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Nexus, Lexus, Solarplexus

Mit dem neuen RC F präsentiert Lexus eine rollende Ohrfeige auf vier Rädern, ein Sauger mit viel Dampf, mit Hinterradantrieb und einer fast schon antiquierten Grundeinstellung. Und weil jetzt Schluss mit lustig ist, muss man mit dem wundervollen Asiaten zurück in die Achtziger fahren. Aber wo sind die?

Fotos: Toyota-Lexus (Indoor) & Philippe Reuter (Outdoor) & Jens Liebscher (Wrestling)

Eigentlich sollten wir an diesem Wochenende Autocross im tiefsten Hinterwäldler-Winkel der belgischen Ardennen fahren, aber da der Überrollbügel unseres mit einem Goldorak-Konterfei bepinselten Boliden ein paar strukturelle Schwächen aufwies, es die ganze Woche geregnet hatte und mein Kompagnon, Major Mayhem, sich zu allem Überdruss auch noch am Freitag einen Matra Murena gekauft hatte, den er natürlich ausprobieren wollte, mussten wir unser Vorhaben abblasen und das Wochenende mit anderen pädagogisch wertvollen Beschäftigungen füllen. Ab mit dem Lexus RC F zum Wrestling nach Bayern, was sonst.

Auf der Matte im mittelfränkischen Erlangen stand nämlich an dem Wochenende erstmals ein Luxemburger Polizeibeamter im Einzelgefecht, Arno „Arnogeddon“ P., Freund und Helfer des Arbeiterkollektivs, Beschützer von Witwen und Waisen aus dem sonnendurchströmten Kommissariat in „Esch la maudite“, mit dem ich trotz handelsüblichem Kleiderschrankformat und einer in Vorfreude pulsierenden Halsschlagader vom Durchmesser einer transsibirischen Gas-Pipeline, ein gebildetes Schwätzchen über den Lexus RC F, über Literatur, italienischen Neorealismus und klassischen Blue-Note-Jazz kultivierte. Als Arno auf der A6 zwischen Mannheim und Heilbronn aus John Miltons „Paradise Lost“ zitierte, ahnte ich kaum, dass er ein paar Stunden später seinem Schweizer Gegner Mister Exotic Erotic – ich glaube irgendwie, das ist nicht sein richtiger Name – mit einem Klappstuhl den Dünnpfiff aus dem Leib prügeln und ihn dann über das oberste Ringseil in die tobende Menge werfen würde, noch ehe dieser seinen gefährlichen „Finishing Move“, den so genannten „Bukkake Head Chop“, ansetzen konnte. So glitten wir entspannt dahin, im brandneuen Lexus RC F, der passend für diesen erhabenen Moment mit dem Nummernschild „Lexus 1“ ausstaffiert war. Die Reifen des Testautos hatten die Kollegen von RTL schon im Vorfeld bis aufs Nylon abgefräst, also ließen wird es entsprechend sachte angehen: 240 km/h auf der Autobahn, mehr sollte nicht sein, ein bisschen Musik und Toccata und Fuge aus vier Auspuffblenden.

Das gute Fahrwerk und die präzise Lenkung lassen Glückshormone sprudeln.

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Der Motorblock ist der gleiche wie in der IS F-Limousine, ein atmosphärischer 5-Liter-Hammer, ohne Turbo-Firlefanz, der seine Luft selbst einatmet und dabei immerhin 477 PS und 530 Newtonmeter ganz „old style“ produziert. Mit 1,8 Tonnen ist er sechs Zentner schwerer als ein BMW M4 und man muss den wundervoll brabbelnden V8 schon hochorgeln lassen, um ihm die Kraft zu entlocken. Eigentlich ist dieser Lexus ein Widerspruch, denn jetzt wo die Edelmarke von Toyota ihren Ruf als luxuriöser Hybrid-Limo-Produzent mit resolut langweiligem Design endgültig in Marmor gemeißelt zu haben schien, liefern die Japaner diesen polarisierenden Renner als überdimensionalen Sauger ab, durstig wie Harald Juhnke und so diskret wie Priscilla, Queen of the Desert.

Ab mit dem Lexus RC F zum Wrestling nach Bayern, was sonst.

