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Natur statt Plaste

Das Klettern an Plastikgriffen boomt seit Jahren und erhält als Wettkampfdisziplin nächstes Jahr sogar olympische Weihen. Jay Hoffmann zieht jedoch die Herausforderung am Fels vor.

Das Thermometer im Auto zeigt vier Grad und so richtig wärmen die morgendlichen Sonnenstrahlen noch nicht. Unbeirrt stapft Jay Hoffmann mit einer dicken Matte auf seinem Rücken die wenigen Minuten vom Parkplatz zu einem großen, rund zwanzig Meter breiten Sandsteinblock. Nach einigen Übungen, um die verletzungsanfälligen Sehnen vor allem der Finger aufzuwärmen, zieht er seine Kletterschuhe unter den Armbeugen hervor, haucht zusätzlich ein paar Mal etwas Wärme ins Innere und zieht sich das dünne Leder mit den gut haftenden Vibramsohlen über die nackten Füße.

„Die Temperaturen sind mir ziemlich egal, es muss nur trocken sein. Und am besten ein wenig Sonne. Ich bin hier auch schon bei minus fünf Grad geklettert, so guten Grip hatte ich noch nie“, findet der junge Boulderspezialist. Beim Klettern am Fels setzt man sich ganz automatisch mit den natürlichen Gegebenheiten auseinander, beobachtet die Natur nicht nur aus dem eigenen Erleben, sondern auch in ihren Auswirkungen. „Gegen die Kälte haben wir Kletterer ja unsere dicken Daunenjacken und im Winter meist auch eine Thermoskanne Tee dabei“, erzählt er. Mit der Sonne im Gesicht und ständigen Vogelzwitscherns im Hintergrund erklärt er: „Gerade beim Bouldern am eigenen Limit muss man auch strategisch vorgehen. Wissen, wann welcher Block die besten Bedingungen bietet. Das ändert sogar zu den einzelnen Tageszeiten.“

Bouldern ist das seilfreie Klettern auf Absprunghöhe, Crashpads genannte Matten polstern Steine und Unebenheiten ab und besonders schöne Linien, die mit nur wenigen, aber maximalschwierigen akrobatischen Bewegungen überwunden werden, sind das große Ziel der Sportler. „Die steile ’The Green Mile‘ ist ein fünf-Sterne-Block, nur wegen ihm sind schon richtig starke Boulderer hierhin gekommen, aber so feucht wie er jetzt noch ist, wird man ihn heute nicht klettern können“, prophezeit Jay Hoffmann während er mit dem Finger auf einen kleinen Kondenswassertropfen an einem Griff zeigt. Überraschenderweise sind die kälteren Monate in den meisten Gebieten die beste Saison fürs Bouldern.

Fels ist mir viel wichtiger als Plastik.

Wie im nahe Paris gelegenen Mekka des Boulderns Fontainebleau liegen die Sandsteine des kleinen, aber feinen und schwierigen Bouldergebietes auf der deutschen Seite der Sauer mitten im Wald. Ohne störendes Laub kann Wind und Sonne den Fels ziemlich ungehindert trocknen. Hinzu kommt die besondere Stimmung wie er auf Facebook schwärmte: „Im Herbst am Fels zu klettern, macht so viel Spaß. Die unglaublichen Bedingungen und die wunderschönen Farben machen aus dem Herbst die beste Saison.“ Das feuchtere Mikroklima im Sommer verhindert hingegen guten Grip und hinzu kommen körperliche Faktoren: „Bei mehr als 30 Grad wird man deutlich schneller müde und die Haut ist so weich, dass sie an den Fingerspitzen schnell kaputt geht“, erklärt der aktuell stärkste Boulderer Luxemburgs.

