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Neue Startaufstellung

Zu behaupten, Covid-19 hätte auch sein Gutes, wäre wohl maßlos übertrieben, aber die wochenlange Selbstisolation im stillen Kämmerlein hat zumindest dazu geführt, dass die Öffnung der Kneipen-Terrassen trotz Einschränkungen bei Tischwahl und obligatorischem Sitzplatz zum sozialen Highlight avancierte.

Fotos: Julien Garroy (3), Fabrizio Pizzolante (1) (beide Editpress), Eric Netgen (3)

Wir stehen erst mal wie bestellt und nicht abgeholt in der Landschaft rum, wollen ein erstes Mal prosten, und schon ist es vorbei. „Ihr müsst euch setzen, tut mir leid, aber das ist so“, sagt ein auf der Terrasse sitzender Mann mit freundlicher, aber keineswegs zweideutiger Stimme. „Das sind die Vorschriften, ihr wisst schon“, sagt er und zeigt auf eine Bank aus Paletten gegenüber von einem Bikertypen, der eine Flasche Bier vor sich auf dem ebenfalls aus Paletten gezimmerten Tisch mit seiner tätowierten Hand liebkost. Also setzen und keine Fisimatenten machen. Endlich können wir die zwei Humpen zum Glockenspiel machen. Klinggg…

Ein neuer Gast will sich am Nebentisch breitmachen, aber da ist, Social Distancing hin, Sicherheitsabstand her, kein Platz mehr.

„Skol“, sagt der eine, „Slainte“, antworte der andere und erspäht bekannte Gesichter am Nebentisch – oder vielmehr der Nebenpalette. „Cheers Leute, wann macht denn das Pitcher eigentlich auf?“, will einer wissen. „Am Dienstag oder Donnerstag, der hat ja keine Terrasse…“ „Aber da ist doch eine Baustelle vor der Tür, vielleicht bekommt er eine.“ „Nee, da werden jetzt die Walk of Fame-Gedenktafeln für die ganz guten Stammkunden hingelegt. Ich habe meinen Namen ganze vier Mal dort stehen sehen, und deinen nicht einmal, du musst dich in Zukunft vielleicht etwas mehr anstrengen.“ Ein neuer Gast will sich am Nebentisch breitmachen, aber da ist, Social Distancing hin, Sicherheitsabstand her, kein Platz mehr. Der Vordenker der Gegenpartei, ein bärtiger „Educateur“ ergreift, wie es seine Ausbildung von ihm verlangt, sofort die Initiative: „Darf er sich zu euch setzen?“ „Natürlich darf er das, sobald er die Pandemie-Hefe-Steuer bezahlt hat. Du weißt ja, das ist wie bei den Luden am Kiez, erst wird artig die Stecke abgedrückt.“ Nach fünf Minuten auf der Terrasse des „Escher Kafé“ in der rue du Clair-Chêne, wo Schatten spendende Platanen Spalier stehen und der Autoverkehr an diesem Tag zu einem symbolisch-sporadischen Akt verkümmert ist, hat sich das Ambiente ruckzuck auf Vor-Corona-Niveau eingependelt. Es wird gelacht, gebechert und eine Menge therapeutischer Stuss geredet. War wohl doch ein bisschen lang, die Sache mit der Isolation. Und es fällt auf: Niemand verliert ein einziges Wort über die Pandemie an sich. Die Zeitungen, die Glotze, das Radio, alle hatten sie nur das Eine im Sinn, tagein, tagaus, jetzt scheint jeder die Nase gestrichen voll davon zu haben.

Ob es nicht so langsam an der Zeit wäre, eine zivilisierte Gerstenschale kalt aus der Pumpe zu probieren, anstatt so ein nach Isolationshaft müffelndes Flaschenbier zu kredenzen, will ich vom Biker wissen, der bis dahin noch kein einziges Wort von sich gegeben hat. Ohne Ton zeigt er erst mit einem Wurstfinger auf die Etikette vom alkoholfreien Gesöff und dann, nach einem theatralischen Schwenk in Zeitlupe des gleichen Fingers auf eine am Straßenrand abgestellte, schwarz funkelnde Harley, die dort wie die Amoco Cadiz in vermeintlich stabiler Seitenlage auf dem Ständer ruht. „Fahre seit vierzig Jahren Motorrad, das soll nicht heute Abend zu Ende gehen.“ Ein weiser Entschluss, fürwahr, besonders da die Polizei wie Warren Oates damals „In the Heat of the Night“ im Schneckentempo in regelmäßigen Abständen um den Block schleicht und die Augen offen hält. Vorsicht ist die Mutter der Ausnüchterungszelle.