Der Lexus RC F gibt viel Rückmeldung, ist straff aber nicht hart gefedert, produziert einen irren Sound und sieht innen aus wie eine 80er Mischung aus Kempinski Hotel und Ostender Lunapark. Er hat Kühlschlitze hinter den vorderen Radkästen und in der Motorhaube, mit Kunstleder bezogene Sitze mit Memory-Funktion, die beim Einstieg in die zweite Reihe aktiv behilflich sind, fixe Kopfstützen in gut konturierten Schalensitzen, eine eher symbolische Rückbank und ein Armaturenbrett aus vergangenen Zeiten, mit einem völlig entnervenden Techno-Salat mit unzähligen Untermenüs und einem grenzdebilen Navigationssystem. Aber wen interessiert‘s, der kolossale V8 stimmt versöhnlich, das gute Fahrwerk und die präzise Lenkung lassen Glückshormone sprudeln und im Endeffekt ist es einem völlig egal, ob man überhaupt irgendwo ankommt, wenn das Torque-Vectoring-Diff an der Hinterachse einsetzt, die 19-Zöller auf dem Asphalt pfeifen und die übereinander gestapelten Auspuffblenden der Konkurrenz den Marsch blasen. Kräftige Brembo-Zangen bremsen den Eifer, die gut konturierten Schalensitze geben den nötigen Halt. Zugegeben, der harte Kunststoff am Lenker ist unwürdig und würde besser zu einem Ghettoblaster aus Korea passen, das Touchpad funktioniert nur bedingt und der Bordcomputer irrt wie ein kopfloses Huhn durch die virtuelle Pampa, aber die Designoffensive mit ihren Scheinwerfern wie eine Kriegsbemalung aus Fernost, den Haifischkiemen hinter den vorderen Radkästen und dem Lufteinlass in der Motorhaube stimmt versöhnlich, von den dynamischen Qualitäten ganz zu schweigen. Die Achtgangautomatik lässt sich manuell wundervoll schalten – viel besser als wenn sie, auf sich selbst gestellt, etwas launisch in den Zahnrädern herumstochert – und wer es wagt, den Drehsteller auf dem Mitteltunnel auf Harakiri-Modus zu stellen, dem faltet es die Lauschlappen ins Genick. Einen Eco-Modus hat der Lexus auch, aber der sollte als schelmisches Augenzwinkern verstanden werden.

Das Interieur ist irgendwie nicht stimmig.

Als wir in der Gewerbezone in Erlangen ankommen, sagt Arnogeddon noch „das Interieur ist irgendwie nicht stimmig“, ehe er im Wellblechtempel verschwindet, um zum Aufwärmen gleich mal ein paar Schmuseeinheiten à la Bud Spencer zu verteilen. Das Fotoshooting steht auf dem Programm, also nichts wie ab in die Waschanlage. Ein paar Stunden später steht der Lexus noch glitzernd sauber vor der Halle, in der unser Landsmann nach einem siebenminütigen Gemetzel den Schweizer Exoten mit einem finalen „Jack Hammer“ abfertigt. Dazu muss man nur einen Hundertkilomann am Stiernacken und am Hosenlatz packen, ihn kopfüber in die Luft heben und ihn dann kerzengerade mit voller Wucht in den Ringboden pflanzen, wie einen Spargel. Dann schnäuzt man wie Arno verachtungsvoll seine Nase auf ihn, weil man ja zu den Bösen gehört, beleidigt beim Abgang die Schweizer Fans, macht unflätige Gesten und schreitet erhobenen Hauptes im Schein der spiegelnden Diskokugeln durch den Trockeneisrauch in die Umkleidekabine. Ganz einfach. Und der Lexus glitzert seinerseits ganz anteilslos vor der Tür vor sich hin, macht auf Öko und zieht die Blicke wie Schmeißfliegen auf sich. „Ist der sparsam?“, will ein Zuschauer beim Verlassen der Halle wissen. „War da drin eben Petting angesagt?“, gebe ich zurück. Wir verstehen uns auf Anhieb.

Technische Daten

  • 4.969 cm3
  • 351 kW/477 PS
  • @ 7.100 U/min
  • 530 Nm
  • @ 4.800-5.600 U/min
  • 4,5 s 0-100 km/h
  • 270 km/h

 

 

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Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Philippe Reuter

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