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Nur die Natur und wir

Raus aus dem Alltag, rauf in die Berge. In Tirol gibt es viel Raum für kleine und anstrengende Fluchten.

Niemand kann für seinen Namen. Und wahrscheinlich würde unser Wanderführer lieber Josef oder Leopold heißen, aber er nimmt es mit Humor. „In Tirol heißt halt jeder zweite Depp Sepp.“ Sepp, also. Er wird uns – eine kleine Gruppe von zwölf Wanderern – durch die Silzer Wanderwoche führen und dabei Goethe täglich widersprechen. Berge sind zwar stille Meister, aber sie machen keineswegs schweigsame Schüler. Bei keiner Freizeitbeschäftigung kann Sepp sich nämlich so gut unterhalten wie beim Gehen. Er redet jedenfalls ununterbrochen. Mit jedem und über alles.

1So erfahren wir im Garten des Stifts Stams, dass Papst Johannes Paul II. die Kirche 1984 in den Rang einer „Basilica minor“ erhoben hat, dass Innsbruck unter Kaiser Maximilian eine wahre Blütezeit erlebt hat und Asthmatiker in Kühtai aufatmen können. Wegen der Lage des Ferienortes über 2.000 Meter und der pollenfreien Bergluft. Im Winter herrscht auf den Skipisten Hochbetrieb. Im Sommer locken mehr als ein Dutzend Bergseen zum Draussensein. Wir nehmen – Gottlob – den Sessellift und marschieren anschließend im Zickzack durch eine mehr oder weniger karge Landschaft zurück ins Tal. Es ist Tag fünf der Wanderwoche. An den schweren Rucksack haben wir uns demnach längst gewöhnt. An die Kraft der Sonne indes nicht. Dass Sepp sich nicht über unsere roten Nasen lustig macht, ist ein Wunder. Von Stein zu Stein zu hüpfen, hat mir schon als Kind Spaß gemacht. Trittsicher bin ich, schwindelfrei jedoch nur bedingt. Und so wird mir unterwegs mitunter etwas mulmig. Vor allem wegen der Weite, die irgendwie unbeschreiblich grandios ist.

Rund um Kühtai gibt es mehr als ein Dutzend Bergseen, ist pollenfreies Durchatmen garantiert.

Die Wanderungen in Kühtai seien die schönsten, die es in Tirol gibt, behauptet Marco, der bereits mehr als ein Dutzend Mal an den Silzer Wanderwochen teilgenommen hat und sich immer wieder freut, wenn eine der Strecken ins Hochtal führt. Und er hat Recht. Sepp hält sich in seiner Bewunderung seltsamerweise zurück. Ihm gefällt es überall. Sogar wenn es in Strömen regnet, alle allmählich wegen der nicht eingepackten Wechselwäsche zu murren beginnen oder umgefallene Bäume uns zum Umkehren zwingen und wir einen mehreren Kilometer langen Umweg in Kauf nehmen müssen. Aber meist gibt es für die zusätzliche Pein am Ende ein Bonbon: eine atemberaubende Aussicht, ein Cappuccino auf einer gemütlichen Alm, ein tobender Wasserfall, wilde Pferde am Kiesufer der Inn, der Lebensader Tirols. In diesen Momenten ist Sepp ein sehr beneidenswerter Mensch. Er ist hier geboren, kann jeden Tag hinaus in die zum Teil noch unberührte Natur.

4Kein Wunder eigentlich, dass Millionen Fernsehzuschauer die „Bergdoktor“-Serie lieben. Von den Tausenden von Touristen, die den Hof der Familie oder die Praxis von Dr. Martin Gruber in echt sehen möchten, sind die Tiroler wenig begeistert. Von respektlosen „Wildpinklern“ ist die Rede. Von Unruhestiftern und Naturfeinden. „Ist alles halb so schlimm“, beschwichtigt Sepp. Ihn kann sowieso nichts aus der Ruhe bringen. Oder besser gesagt: Ihm kann nichts die Sprache verschlagen. Lediglich am letzten Wandertag, bei der traditionellen Urkunden- und Medaillenvergabe in geselliger Runde, hört man ihn kaum reden oder lachen. Vielleicht weil sein Freund Herbert, der seit Jahrzehnten für die Wanderwochen verantwortlich ist, nicht gekommen ist. Aus Gram, weil es kein nächstes Mal mehr geben soll. Anscheinend gibt es nicht genügend Unterstützung seitens der Tourismusverantwortlichen. Zudem werden sowohl die Organisatoren als auch die teilnehmenden Wanderer – 90 Prozent sind Wiederholungstäter – immer älter. Die Strecken müssen daher angepasst werden. Was wiederum jüngere Generationen abschreckt. Ein wahrer Teufelskreis. Selbstverständlich gibt es Lösungen. Für Sepp ist sowieso nichts unmöglich. Erste Gespräche mit der Gemeindeverwaltung von Silz sind bereits geführt worden. Und wir haben in der Wallfahrtskirche von Maria Lochboden vorausschauend ein paar Kerzen angezündet. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

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Fotos: Gabrielle Seil

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Philippe Reuter

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