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Neuheit: McLaren 570GT – Flachmann für die große Tour

Die „Sports Series“ von McLaren, das Vorzimmer der englischen Rennschmiede zur illustren Welt der waschechten Supercars, bekommt mit dem 570GT schon wieder Zuwachs. Nach dem bereits in der autorevue getesteten 570S (01/2016 & 02/2016) sowie dem marginal schwächeren 540C – der ist zwar bekannt, kommt aber erst im Frühjahr – folgt jetzt eine „Gran Turismo“-Version.

Fotos: McLaren Automotive

Die technischen Eckdaten und damit die allgemeine Performance des 570GT sind bis auf winzige Details haargenau die gleichen wie die des Organspenders 570S. Aus einem 3,8 Liter großen V8 mit Twin-Turbo scheffelt der Flügeltüren-Flitzer 570 PS bei 7.000 Umdrehungen pro Minute sowie 600 Newtonmeter bei 5.000-6.500 U/min, die über das schnelle Doppelscheibenkupplungsgetriebe SSG7 von Graziano Trasmissioni an die Hinterräder geleitet werden. Zu den Kunden von Œrlikon-Graziano, dem Getriebespezialist für die ganz schnellen Einsätze, zählen auch der Aston Martin V12 Vantage S, der Audi R8, Lamborghini Aventador und Huracán, Maserati Gran Turismo S sowie McLaren P1 und 650S, man ist demnach in bester Gesellschaft.

Bei 1.350 kg Trockengewicht und souveränen 422 PS pro Tonne, soll der GT in 3,4 Sekunden von 0-100 km/h und in 9,8 s von 0-200 km/h beschleunigen. Nach einer Viertelmeile sind 11,1 Sekunden vergangen und bereits eine Geschwindigkeit von 213 km/h erreicht. Die Top-Speed liegt bei 328 km/h, der durchschnittliche Verbrauch nach demnächst ausgemustertem, weil unglaubwürdigen NEFZ-Zyklus bei 10,7 l/100 km. Was einem CO2-Ausstoß von 249 g/km entspräche. Der 570S braucht dank geringerem Gewicht von 1.313 kg zwar 0,2 Sekunden weniger beim Spurt von 0-100 km/h, sonst bleibt ziemlich alles beim Alten.

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Der feine Unterschied liegt zwar auch unter dem Blechkleid verborgen, ist allerdings viel offensichtlicher bei Karosseriedesign und Innenausstattung. Die vordere Hälfte des Wagens hat sich kaum verändert, das gestreckte Heck darum umso mehr. Unter einem Glasdeckel über dem Mittelmotor haben die Designer nämlich eine zweistufige, mit Leder tapezierte „Hutablage“ für zwei Sporttaschen mit insgesamt 200 Liter Fassungsvermögen untergebracht, das so genannte „Touring Deck“. Zusammen mit dem Kofferraum im Bug werden so 350 Liter erreicht, dazu ist die Luke in einen Rahmen aus Karbon eingebettet, die dem Wagen größere Torsionssteifigkeit verleiht

Wayne Bruce alias „Manbat“

Zur geheimen Vorstellung vor einigen Wochen traten Andy Palmer, Vehicle Line Director der Sports Series, Donna Falconer, Product Manager, Chefdesigner Bob Melville sowie die sehr schlagfertige „Mausfleder“ Wayne Bruce aus der Kommunikationswerkstatt an. Der 570GT ist so etwas wie die versöhnliche Hälfte des 570er Rohrschachtests, so wie McLaren-Pressesprecher Wayne Bruce die Spiegelung des Fledermaus-Rächers aus Gotham City darstellt. Die englische Presse hat es erkannt und nennt ihn daher regelmäßig „The Manbat“. Er trägt es mit mehr als nur Fassung, sondern amüsiert sich öfters köstlich darüber.

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Das Beladen durch die Dachluke des GT verlangt allerdings nach kräftigen Ärmchen. Für einen Kasten Bier braucht es nicht nur lange, sondern auch starke Arme, denn die Luke ist wegen der Breite des Wagens nicht gerade leicht zu erreichen. Zumindest öffnet sie sich je nach Markt jeweils zum Bürgerstein an der Beifahrerseite hin, man riskiert also nicht, vom Gegenverkehr beim Be- oder Entladen hinweggefegt zu werden. Für eine Sporttasche und zwei Tennisschläger ist auf der stufigen Ablage genug Platz, für zehn Zementsäcke wird es kaum reichen. Wohl gerade deshalb wurde die geheime, mit einem Embargo bis zum heutigen Tag belegte Enthüllungs-Messe im extrem „poshen“ Hurlingham Club in Chelsea zelebriert, einem Club dessen jährlicher Mitgliedsbeitrag selbst auf Nachfrage hin nicht ausgeplappert wurde. Ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl gefällig? Die Warteliste für neue Mitglieder beträgt mittlerweile… 13 Jahre.

