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Our Way of Life

Strenge Sicherheitskontrollen mit Lichtschranken und Leibesvisitationen am Eingang – ein Museumsbesuch Ende November. Der Besuch eines Fußballspieles und die Gedanken daran, dass sich ein Terrorist unter den Zuschauern in die Luft sprengen könnte. Das ist das Lebensgefühl dieser Tage im ausklingenden Jahr 2015. In jedem verlassenen Koffer an einem Bahnhof oder in einem Hotel wird eine Bombe vermutet. Wer sich in der Öffentlichkeit ungewöhnlich verhält, ist ein potenzieller Killer. Paranoia?

Das Centre Pompidou in Metz hat bis vor wenigen Tagen die Ausstellung „Warhol Underground“ gezeigt. Der Anlass war das 50-jährige Jubiläum der Begegnung zwischen Andy Warhol und The Velvet Underground. Die Band gab im Januar 1972 ein legendäres, auf einem Album verewigtes Konzert im Bataclan, also in jenem Club, der am 13. November während der Show der Eagles of Death Metal eines der Ziele der Pariser Anschläge war und Ort eines grausamen Massakers.

Vor ein paar Tagen sah ich ein Video, in dem der Pianist Davide Martello vor dem Gebäude auf einem Flügel „Imagine“ von John Lennon spielte – der Straßenmusiker aus Konstanz war bereits auf dem Taksim-Platz in Istanbul aufgetreten. Nun wählte er den Ort des Terroranschlags im 10. Pariser Arrondissement, neben den Lokalen im 11. Bezirk und dem Stade de France im Vorort Saint-Denis Schauplatz der Attentate, bei denen 130 Menschen ums Leben kamen und hunderte verletzt wurden, für seine Friedensbotschaft aus. Einige Tage später prangte an der Fassade des Bataclan ein Banner mit den Worten „Die Freiheit ist ein unzerstörbares Monument“.

Bereits vor einigen Jahren gab es immer wieder Drohungen gegen das Bataclan. Vor sieben Jahren tauchten maskierte Demonstranten in Palästinensertüchern vor dem Club auf und drohten den Besitzern wegen der im Bataclan jährlich stattfindenden Gala zur Unterstützung der israelischen Grenzpolizei Magav „Konsequenzen“ an. Und 2011 erklärte ein Mitglied der Terrorgruppe Dschaisch al-Islam, dass seine Organisation einen Anschlag auf das Bataclan plane, weil dessen Besitzer Juden seien. Das Bataclan war also seit Jahren ein gefährdeter Ort in dem von islamistischer Bedrohung, die einhergeht mit antisemitischen Parolen, geprägten Klima.

Das Bataclan war aber vor allem ein „Ort der Freude“. Paris steht für ein „Fest des Lebens“, wie der deutsche Titel eines Buches von Ernest Hemingway heißt. Der Schriftsteller lebte einige Jahre in der französischen Hauptstadt. Er hat seine Erinnerungen an jene Zeit niedergeschrieben. Diese Hommage, ein fast vergessener Klassiker, ist in den Tagen nach den Anschlägen wieder zum Bestseller geworden. In einem Interview mit einem französischen Fernsehsender hat eine 77-jährige Frau über die Lage in Paris gesprochen und das Buch erwähnt. Und sie hat sich mit den fünf Millionen Muslimen, die in Frankreich leben und „die ihre Religion frei und friedlich ausüben“, solidarisch erklärt. „Und wir werden kämpfen gegen 10.000 Barbaren, die angeblich im Namen von Allah töten.“

Centre Pompidou in Metz: Spezialisiert auf zeitgenössische Kunst und Moderne - Die Autonomie des Subjekts als "Way of Life".

Centre Pompidou in Metz: Spezialisiert auf zeitgenössische Kunst und Moderne – Die Autonomie des Subjekts als “Way of Life”.

