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Neuer Lebensabschnitt

Es ist eine Premiere in Luxemburg. Eine partizipative Wohngemeinschaft für Senioren, die sowohl einem Zusammenleben unter Gleichgesinnten als auch ideologischen Wünschen entspricht.

„Dieses Projekt ist eine echte Herausforderung für mich“, betont Astrid Lauterbach. „Ich möchte nicht, dass meine Kinder später für mich entscheiden, wo ich meine letzten Jahre verbringen soll. Ich nehme meine Zukunft selbst in die Hand.“ Die 65-Jährige ist fest entschlossen. Es ist der Anfang einer neuen Lebensphase, in einer Wohngemeinschaft mit echten Geistesverwandten. Der Ausdruck ist nicht übertrieben, denn was die Bewohner hier zusammenbringt, sind gemeinsame Prinzipien, was das Zusammenleben angeht. Werte, die sich um ethische, soziale und sogar ökologische Erwartungen und Überzeugungen drehen.

„Das bezeichnen wir als partizipative Wohngemeinschaft“, erklärt Emma Zimer, Gründerin der Start-Up „Nouma“, mit der sie Senioren auf diesem Weg sozusagen begleitet. „Die Bewohner sind in das Projekt eingebunden. Sie haben sich beispielsweise an der Ausarbeitung der Pläne der Gebäude beteiligt, sie haben eine Charta und Betriebsvorschriften aufgestellt, die fortgeschrittener sind als in einer traditionellen Eigentumswohnung, weil wir auch Gemeinschaftsräume haben.“

In drei Jahren soll diese partizipative Wohngemeinschaft in Lorentzweiler in der „Villa Lorenz“ ihre Türen öffnen. Ein innovatives Bauprojekt, das großen Wert auf die Reduzierung des Energieverbrauchs und erneuerbare Energien legt. Der Begriff „WG“ kann irreführend sein, denn hier handelt es sich um zwölf Apartments, mit einer Fläche von 56 bis 96 Quadratmetern, wo jeder Bewohner sein eigenes Schlafzimmer, seine Küche, sein Bad und sein Wohnzimmer hat. Zusätzlich zu all dem gibt es Gemeinschaftsräume, einen Garten und eine Terrasse.

„Elf der zwölf Wohnungen werden sich in einem Holzanbau befinden, der mit Photovoltaikmodulen auf dem Dach ausgestattet ist, die das gesamte Gebäude mit Strom, aber auch mit Heizung und Warmwasser versorgen. Es ist schon relativ innovativ, muss man sagen“, verrät Emma Zimer. Die zukünftige Residenz ist nämlich nicht nur ein partizipatives Projekt, sondern soll seinen Bewohnern auch einen ökologischen und gesunden Lebensraum bieten.

So wie Astrid Lauterbach, hat auch Joëlle Schuster sich für diese, bis jetzt hierzulande noch nicht existierende Lebensweise entschieden. Die 66-Jährige ist, so wie ihr zukünftige Mitbewohnerin Astrid, seit einigen Jahren in Rente und auch die Kinder sind längst aus dem Haus. „Ich bin sogar schon Großmutter“, verrät sie. Von ihrem Mann hat sie sich bereits vor 27 Jahren scheiden lassen. „Und ein Neuer ist auch nicht vorgesehen“, verrät sie lachend. Es ist schwer für mich zu begreifen, was diese zwei dynamischen Damen bewegt, ihr langjähriges und gewohntes Zuhause für eine Wohngemeinschaft zu verlassen. Sie sind aktiv, mobil und fit, kurz gesagt, sie sind in meinen Augen noch viel zu jung.

