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Neues Team, neues Glück

Er ist nicht nur eine Nachwuchshoffnung. Bob Jungels hat überaus ehrgeizige Ziele. Im neuen Etixx – Quick-Step-Team muss er sich nun beweisen.
Fotos: Tim de Waele/Etixx − Quick-Step, Chrëscht Beneké/Editpress

Auf der Startrampe saugt der knapp 1,90 Meter große Modellathlet ein letztes Mal die Lungen voll Sauerstoff, dick bläst er die Backen auf und tritt fest zu. Keine Zeit zum Einrollen, die 67. Volta a la Comunitat Valenciana fängt für Bob Jungels gleich mit Vollgas an. „Ich hätte zwar als Start in die Saison eine normale Etappe bevorzugt, aber so geht es wohl auch allen anderen“, kommentiert er die hügligen und technisch anspruchsvollen 16,2 Zeitfahrkilometer zum Auftakt. Er ist jedoch nicht alle anderen, gerade heute nicht: 2010 war der Luxemburger Junioren-Weltmeister in dieser Disziplin, dem ehrgeizigen 23-Jährigen wird im Radsport eine große Zukunft prognostiziert und sein neues Team Etixx – Quick-Step ist erfolgsverwöhnt.

Es sind die ersten Wettkampfmeter im neuen Trikot, und entsprechend erwartungsvoll zeigt sich der Teamverantwortliche Wilfried Peeters in der Pressemitteilung vor dem Wettkampf: „Die ersten Rennen im Jahr sind immer schwer vorauszusagen (…) Am ersten Tag ist ein Zeitfahren, und wir sind neugierig zu sehen, was Bob fertigbringt.“ Mit dem weiteren Neuzugang Dan Martin und Fahrern wie Tom Boonen habe man mögliche Siegfahrer für jede Etappe. Etixx – Quick-Step gehört regelmäßig zu den besten Teams der Welt, 2015 klassierte man sich laut UCI wieder als Vierte. Nicht zuletzt wegen der beiden Neuzugängen visiert die flämische Mannschaft neben den Frühjahrsklassikern und Sprintankünften auch vermehrt einwöchige Rundfahrten an.

IMG_1765Da haben sich wohl zwei gefunden. „Ich ziele auf einwöchige Rundfahrten und die Ardennenklassiker“, verrät jedenfalls Bob Jungels in seinem ersten Blogeintrag fürs Team. „Die großen Rundfahrten kann ich leichter nehmen, da ich noch jung bin und somit keine Notwendigkeit besteht, Schritte zu überstürzen.“ Sein großes sportliches Projekt verfolgt er abgeklärt und sehr professionell. Nahe Castellón nickt er zur Begrüßung kurz mit dem Kopf und steigt aufs Zeitfahrrad. Mit fetten Beats-Kopfhörern schirmt er sich von der Umwelt ab, spult sein halbstündiges Einfahrprogramm routiniert ab und drückt sich dabei zähneknirschend in den roten Bereich. Es stehen wichtige Minuten, aber auch entscheidende Monate im sportlichen Leben des Bob Jungels an.

Das luxemburgische Leopardenprojekt baute 2012 auch aufgrund seiner überragenden Leistungen im Nachwuchsbereich ein Continental-Team um die große nationale Radhoffnung herum auf. Aus diesem wächst er schnell heraus und fügt sich nahtlos ins professionelle Team ein. Seine Entwicklung zeigt ohne Sprünge stetig nach oben, doch als er sich letztes Jahr vom Trek-Team abnabelt, tritt der Teamverantwortliche unsportlich nach. Erstmals muss er sich nun in einem völlig neuen Team beweisen, doch er gibt sich optimistisch: „Die Unterschrift bei Etixx – Quick-Step sehe ich als einen großen Schritt für meine Zukunft.“ Die ersten Lehrgänge haben diese Überlegungen nur bestärkt: „Mega! Ich bin mehr als zufrieden. Alles ist, wie ich es mir vorstelle“, beurteilt er sein sorgfältig ausgewähltes Team. Zudem haben ihn die neuen Kollegen positiv überrascht: „Alles ist enorm einfach. Sogar der Umgang mit solch starken Fahrern wie Tom Boonen, Niki Terpstra und Dan Martin. Nach zwei Tagen war es schon als wenn wir bereits drei Jahre zusammen fahren würden.“

„Ein großer Schritt für meine Zukunft.“ Bob Jungels

Dem ehrgeizigen Sportler gefällt, wie gut das Team im Peloton harmoniert, aber auch, wie aggressiv es die Wettkämpfe angeht. Auf den ersten 14 Kilometern ist er im rot-weiß-hellblauen Landesmeistertrikot jedoch auf sich alleine gestellt. Außer dass der sportliche Leiter Jan Schaffrath ab dem ersten Meter an seinem Hinterrad klebt, jedes Hindernis ansagt und ihn mit „Linke Seite, Vollgas durch“, per Radio durch den ersten Kreisverkehr lotst. „Oap Oap Oap“ meldet sich der Mechaniker allerdings nervös aus den Tiefen des Mannschaftswagens, als Bob Jungels noch innerorts eine scharfe Linkskurve bis auf die letzten Millimeter aussteuern muss. Schnell ist im Radsport ein Unglück passiert, und es fällt auf, wie sehr die Verantwortlichen im Gespräch versuchen, Druck von seinen Schultern zu nehmen, ihn als Versprechen für eine erfolgreiche sportliche Zukunft zu verkaufen. „Druck ist viel gesagt. Meine eigenen Ansprüche sind einfach immer relativ hoch“, erwidert der 23-Jährige auf Nachfrage.

