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Nicht ohne Grund

Mit paradiesischen Stränden und wunderschönen Landschaften kann Sansibar punkten, aber auch für Kitesurfer ist der halbautonome Teilstaat im Osten Afrikas ein regelrechtes Paradies.

Text: Patricia Wohlgemuth (revue@revue.lu) / Fotos: Markus Kirchgessner

Während der Bauphase des White Sands, eines Fünf-Sterne-Kite Resorts an der Ostküste Sansibars, schlief Abdallah lieber im Schatten eines Baumes, als dass er sich mühte und mit anpackte. Das Bier schmeckte besser als die Arbeit. Schließlich kündigte ihm André Kusnik, der Bauherr. Abdallah nahm sein Bündel, räumte leichtfüßig das Feld und sagte: „In Sansibar hat jeder Zugang zu sauberem Trinkwasser, darf die Früchte des Waldes essen und frei fischen im Meer. Ich habe alles, was ich zum Leben brauche!“

White Sands deckt durchaus ein klein wenig mehr als die Grundbedürfnisse.

White Sands deckt durchaus ein klein wenig mehr als die Grundbedürfnisse. White Sands gleicht einem Naturcamp auf sanft geschliffenem Parkett. Die Strandmatte wird ersetzt durch ein Bett, einem ausladenden Thron gleich. Gezimmert aus massivem Mangoholz, mit einer Maserung, die Fantasielandschaften zeichnet. Duschen mutet an wie Tropenregen, allerdings in Marmor gefasst. Es war alles vorhanden, als sich André Kuzsnik vor fünf Jahren – zunächst nur ganz klassisch nach Safari und Bergsteigen auf dem Gipfel des Kilimandscharo – an der Ostküste Sansibars einfand. Eigentlich zum Erholen und Kiten. Dass diese Ecke von Sansibar allerdings solch nachhaltigen Einfluss auf die Lebensgestaltung seiner nächsten Jahre haben würde, war nicht geplant. Die Begeisterung vor Ort trieb prompt Früchte. Der seit zehn Jahren gesuchte Platz zum Erwerb eines persönlichen Feriendomizils schien gefunden. Nur: Grundstücke auf Sansibar erwirbt man nicht im Gästehandtuchformat. Unter einem Kaufpreis von mindestens zweieinhalb Millionen Dollar ist hier nicht an Investition zu denken. Innerhalb von Monaten wurde aus der Idee einer Familienbleibe schließlich die Grundlage für ein vier Hektar großes und elf Villen umfassendes Kitesurfing Resort auf Fünf-Sterne-Niveau.

Versunken in all die Annehmlichkeiten von White Sands, kann ein Besucher schnell mal vergessen, dass nebenan der Indische Ozean mit diversen Lustbarkeiten aufzuwarten hat. Allen Aktivitäten voran gilt es Drachen zu bändigen. Stehend auf wackligem Brett. Die absoluten Beginner tarieren den Bügel des Kites mit Händen, den Kopf im Nacken, und sind nach einem Vormittag stolz auf die Ruhe des tanzenden Ungetüms im Wind. Vergleichbar einfach erlernen hier Anfänger jeglichen Alters von jungen, lustigen Lehrern wie Kiten geht.

Die Ostküste gehört ohne jeden Zweifel zu den besten Plätzen für diesen Sport. Sie läuft Eldorados wie Ägypten, Brasilien, Tunesien und Algerien den Rang ab. Das Wasser schmeichelt mit 25°C und mehr. Durch den Tidenhub ist zwölf Stunden am Tag, so weit das Auge reicht, Niedrigstand. Seeigel kommen selten vor. Nicht wenige Wassersportler stehen deshalb unbesorgt barfuß auf dem gleitenden Brett. Easy going für Versierte, optimales Terrain für Neulinge.