„Ich möchte nicht, dass meine Kinder später für mich entscheiden, wo ich meine letzten Jahre verbringen soll. Ich nehme meine Zukunft selbst in die Hand.“ Astrid Lauterbach

„Wir sind oft der Meinung, wir hätten noch Zeit“, meint Astrid Lauterbach. „Doch es kann manchmal sehr schnell gehen. Mit 75 oder 80 Jahren bin ich mir auch nicht sicher, ob ich noch die nötige Energie habe, um an solch einem Projekt teilzunehmen.“ Sie will Aktion und zugleich etwas für ihre Zukunft machen. Diese Argumente kommen stets während unserer Diskussion in den Vordergrund. Etwas Neues aufbauen, konkret mitgestalten und -entscheiden. Das ist der Motor der beiden Damen. „Ich habe mein ganzes Leben für mich selbst entschieden“, betont Joëlle Schuster. „Und ich treffe auch jetzt auf meine alten Tage meine eigenen Entscheidungen. Ich möchte nicht alleine bleiben. Ich habe mich zwar bis jetzt noch nie einsam oder alleine gefühlt, aber das wird kommen, das weiß ich. Für verschiedene Senioren ist der Pflegedienst der einzige Kontakt, den sie noch zur Außenwelt haben. Den Rest der Zeit sitzen sie alleine zu Hause. Das kann ja nicht sein!“

Die Isolation im Alter wollen die beiden auf jeden Fall vermeiden. „Die Gemeinschaftsräume sind ein sehr wichtiger Bestandteil der Wohngemeinschaft“, betont Astrid Lauterbach. „Ich träume davon, und das liegt mir wirklich am Herzen, dass ich abends auf der Gemeinschaftsterrasse mein Gläschen Wein trinken kann und trotzdem nicht alleine bin.“

Laut der letzten Statec-Studie sind fast 20 Prozent der Luxemburger 60 Jahre oder älter. Insgesamt sind das 121.759 Einwohner. Tendenz steigend, wenn man das mit den Zahlen der letzten Volkszählung aus dem Jahre 2011 vergleicht. Ob das allerdings bedeutet, dass partizipative Wohngemeinschaften für Senioren sich in den nächsten Jahren hierzulande vermehren werden, kann keiner vorhersagen.

„Für verschiedene Senioren ist der Pflegedienst der einzige Kontakt, den sie noch zur Außenwelt haben. Den Rest der Zeit sitzen sie alleine zu Hause. Das kann ja nicht sein!“ Joëlle Schuster

PR2_8124-Kopie„Im Ausland treffen Senioren diese Wahl, in einigen Fällen aus wirtschaftlichen Gründen. Wenn sie in Rente gehen, können sie sich bestimmte Ausgaben nicht mehr leisten, also kommen sie zum Entschluss, eine kleinere Fläche in einer derartigen Wohngemeinschaft zu kaufen. Das ist in Luxembourg nicht der erste Grund eine WG zu wählen“, meint Emma Zimer von Nouma.

Eine Entscheidung, die, egal aus welchen Gründen, reichlich überlegt wurde. Einen Neuanfang, den Astrid und Joëlle trotz ihrer großen Begeisterung sorgfältig durchdacht haben. Wie eine Chance, die Platz macht für einen neuen Inhalt in einem bereits reichlich gefüllten Leben.

„Lâcher prise! Was bedeutet das?“, fragt mich Joëlle. „Ich habe 20 Jahre gebraucht, um diesen schönen Satz zu begreifen. Loslassen, sich befreien von all dem, was man nicht mehr braucht. Entrümpeln und weg damit.“ Barrieren überwinden, um sich den Start ins neue Leben zu gönnen. Den Mut zur Veränderung haben. „Ich wohne über 40 Jahre in einem Haus, das voller schöner Erinnerungen steckt“, verrät Astrid. „Es war eine Bruchbude, als ich es als junges Mädchen mit meinem ersten Mann gekauft und renoviert habe. Jeder einzelne Stein dieses Hauses hat eine Geschichte. Natürlich wird es einen Schnitt geben, wenn ich in drei Jahren ausziehen werde, doch wie sagt man so schön: no risk, no fun!“

Fotos: Philippe Reuter, Codur SA

Mehr Informationen: www.nouma.lu

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Author: Martine Decker

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