Frei die Religion ausüben, frei Atheist sein, frei ausgehen, in Cafés und Restaurants, in Kinos und Theatern, zu Fußballspielen und Konzerten – das sind einige der Freiheiten, die wir genießen in unseren Demokratien. Wir fühlen uns relativ sicher dabei. Wir müssen nicht wie die Menschen in lateinamerikanischen Großstädten die Autofenster geschlossen lassen, wenn wir durch die Stadt fahren, oder nachts bei roter Ampel über die Straßenkreuzung fahren, weil wir überfallen werden könnten. Gitter vor den Fenstern sind eher selten in den meisten Städten Europas.

Doch mittlerweile fühlen wir uns nicht mehr sicher, weil eine Terrororganisation auf die militärische Intervention von Europäern und Amerikanern in ihrer Region in einem asymmetrischen Krieg mit Bomben und Kugeln aus Kalaschnikows beantwortet – und unsere Freiheit, die viel zu tun hat mit Toleranz und gegenseitigem Respekt, ist bedroht. Steht Sicherheit über Freiheit? Ist unsere Toleranz am Ende? Mitnichten, unser Freiheitsbedürfnis ist nicht erloschen, ebenso wie die Toleranz, ohne die moderne Gesellschaften nicht leben können – erst recht nicht in multikulturellen Millionenstädten wie New York und Paris. Daran werden weder rechtsextremistische Amokläufer wie der Norweger Anders Breivik, der selbsternannte Kreuzritter des Abendlandes, noch die gotteslästernden Pseudo-Dschihadisten des IS etwas ändern können.

Das Bataclan war also seit Jahren ein gefährdeter Ort in dem von islamistischer Bedrohung, die einhergeht mit antisemitischen Parolen, geprägten Klima.

Ich verstehe die stichprobenartigen Kontrollen an den Grenzen und auf der Autobahn, die Durchleuchtungen und Durchsuchungen der Museumsbesucher. Ich spüre die Trauer und die Ohnmacht angesichts eines unsichtbar scheinenden Feindes, der jederzeit unser Leben in Freiheit beenden kann und der unseren „Way of Life“ zunichtemacht, wie er das Leben jener meist russischen Urlauber beendete, die kürzlich in einem Flugzeug von Scharm El-Scheich am Roten Meer nach St. Petersburg saßen und über der Sinai-Insel abgeschossen wurden.

Warum nun wieder Paris? Im Januar waren das Satire-Blatt „Charlie Hebdo“ und ein koscherer Supermarkt die Zielscheibe. In seinem Bekennerschreiben nennt der IS die Seine-Metropole „die Hauptstadt des Lasters“. Paris wurde Zielscheibe wie am 11. September 2001 New York. Genau zum Zeitpunkt des Anschlags von 9/11 war ich in Paris auf dem Eiffelturm. In den Stunden danach herrschte eine friedliche, traurige Ruhe in der Stadt. Die Stimmung war äußerst bedrückend.

Ich übernachtete damals wie zuvor im 10. Arrondissement, dem damals wie heute populären Viertel zwischen der Bastille-Oper und der Gare de l‘Est. Das „Dixième“ ist ein städtisches Wohngebiet voller Cafés, Kneipen und Restaurants und ein Treffpunkt der „Generation Bataclan“ – wie die „Libération“ letzte Woche schrieb. Beide Städte – New York und Paris – sind Symbole von Hedonismus und Freiheit. Beide Metropolen stehen für einen „Way of Life“, der von Toleranz und Selbstbestimmung geprägt ist. Das Leben in New York ist nach 9/11 weitergegangen, auferstanden aus den Ruinen von Ground Zero. Auch das Leben in Paris. „Fluctuat, net mergitur“ heißt es im wieder häufig zitierten Stadtwappen: „Sie schwankt, geht aber nicht unter.“ Auch wenn die Attentäter die Waffen haben, wie „Charlie Hebdo“ letzte Woche titelte: „Wir scheißen auf sie. Wir haben den Champagner.“ Doch die Wunden bleiben.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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