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Neues Kino-Zeitalter?

Nach dem 3D-Boom steht uns eine neue Kino-Revolution bevor. Seit einigen Wochen spielt sich im Kinepolis auf Kirchberg die Action nämlich nicht nur auf der Leinwand ab, sondern im Saal. Dank einer, als revolutionär gepriesenen Technik: Die 4DX.

Mein Sitz neigt sich ganz langsam nach hinten, während auf der Leinwand ein Flugzeug nach Europa startet. An Bord Peter Parker alias Spiderman. Ohne große Begeisterung lehne ich mich zurück und überkreuze ganz gelassen meine Beine, als es plötzlich eine Explosion gibt. Ein warmer Luftstoß bläst mir ins Gesicht. Der Sitz zittert heftig hin und her, während der Saal sich mit Rauch füllt… und schon stürzt Spiderman in die Tiefe, indessen unter ihm das Meer wild tobt. Der Stuhl lehnt sich ohne Vorwarnung mit einem Ruck nach vorne und dünner Wassernebel spritzt mir im Blitzgewitter entgegen. Rasch schaue ich mich im dunkeln Saal um, um festzustellen, ob mich vielleicht jemand beobachtet hat, während ich für wenige Sekunden die Beherrschung meiner Selbstkontrolle verloren habe. Das also ist 4DX-Kino.

Ein revolutionäres Erlebnis, das seinen Ursprung in Südkorea hat. Hier wurde schon vor zehn Jahren die 4DX-Technologie entwickelt, die hochpräzise Bewegungen und die perfekte Synchronisation mit dem Szenario des Films ermöglichen. Ganze 18 Tage hat es gedauert, um Saal Nummer vier des Kinokomplexes in Kirchberg mit der benötigten Technologie auszustatten. 116 Sitze sollen den Gästen in Zukunft mit Rüttel-Effekten eine totale Immersion in den Film bieten. Ganz nach dem Motto: Was der Zuschauer auf dem Bildschirm sieht, erlebt er auch, dank dynamischer Bewegungen, die nicht weniger als 20 atemberaubende Empfindungen reproduzieren. Drehen, fallen, springen, zittern kombiniert mit Effekten wie Wind, Rauch, Regen, Nebel, Schnee und sogar Geruchsempfindungen. Eine kostspielige Einrichtung, die auf finanzieller Basis dem Zehnfachen eines herkömmlichen Saals einspricht.

Was der Zuschauer auf dem Bildschirm sieht, erlebt er auch, dank dynamischer Bewegungen, die nicht weniger als 20 atemberaubende Empfindungen reproduzieren.

Die südkoreanische Firma, die diese revolutionäre Technik entworfen hat, arbeitet mit den größten Hollywood-Studios zusammen. Jedes Jahr kommen weltweit mehr als 100 Filme in die Kinos, die mit der 4DX-Technologie kompatibel sind, darunter ein großer Teil der Hollywood-Blockbuster.

Mit zerzaustem Haar und 3D-Brille auf der Nase lasse ich mich ohne Widerstand, fast reaktionslos, bei jedem Aufprall und jeder weiteren Explosion in alle Richtungen schütteln. Die Avengers haben Spiderman ersetzt. „Endgame“ heißt die aktuelle Version des neuen Marvel-Superheldenfilm. Der finale Kampf gegen Thanos macht mich perplex. Die 4DX-Technologie ist überraschend wirkungsvoll und vor allem sehr überzeugend, doch nach einigen Minuten wünsche ich mir trotzdem, dass die „Action“ sich etwas mehr auf der Leinwand abspielt als in meinem Rücken. Obwohl die Effekte eher subtil sind und der Kinobesucher die Wassereffekte mit einem Knopfdruck ausschalten kann, kommt es mir vor, als würden verschiedene Effekte missbräuchlich verwendet werden. Weniger ist manchmal eben mehr. Natürlich stelle ich mich bei diesem Gedanken sofort in Frage. Vielleicht entspreche ich nicht der Zielgruppe. Schnell huschen meine Augen durch den finsteren Saal. Niemand sieht hier gequält oder gelangweilt aus. Auf den ersten Blick, im Dunkeln, jedenfalls.

Es ist schon klar, dass das 4DX-Kino eine logische Erweiterung des Angebots ist, um zu versuchen, dem starken Rückgang der Besucherzahlen vom letzten Jahr ein Ende zu bereiten. Trotzdem ist das 4DX-Erlebnis nicht für alle Kinobesucher geeignet. Schwangere Frauen, Menschen mit gesundheitlichen Problemen, wie Herzerkrankungen und Rückenschmerzen, sowie Menschen, die unter Reisekrankheit leiden, sollten lieber auf die revolutionäre Technik aus Südkorea verzichten. Kinder unter vier Jahren und deren Körpergröße unter einem Meter liegt werden nicht zugelassen. Ein anderer Minuspunkt ist der Preis. Für einen 4DX-Film zahlen Sie sechs Euro zusätzlich zum Standard-Preis. Trotzdem bleibt das 4DX-Kino ein außergewöhnliches Erlebnis, das man so nicht zu Hause vor dem Tablett oder Fernseher erleben kann. Es lohnt sich also trotzdem, diese überraschend intensive Neuheit zu testen.

Fotos: Philippe Reuter, Kinepolis

Mehr Informationen: kinepolis.lu

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Author: Philippe Reuter

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