3069Auch ohne Drachen und Brett bietet die Küste südlich von Paje durchgehend Möglichkeiten zum Baden und zu ausgedehnten Strandspaziergängen. Dazu zählen Besuche zu den Seegrasgärten, für die das seichte Wasser optimale Wachstumsvoraussetzungen bietet. Frauen in bunten Kleidern stehen im Wasser, klauben Muscheln oder pflegen die Gärten bei Ebbe. Kinder graben am Strand Kokosschalen ein, die dadurch innerhalb von Monaten weich genug sind, um zu Schnüren gedreht zu werden. Weit draußen segeln ein paar Dhaus im kleidsamen Licht des späten Nachmittags. Oben am Himmel stehen die frechen Drachen ungeduldig zappelnd oder miteinander flirtend. Sie sehen in getragener Anmut oder stramm im Wind stehend dem irdischen Treiben zu. Sansibarische Work-Life-Balance.

Von White Sands ausgehend ist Stone Town mehr als nur eine Option. Es ist in knapp einer Stunde mit dem Taxi leicht zu erreichen. Für diejenigen, die ohnehin nur eine Woche auf Sansibar verbringen, kommt Stone Town einem Konzentrat an Wunderbarkeiten der Insel gleich. Genau genommen ist Sansibar auch keine Insel. Sansibar ist ein Archipel, zirka 45 km östlich der tansanischen Küste gelegen. Es umfasst zirka 50 Inselchen und zwei etwas größere, die sich Pemba und Unguja nennen. Unguja ist mit 87 km Länge und 39 km Breite die größte Insel und darf gewöhnlich mit dem Namen Sansibar in die Öffentlichkeit gehen. Die Hauptstadt der Inselgruppe heißt Zanzibar Town, deren Altstadt nennt sich Stone Town. Die Insulaner bezeichnen allerdings gerne die gesamte Metropole als Stone Town.

Freddie Mercury ist hier geboren. Sein Geburtshaus ist heute ein Hotel, das dezent an ihn erinnert.

Freddie Mercury ist hier geboren. Sein Geburtshaus ist heute ein Hotel, das dezent an ihn erinnert.

Beginnt man den Morgen in Stone Town beim einheimischen Markt Mwanakwerekwe, hat der noch im Ostküstenschlaf träumende Besucher ein perfektes „Hallo – wach!“. Eine Kakophonie aus Hupen und hysterischem Hühnergegacker. Vor dem Hintergrund einer Lastwagenfüllung Holzkohle, die sich gerade selbst ablädt, schreien die Gemüsehändler, die bereits morgens um acht als Auktionatoren „very good prices“ erzielen. Hühner wollen hier nicht freiwillig hin, ihnen werden, gebündelt wie Karotten, halbdutzendweise die Köpfe abgeschlagen. Die Fliegen hingegen sind schon da. Sie warten auf einem fleischigen Kuhkopf von gestern auf frisches Hühnerblut. Da hier tatsächlich vitale Menschen am Werk sind, glaubt man, dass der Genuss von Erzeugnissen dieses Marktes zu überleben ist. Die Hühner jedoch überleben nicht, auch wenn sie in der Lage sind, kopflos noch eine letzte Runde unter dem Schlachtblock zu stolzieren. Direkt daneben knipsen begeisterte Marktbeschicker Selfies mit den zwei einzigen weißen Besuchern des Marktes. Die Umkehrung von sehen und gesehen werden. Hier wird ohne Vorführgesicht gehandelt, verkauft, gelacht, und wer sich wirklich gar nicht zeigen möchte, verzieht sich hinter den Schleier oder kriecht unter den Verkaufstisch.

Vor dem Besuch des Mwanakwerekwe Markets zu frühstücken birgt ein Sicherheitsrisiko. Hat man jedoch die Präsentation der fleischlichen Vielfalt ohne größere Ausschläge in der Magengegend überstanden, beruhigt zunächst die Farbe Grün: Diverse sansibarische Spinatvariationen, Salate, Kräuter neben vergleichsweise gewöhnlichen Karotten, Gurken, Paprika sind kunstvoll in Kaskaden drapiert oder lässig auf den Tischen verteilt.