Noch deutlicher tritt die ausgeprägte Wadenmuskulatur hervor, die Beine wirbeln ein ums andere Mal ums Tretlager. „Rhythmus aufnehmen“ und „Dran bleiben“ lauten über einen Knopf im Ohr die knappen Anweisungen von Jan Schaffrath. Erst als der zuvor gestartete Mirko Tedeschi in Schlagdistanz ist, im bis zu zwölf Prozent steilen Anstieg zum malerischen Ausblick übers Mittelmeer, feuert er ihn verstärkt an: „Zieh vor der Kuppe vorbei, jetzt nicht mehr sparen, noch 500 Meter richtig Anschlag und dann bist du oben.“ Im Rhythmus ihrer mitgebrachten Kuhglocken brüllen ihm vom Straßenrand Zuschauer „Venga, venga, venga“ ins Ohr und sein sportlicher Leiter weiß, wie er sich fühlt: „Noch ein letzter Sprint, dort am Camper ist Schluss, hier tut es allen weh.“
Als der Mechaniker am Scheitelpunkt einen gleichbleibenden Vorsprung von zwei Sekunden auf die Referenzzeit vom früher gestarteten Teamkollegen Yves Lampaert ansagt, blitzen hinter dem ansonsten sorgfältigen „Marketing-Sprech“ ein einziges Mal die hohen Erwartungen und auch leichte Enttäuschung durch: „Dann fahren wir hier nicht um den goldenen Sieg.“ Verwegen stürzt sich Bob Jungels zwar noch in die gefährliche, kurvige Abfahrt, im Teamwagen verliert Jan Schaffrath kurz den Anschluss, und noch stehen einige kräftezehrende Kilometer zum Ziel an. Dort ist auch Bob Jungels mit einem siebten Platz nicht wirklich zufrieden: „Ich hatte mehr erwartet, ich hatte mir selber etwas Druck gemacht. Ich kann mir aber auch nichts vorwerfen, ich habe alles gegeben und keinen Fehler gemacht.“ Das Gefühl sei ganz gut gewesen, der Tritt auch, doch vielleicht machte ihm der stark aufkommende Wind einen Strich durch die Rechnung. Schließlich sind nach ihm nur noch Luis Leon Sanchez und der Weltmeister Vasil Kiryienka etwas schneller, aber auch sie erreichen nicht die überlegene Bestzeit des früh gestarteten Sky-Profis Wouter Poels.

„Ich will mich hier noch einmal zeigen, für die Mannschaft oder auf eigene Rechnung“, blickt Bob Jungels sogleich wieder kämpferisch nach vorne. Die Bergankunft der zweiten Etappe gewinnt Dan Martin mit einem späten Antritt, der Luxemburger verbessert sich mit einer sauberen Leistung am Berg auf Gesamtrang fünf und attackiert am dritten Tag die Sprintteams überraschend auf dem Flachen wenige Kilometer vor dem Ziel. Noch kurz vor der „flamme rouge“ des letzten Kilometers ist er alleine vorne, doch ein Begleitmotorrad leitet ihn falsch. „Es ist schade, da ich die Attacke Vollgas fuhr und einen guten Vorsprung hatte. Ich glaube ehrlich, ich hätte die Etappe gewonnen.“ Auf der samstäglichen Königsetappe mit stellenweise brutalen 22 Prozent Steigung beweist Wouter Poels noch einmal seine beeindruckende Frühform, während Bob Jungels nach eigener Aussage hier „explodiert“. Als Gesamtzwölfter schließt er das Rennen dennoch solide und knapp vor Dan Martin als Bester seines Teams ab. Zudem holt Stijn Vandenbergh den letzten Tagessieg für das zufriedene Team.

Bob Jungels

IMG_1817Am 22. September 1992 kommt Bob Jungels in Luxemburg zur Welt und bereits in der Yuppie-Trophy der Jüngsten ist das Radfahren sein Sport. 2009, 2011 und 2012 wird der Jugendliche vom UC Dippach Zweiter der Europameisterschaft im Zeitfahren und 2010 Junioren-Weltmeister. Im Leopard Continental-Team gewinnt er die Flèche du Sud und Paris-Roubaix der U23. Mit einem zweiten Platz bei Paris-Nice, 2015 als Gewinner des Etappenrennens Etoile de Bessèges, Gesamtsechster der Tour de Suisse und mit mutigen Auftritten und den starken Etappenplatzierungen Achter, Fünfter und Vierter in der letzten Woche der Tour de France lässt der amtierende Landesmeister auf der Straße und im Zeitfahren auch im Profibereich aufhorchen.

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„Dieses Team ist noch viel stärker auf Leistung ausgelegt“, charakterisiert Bob Jungels den Unterschied zum Vorjahr. „Es gibt eine klare Linie, die jeder zu befolgen hat und jedes Teammitglied arbeitet für den Sieg.“ Dieser käme aber nicht durch Druck, seine Motivation gründe viel mehr im Ziel, zu gewinnen. Ob es dafür schon beim stark besetzten ersten Saisonziel Tirreno-Adriatico im März langt, weiß man nicht. Aber zumindest die Voraussetzungen sind gegeben: „Er ist ein Talent mit viel Potenzial. Wir sind eines der am besten strukturierten Teams in der Welt und wir können diesem Kerl helfen, Resultate zu erzielen“, urteilt jedenfalls der Teamverantwortliche Wilfried Peeters. Während Team-Manager Patrick Lefevere schon bei der Unterschrift des zweijährigen Vertrages befand: „Dieser Kerl kann in Zukunft ein wichtiger Teil unseres Teams werden.“

Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

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Author: Martine Decker

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