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Palmen und Papageien

Heidelberg ist ein beliebter Studienort, auch für Luxemburger. Doch nicht nur die Universität ist attraktiv, mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten und einer angenehmen Stimmung kann die Stadt selbst begeistern.

Als ich zum ersten Mal in Heidelberg bin, erzählt mir eine junge Studentin: „Hier regnet es nie.“ Wir sitzen uns bei einer Wohnungsbesichtigung gegenüber, ihre Wohngemeinschaft, in der gerade ein Zimmer frei ist, liegt genau über einer Shisha-Bar, an einer der meistbefahrenen Kreuzungen der Stadt. „Das mit der Bar ist überhaupt kein Problem, die Leute sind da sehr ruhig, ab und zu wird es mal lauter, aber nur am Wochenende. Und um 24 Uhr ist Schluss, ehrlich.“

Es ist Mitte August. Meine Tochter sucht ein Zimmer in Heidelberg. Vor einer Woche hat sie die Zusage von der Uni bekommen, ab Oktober Physik studieren zu dürfen. Die Ruprecht-Karls-Universität ist eine der ältesten Universitäten Europas und die älteste Deutschlands. Sie wurde im Jahre 1386 vom damaligen pfälzischen Kurfürsten Ruprecht I gegründet. Hier sind schon Joseph von Eichendorff und Hannah Arendt durch die Flure gewandelt. Auf dem aktuellen weltweiten Universitätsranking steht sie an 42. Stelle, gleich hinter der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität. Beide gehören zu den sogenannten zehn Exzellenz-Universitäten Deutschlands, die vom Staat stärker als andere gefördert werden. Vor allem für den Fachbereich Medizin ist die Uni Heidelberg bekannt.

Auf der knapp dreistündigen Autofahrt fällt auf: Heidelberg scheint ein Anlaufpunkt für Luxemburger zu sein. Zahlreiche gelbe Nummernschilder fahren in dieselbe Richtung, und in der Stadt selbst sieht man luxemburgische Autos an jeder zweiten Straßenecke. Kein Wunder vielleicht: Die Stadt liegt in einer der wärmsten Regionen des Landes, sie besitzt eine reizvoll gelegene Schlossruine, eine historische Bergbahn, die noch immer in Betrieb ist, eine schöne Altstadt, unzählige Restaurants, Weinstuben und Cafés, mittendrin der Neckar mit vielen parkähnlich angelegten Uferstrecken und durch die vielen Studierenden aus aller Welt ist immer was los. Zudem ist sie gar nicht weit weg, knapp 230 Kilometer von der luxemburgischen Grenze entfernt. Ein Kurzbesuch für ein oder zwei Tage ist da kein Problem.

Kommt man von Westen in die Stadt, fährt man auf die Hügelkette zu, die Heidelberg auf der Süd-Ostseite umgibt. Zuvor bleibt man kilometerlang auf plattem Land, auf der sogenannten Rheinebene. An Kaiserslautern, Ludwigshafen und Mannheim vorbei, allesamt nicht die schönsten Städte, aber geprägt von Industrie und Handel. Besonders die Anlagen in Ludwigshafen scheinen endlos zu sein, nachts sind sie beleuchtet wie eine amerikanische Metropole. Dass gleich dahinter das beschauliche Heidelberg liegen soll, ist kaum zu glauben. Aber es stimmt. Keine halbe Stunde später ist man schon da, in dieser jahrhundertealten Stadt.

Heidelbergs Gründung ist auf das 12. Jahrhundert datiert, doch bereits 500 vor Christi sollen die Kelten hier gelebt haben, später dann die Römer. Das Wahrzeichen ist das riesengroße Stadtschloss. Es liegt auf der südlichen Stadtseite, sein Bau begann im 13. Jahrhundert. Von hier aus hat man die gesamte Innenstadt im Blick und kann weit Richtung Westen über die Rheinebene schauen. Das Heidelberger Schloss ist eines der meistbesuchten Bauwerke in Europa. Ein großer Teil des Schlosses ist zerstört, was von weitem kaum zu erkennen ist, weil viele der Grundmauern noch stehen.