Niemand verliert ein einziges Wort über die Pandemie an sich.

Also reden wir übers Biken der 80er Jahre, sondieren „preuve à l’appui“ warum der durchgeknallte Australier Wayne Gardner so großartig war, obwohl er nur einen Titel gewann, kommentieren die Leistungen von Kenny Roberts, Randy Mamola und dem gottesfürchtigen Freddie Spencer, der zwar ein absolut begnadetes Wunderkind war, mir aber als Jugendlicher ein bisschen zu gepflegt erschien, weil er immer eine Dr-Pepper-Limonade in die Kamera hielt und irgendein wirres Zeug von Jesus faselte, sobald er ein Rennen gewann. Was so gut wie bei jedem Rennen der Fall war. So eine fromme Kanzelwanze, die konnte mit einem langhaarigen Wayne Gardner nicht mithalten, dieser Aussie, der aussah, als würde er zwischen zwei Rennen nebenbei auch noch Gitarrenriffs für Thin Lizzy auf der Stratocaster nudeln. Der Bartträger und ich drehen schließlich die Zeitmaschine zurück zum Urknall der Disziplin, dem unterhaltsamen Bruchpiloten Barry Sheene, dem Meister aller Klassen Phil Read und dem unglückseligen Mike Hailwood, der zwar den lebensgefährlichen Rennzirkus überlebte, um dann später beim Fish-and-Chips-Holen in seinem Rover von einem Lastwagen bei dessen illegalem Wendemanöver getötet zu werden. Zu guter Letzt huldigen wir natürlich dem legendären Giacomo Agostini, der mit 15 Weltmeistertiteln zweifelsohne der Allergrößte war. Als der Name des Weltmeisters von 1993 fällt – Kevin Schwantz, für all diejenigen die das nicht wissen – erhebt sich der Mann in Leder mit den Worten „Ist zwar kein Lustig-Bier, hat aber denselben Effekt auf die Blase“. Er setzt die blaue Maske auf und geht ins Café, wo zwei oder drei Kunden dem guten Wetter im Dunkeln trotzen. Als er weg ist, verstummt die Meute auf der Terrasse auf einmal. Ein Streifenwagen der Polizei hält vor der Harley und zwei Beamte blicken stumm in die Runde, drei gefühlte Minuten lang, dann machen sie sich in Schleichfahrt vom Acker. Es gab wohl nichts zu beanstanden.

Drinnen geht die Wirtsfrau unbeirrt hinter einer Plexiglasscheibe, die den Tresen vom Raum trennt, ihrer noblen Bestimmung nach. Am Nebentisch reden sie gerade über ihre Hunde, während ich verzweifelt nach dem Namen von Takazumi Katayama suche und ihn partout nicht finde. „Verdammt, wie hieß dieser Japaner, der die Honda mit den vier ovalen Zylindern und den acht Zündkerzen fuhr?“ Zu stolz, um es im Internet nachzusuchen, bleibt mir die Lösung des Rätsels an diesem Abend verwehrt. Das nächste Mal, wenn ich den Biker treffe, werde ich sofort Katayama sagen. Und er wird mit seinem Wurstfinger an die Schläfe tippen und „riiichtig“ antworten. Dann können wir wieder in Erinnerungen schwelgen und uns über den kolossal guten aber auch extrem faden Freddie Spencer auslassen, diese aalglatte Küchenschabe aus Cajun Country. Den hätte Clint Eastwood doch mal mit in den Friseursalon nehmen sollen, damit ein Mann aus ihm wird. Genau da werden wir beim nächsten Mal anknüpfen, wenn wir über alles außer Corona und Co. plaudern werden.

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Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

Author: Martine Decker

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