Neben dem Beobachten der Natur gehört auch ein präzises Hineinhorchen in den eigenen Körper zum Werkzeugkasten eines guten Boulderers. Enorme Belastungen wirken auf den Körper, während er nur mit einigen Fingerkuppen einen winzigen Zangengriff umklammert und mit verdrehten Knien den Körperschwerpunkt an der steil überhängenden Wand etwas höher schiebt. „Bouldern habe ich ziemlich schnell gelernt, obwohl ich nie sportlich war. Ich bin nur völlig begeistert vom Klettern, habe ein gutes Körpergefühl und auch viel Fingerkraft“, erzählt der junge Bienenzüchter bescheiden. Dabei schaffte es der 22-Jährige von seinen Anfängen beim Boulder Club Lëtzebuerg im November 2013 in knapp fünf Jahren „Die Unendliche Geschichte I“ im schweizerischen „Magic Wood“ zu bezwingen, was mit der Wertung „fb 8a+“ der schwierigste Felsblock ist, an dem sich je ein Luxemburger hochgehangelt hat.

Die Temperaturen sind mir ziemlich egal, es muss nur trocken sein.

Bei den Landesmeisterschaften 2017 wurde Jay Hoffmann zudem überraschend Landesmeister. Überraschend, denn „eigentlich wollte ich den anderen Wettkämpfern ja lieber die Probleme schrauben, das macht mir mehr Spaß. Doch mein Trainer Jerry Medernach überzeugte mich kurzfristig von der Teilnahme und so machte ich zwei Wochen vorher schnell noch eine Lizenz. Wettkämpfe reizen mich eigentlich wenig, für mich sehe ich wenig Sinn darin. Man kriegt zwar eine Medaille und einen Titel, aber international will ich eh nicht antreten“, erklärt der 65 Kilogramm leichte und 1,75 Meter große, sehnige Athlet seine Einstellung und fährt fort: „Am Fels zu klettern, ist eine Natursportart, sie stammt von dort und der Fels ist mir viel wichtiger als Plastik.“

Dabei stammt sie ursprünglich „vom Plastik“ – seine Anfänge beim Boulder Club Lëtzebuerg spielten sich ausschließlich in einem kleinen Kellergewölbe einer Grundschule auf dem Limpertsberg ab, wo sich eine dynamische Community unter dem Impulsgeber des hiesigen Boulderns Jerry Medernach gefunden hatte. Und kehrt trotz der Vorliebe für den Fels seinen Anfängen nicht den Rücken: „Das heutige Niveau wäre ohne das spezifische, intensive Training in den Kletterhallen überhaupt nicht denkbar. Ich trainiere natürlich auch weiter indoor, doch lege ich dabei mehr Wert auf Technik und Bewegungsgefühl als auf schiere Kraft. Um weiter zu kommen, werde ich allerdings in Zukunft auch mehr gezielten Aufbau, insbesondere der Fingerkraft, einbauen müssen.“

Als er mit der angesprochenen sehr steilen „The Green Mile“ am 24. Juli 2017 erstmals die Schallmauer einer „8a“ durchbrach, hatte er noch keinen Führerschein und er fuhr zu jener Zeit per Zug und Bus fast drei Stunden in sein Heimatrevier. Mit Führerschein wird im Urlaub die Welt und der Kofferraum seines Kleinwagens sein Zuhause. Über ein rudimentäres Gerüst breitet er seine Bouldermatte bis zu den Vordersitzen als Bett aus. Seine Begeisterung für Ausflüge in Gebiete wie das französische Fontainebleau, aber auch die Alpen mit dem schweizerischen „Magic Woods“, und das auf 2.000 Metern gelegene San Gotardo, das österreichische Zillertal oder das italienische Val di Melo können auch die kalten Nächte im Auto nicht schmälern. Vielleicht härtet ja ab, dass die Boulderer bei niedrigen Temperaturen die kalten Kletterschuhe zwischendurch immer wieder unter die Achselhöhlen klemmen, damit die Sohlen geschmeidig und griffig bleiben.

Fotos: Georges Noesen

Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

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Author: Philippe Reuter

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