Knifflig am Entwurf des GT-Hecks war natürlich auch das Problem der Hitzeabfuhr des Mittelmotors, was Ersatz an anderer Stelle für die klassischen Entlüftungsgitter des 570S nötig machte. Für den mehr aufs gemütliche „Gätäen“ ausgerichteten Schönling – mir gefiel der 570S zwar besser, aber ich war damit ziemlich allein auf weiter Flur – sind auch die Lenkung, die Federraten und die Abgasanlage (bzw. ihr Klang) angepasst worden. Selbst die Bremsscheiben sind jetzt aus Stahl, da weniger leistungsfähig auf der Rennstrecke aber dafür besser für den Alltag geeignet, und spezielle Pirelli P Zero sorgen für eine verbesserte Geräuschdämmung. Das getönte Glasdach ist mit einer speziellen SSF-Folie (Sound & Solar Film) beschichtet, die sowohl Sonneneinstrahlung wie auch Schallwellen filtert. Der Auspuff ist im Vergleich zu dem des 570S ebenfalls gedämpfter, das Innere des Cockpits mit üppiger Lederausstattung und einer besseren Sound-Anlage mit acht Lautsprechern von Bowers & Wilkins, anstatt der üblichen vier, ausgestattet. Elektrisch verstellbare und beheizte Sitze mit Memory-Funktion sowie Park-Sensoren tragen ebenfalls zum Komfortgewinn bei. Wie der 570S, ist auch sein Langstrecken-Pendant je nach Gusto in den zwei Ausstattungslinien „Luxury“ und „Sport“ zu haben.

Ohne Moos nichts los

Ganz oben am Ende der Fahnenstange von McLaren steht der mittlerweile ausverkaufte P1. Er wurde nur 375 Mal gebaut und fand für 866.000 Pfund Sterling das Stück reißenden Absatz. Der noch exklusivere P1 GTR wurde für £ 1,98 Millionen an ausschließlich jene Kunden veräußert, die bereits vorher Besitzer eines P1 waren. Hier trennt sich nicht nur die Spreu vom Weizen, sondern sogar der Weizen vom Weizen.

Zum 31. Dezember 2015 bediente der Hersteller aus Woking im Surrey, südwestlich von London gelegen, 80 Händler (14 kamen seit 2014 hinzu) in 30 verschiedenen Märkte und investierte 120 Millionen Pfund in Forschung und Entwicklung, was 30% seines Gesamtbudgets ausmachte, also etwas zehn Mal mehr als die Konkurrenz im Durchschnitt abdrückt. Die Verkaufszahlen sind überschaubar: Aus 1.615 Einheiten im Jahr 2015 sollen 3.000 in diesem Jahr und, falls alles nach Plan verläuft, maximal 4.000 ab 2017 werden. Auf diesem Niveau soll die Produktionszahl dann erst einmal bleiben, damit aus der Exklusivität keine Massenware wird. Die besten Märkte der Marke stellen in dieser Reihenfolge die Vereinigten Staaten, Asien und Europa dar.

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Im Netz wurde vorab lange gemunkelt, der neue GT habe im Gegensatz zum Sport eine kleine Rückbank für zwei zusätzliche Passagiere. Dem ist natürlich nicht so. Das Setup mit adaptiven Dämpfern und stählernen Querstreben ist das gleiche, beim 570GT wurde allerdings die Federkonstante für den zusätzlichen Komfort der Insassen erhöht: vorne um 15 Prozent, hinten um 10 Prozent. Und dann wurde vor allem das Interieur verbürgerlicht. Dazu sagte „Vehicle Line Director“ Andy Palmer, man hätte sogar ein paar Eingeständnisse an den kulturellen Unterschied in die Rechnung mit einbezogen, wie zum Beispiel „ein paar zusätzliche Becherhalter für unsere amerikanischen Freunde“. So viel Einfühlsamkeit gibt es leider nicht umsonst. Als Faustregel gilt länderübergreifend die Formel: Endpreis = Preis des 570S (derzeit in Luxemburg 174.250 €) + 10 Prozent. Außer natürlich, die 10% werden vor dem Entrichten der Mehrwertsteuer addiert. Wir werden sehen.

Technische Daten: 570GT

10,7 l/100 km
249 g/km

3.799 cm3
419 kW/570 PS @ 7.500 U/min
600 Nm @ 5.000-6.500 U/min
3,4 s 0-100 km/h
328 km/h

Preis: 192.035 EURO

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Martine Decker

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