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Neue Humorlosigkeit

Es besteht kein Zweifel daran, dass sich mit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke die (Art der) Kommunikation drastisch verändert hat. Jeder kann alles kommentieren und ständig interagieren. Doch diese vermeintlich basis-demokratische Meinungsäußerung zeigt auch eines eindrucksvoll: Provokative Ironie oder subversiver Humor sind Stilmittel, die für manche schwer nachzuvollziehen sind.

Wer sich davon überzeugen will, der braucht nur Facebookseiten wie „Hunde raus aus Deutschland“, – eine Persiflage auf reaktionären Überfremdungsdenkweise – oder „Tattoofrei“ – eine Verballhornung von Klischees – anzusurfen um festzustellen, dass so manch ein User besser die Tastatur statt des Großhirns ruhen ließe.

Zu diesem Missverständnis über rhetorische Stilmitteln kommt hinzu, dass immer mehr Mitmenschen verhärtete Denkweisen an den Tag legen, und nicht selten mit dem Erstatten von Anzeige drohen, wenn sie sich auf den Schlips getreten fühlen.

Immer mehr Mitmenschen legen verhärtete Denkweisen an den Tag.

Drei Mitglieder der erzkonservativen Pro-Religionsunterrichtsvereinigung „Fir de Choix“ fühlten sich von einem Post der „Allianz der Humanisten, Atheisten und Agnostikern“ (AHA) dermaßen angegriffen, dass sie Anzeige gegen AHA und deren Präsidenten erstatteten. Stein des Anstoßes: In einem Beitrag zu einem Foto, auf dem AHA-Präsident Laurent Schley Bildungsminister Claude Meisch einen Schredder zum Vernichten von permanenter Post überreichte, hatte AHA auf Facebook von „religiösen Fanatikern“ gesprochen.

Der provokative Humor des Posts scheint wohl nicht ganz angekommen zu sein. Und wenn die Staatsanwaltschaft findet, der Facebookeintrag bezwecke lediglich, die Menschen hinter einer „Fir de Choix“-Postkartenaktion zu belächeln, fragt man sich, wie weit die neue Humorlosigkeit reicht.

Denn selbst wenn jemand dem AHA-Beitrag sein humoristisches Augenzwinkern aberkennen will, kann man sich die Frage stellen, ob die Betitelung „religiöser Fanatiker“ vor Gericht landen muss? Weder der Name „Fir de Choix“, noch die „Fir de Choix“-Postkartenaktion an sich wurden nämlich explizit beim Namen genannt.

Und so sieht es ganz danach aus, als wolle „Fir de Choix“ – weil sie auf ziemlich verlorenem Posten kämpft – Kritikern durch Prozesse den Wind aus den Segeln nehmen. Bleibt zu hoffen, dass die Justiz nicht auf diese doch recht durchschaubare Masche hereinfällt.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Philippe Reuter

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