Doch bevor wir das Schloss besuchen, fahren wir mit der Bergbahn auf den Gipfel des Königstuhls. Es ist einer der beiden Hausberge Heidelbergs und mit 570 Meter über NHN (Normalhöhennull) der höchste Berg der Gegend, auf seiner Nordseite liegt das Heidelberger Schloss. Um auf den Gipfel zu kommen, müssen wir beide Bahnen nehmen: die „Molkenkurbahn“, die von der Altstadt am Schloss vorbei zur Molkenkur, einer ehemaligen Kuranlage, führt und anschließend die „Königstuhlbahn“. Beide Bahnen sind sogenannte Standseilbahnen, die durch Seile auf Schienen nach oben gezogen werden.

Die Fahrten zusammen dauern 14 Minuten, im Schneckentempo mit fünf bzw. zwei Metern in der Sekunde schieben sich die Bahnen den Berg hinauf. Doch heute müssen wir warten. Auch Heidelberg wurde von der Corona-Pandemie erfasst. Die Bahnen dürfen nur noch mit einem Viertel der sonstigen Passagiere gefüllt werden. Auf der Mittelstation stehen wir eine Stunde in der Schlange. Belohnt werden wir mit dem Aufenthalt in einem Wagen, der nicht nur so aussieht als sei er über 100 Jahre alt, sondern es auch wirklich ist.

Während die Molkenkurbahn in den 60er Jahren neu gebaut wurde und seit 2004 mit neuen und größeren Wagen fährt, wird die Königstuhlbahn mit den Originalwagen betrieben. Durch eine Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen nach dem Standseilbahnunfall im österreichischen Kaprun im November 2000, bei dem 155 Menschen ums Leben kamen, mussten diese im Jahr 2003 allerdings vollständig überholt und mit moderner Technik ausgestattet werden. Der alte Antrieb ist geblieben, technisch Interessierte können sich davon unterhalb der Gipfelstation überzeugen und die großen Räder, die die Seile bedienen, bei der Arbeit beobachten.

Auf dem Königstuhl ist reger Betrieb. Nicht nur von Leuten, die mit uns die Bergbahn befahren haben. Hier führt eine Straße hoch, es kreuzen zahlreiche Wander-, Fahrrad- und Mountainbikewege. Man hört zig verschiedene Sprachen. Trotz Corona ist Heidelberg ein Touristenmagnet. Der Ausblick von hier oben ist gigantisch. Nur die Stadt sieht man kaum noch. Sie verschwindet unter dem Wald, den wir gerade mit der Bahn durchfahren haben.

Auch die Schlange zur Rückfahrt ist lang. Wir beschließen, den Berg zu Fuß hinunterzulaufen, trotz wenig wandertauglicher Schuhe. Dabei kommen wir auf die Himmelsleiter, eine aus 1.200 Stufen bestehende Treppe aus grob behauenen Sandsteinen. Sie wurde ab 1844 gebaut und gilt als eine der längsten Treppen des Landes. Die Abstände zwischen den Stufen sind ungleich, es gibt Absätze von über 30 Zentimeter Tiefe, für Menschen mit Knieproblemen, wie ich einer bin, nicht gerade die einfachste Übung.

Der Abstieg dauert etwa 45 Minuten, dann kommen wir von der Rückseite auf das Schloss zu. Jetzt erst erkennt man, dass ein großer Teil des Gebäudes tatsächlich nicht mehr funktionstüchtig ist. Teile der Turmmauern sind in großen Stücken herausgefallen und dabei ganz geblieben. Seit über 300 Jahren liegen sie an den Füßen der Türme, mittlerweile überwachsen mit Büschen und Gras, und sehen noch immer so aus, als könnte man sie einfach anheben und wieder in die klaffenden Lücken zurückdrücken. Manche Wände sind wie durch ein Wunder stehen geblieben, obwohl alles um sie herum längst Vergangenheit ist.

heidelberg-3395744-©-Ramon-Perucho----Kopie

Mitten auf dem Schlossgelände liegt der Schlosshof, hier tummeln sich die Menschen heute genauso wie sie es vor 700 Jahren getan haben, als das Schloss noch von den Pfälzer Kurfürsten bewohnt war. Normalerweise finden hier jeden Sommer die Heidelberger Schlossfestspiele statt, die vom Stadttheater organisiert werden. Nur dieses Jahr bleibt die Bühne leer, wegen Covid-19 wurde das ganze Festival abgesagt. Im Weinkeller kommt man am „Großen Fass“ vorbei, einem Weinfass aus dem Jahre 1751, das mehr als 200.000 Liter fasst. Es ist das vierte Fass seiner Art, das dort unten gebaut wurde. Befüllt wurde es allerdings nur dreimal, weil es nie dicht war. Als Touristenattraktion ist es aber ein Hit, mehr als eine halbe Million Menschen steigen jedes Jahr die Treppe hinauf, um auf der Oberseite des Fasses Fotos zu machen.