Es gilt noch einmal die Luft anzuhalten. Der Fischmarkt in den alten, steinernen Hallen ist der Ursprung und das Zentrum des Marktes. Frauen sitzen auf dem Boden und halten runde Tabletts, gefüllt mit kreisförmig choreografierten Sardinen, auf dem Schoß. Fischer stehen breitbeinig an den steinernen Tresen und kommen den großen Meerestieren mit dem Beil bei. Es riecht nach sehr viel frischem Fisch, verkauft von in Nylonhemden schwitzenden Männern. Die Obstberge in Richtung Ausgang des Marktes verbreiten mit ihrem leichten, frischen Duft gleichsam Reinheit und Ruhe. Am Rand gähnt ein müder Händler mit Fahrrad, überladen mit Stauden von etwa zwanzig verschiedenen Bananensorten. Er muss sie verkaufen, sonst kommt er hier nicht mehr raus, sein Fahrrad treibt unter der Last Bodybuilding. Am Ende des Marktes muss der Nonfood-Abteilung noch ein Plätzchen zur Verfügung stehen: Schmonzetten auf Kassetten – von Reggae bis Taarab kann alles dabei sein –, billige Seifen sowie Schreibartikel in angegilbter Patina, Tesafilm, der nichts anderes mehr als sich selbst klebt, Zeitungen und Heftchen.

Beim Verlassen von Mwanakwerekwe regelt sich der Krach auf normale Großstadtlautstärke herunter. Hat man den Tag in Stone Town dort begonnen, schaltet sich alles nun Folgende von selbst auf „fade out“. Vom Dach des „Marumaru Hotels“ aus betrachtet, bietet Stone Town eine Palette bunter Blechdächer, getragen von Häusern, die kreuz und quer, groß bis mickrig, unsortiert zu Füßen liegen. Kein atemberaubender Anblick. Umso mehr lohnt es sich, einzutauchen.

Kirchen, Hindu-Tempel und Moscheen erzählen in friedlicher Koexistenz von indischer, portugiesischer und omanischer Geschichte des zu 95 Prozent muslimisch geprägten Sansibar. Der älteste Aufzug Afrikas findet sich im „House of Wonders“, heute ein Museum. Prinzessin Salme, eines der über hundert Kinder von Sultan Sayyid Said, emigrierte mit dem deutschen Kaufmann Rudolph Heinrich Ruete und kam hochbetagt zum Sterben gerne zurück. In der Livingstone Bar wird allabendlich lebendiger Jazz und tradierter Taarab gespielt.

Freddie Mercury ist hier geboren. Sein Geburtshaus ist heute ein Hotel, das dezent an ihn erinnert. Um die Rocklegende vor Ort zu einer Besucherattraktion zu machen, war der Queen-Sänger für die muslimische Gesellschaft schlichtweg zu schwul. Die nach ihm benannte Bar „Mercury‘s“, hinter der seit den 1970er Jahren die Sonne untergeht, birgt, wie vieles auf Sansibar, ein Geheimnis. Keiner kann mit Bestimmtheit sagen, ob Farrokh Bulsara, so Mercurys Geburtsname, samt seiner Truppe je hier war oder ob der Name vor allem dem guten Ruf der Lokalität dient. Die Fenster der Bar schauen in die schläfrige Abendsonne über dem Meer.

Am Strand spielt eine Gang Fußball. Wer gewinnt, springt danach über eine Rampe hinweg zur Abkühlung ins Meer. Vier Athleten üben nach ansehnlichem Workout Basejumping zwischen abgeladenen Containern. Springen sie daneben, landen auch sie in den Fluten. Ganz hinten im Westen taucht die Abendfähre vom tansanischen Festland auf. In einer halben Stunde wird sie die Gassen von Stone Town mit neuem Besuchervolk füllen.

Lust auf Urlaub? Besuchen Sie uns auf der Vakanzefoire, dieses Wochenende in der LuxExpo.
Stand 33, Halle 8A

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Author: Martine Decker

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