Power. „Meistens nur dann, wenn sie zum Beispiel von der Justiz dazu gezwungen werden. Auf freiwilliger Basis aber eigentlich nie, denn sie stellen sich ja nicht in Frage.“

* Name wurde von der Redaktion geändert.

Fotos: Anne Lommel, Pixabay

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

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Author: Philippe Reuter

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