Vom Schloss hinunter zur Altstadt ist es nicht mehr weit, auf knapp 400 Stufen führt ein Weg herab. Die Altstadt selbst ist süß: kleine Gässchen zwischen großen Alleen, überall Geschäfte, Cafés, Weinstuben, Restaurants. Ich fühle mich mehr wie in Italien als in Deutschland, was nicht nur an der heißen Augustsonne liegt. Zwischen den Häusern erinnert der Geruch an Florenz: eine Mischung aus alten Steinen und frisch gebrühtem Kaffee. Vor allen Fenstern gibt es Rollläden, selbst in denen, die schon Hunderte von Jahren alt sind. Es scheint hier wirklich seltener zu regnen als anderswo.

Auf der anderen Seite des Neckars liegt der Bezirk Neuenheim. Hier wohnen viele Studenten, aber auch solche, die den alternativen Charme eines Künstler- und Studentenviertels zu schätzen wissen. Der Wohnungsmarkt in Heidelberg ist, wie in den meisten anderen deutschen Universitätsstädten, ziemlich eng. Die Universität stellt ihren Studierenden zwar zahlreiche Appartements und Wohngemeinschaften zur Verfügung, aber lange nicht genug, um alle knapp 30.000 unterzubringen. Deshalb boomt der private Markt, was bedeutet, dass Wohnungsinhaber ihre Wohnungen zimmerweise vermieten. Mit ein paar Ikea-Möbeln darin verlangen sie gleich noch mehr. Zimmer unter 400 Euro monatlich sind kaum zu bekommen. Die meisten kosten eher ein- bis zweihundert mehr.

Meine Tochter hat Glück. Gleich am ersten Tag findet sie ein kleines Appartement. Sie ist nicht die einzige, die die Wohnung haben möchte, aber die einzige, die ein Physikstudium beginnt. Das imponiert der Hausmeisterin. Sie ist Fan der Serie „The Big Bang Theory“, in der sich ein paar geniale Physiker durch den Alltag quälen. Da sie über die neue Mieterin entscheiden darf, ist der Deal schnell gemacht. Und meine Tochter muss nicht wie viele andere wochenlang nach einem Zimmer suchen.

Am Ende unseres Wochenendes geht es zum Philosophenweg, der direkt gegenüber der Altstadt auf der anderen Seite des Neckars liegt. Er führt von Neuenheim steil den Hang hinauf Richtung Osten. Es ist das teuerste Wohngebiet der Stadt, hier stehen hochherrschaftliche Villen aus den letzten beiden Jahrhunderten, zwischendrin ein paar Gebäude der Uni. Ganz oben eins der Physik-Fakultät, hier werden einige der Übungen stattfinden, an denen meine Tochter teilnehmen muss. Wie die meisten anderen Unis auch, bemüht sich die Uni Heidelberg, so viele Veranstaltungen wie möglich nicht online, sondern physisch und in echt anzubieten. Gerade für Studienanfänger sind der Austausch und das Zusammentreffen mit den Kommilitonen wichtig.

Zwei Kilometer ist der Philosophenweg lang, und er ist nicht, wie der Name vermuten ließe, das Produkt einer philosophischen Fakultät, auf dem man der inneren Erkenntnis näherkommen soll. Vielmehr ist der Weg von Studierenden aller Fachbereiche entwickelt worden, die sich dorthin zurückzogen, um sich über neueste Gerüchte oder in Liebesdingen auszutauschen. Schon Hegel, Hölderlin und Eichendorff sollen hier ihre Bahnen gezogen haben. Der Ausblick auf Schloss und Altstadt ist traumhaft und durch die Ausrichtung nach Süden wachsen auf den Terrassen Blumen und Pflanzen, die man sonst aus dem Mittelmeerraum kennt. Selbst Palmen sind hier auch im Winter gut aufgehoben.

Genauso wie die Halsbandsittiche, die sich seit den 70er Jahren in der Stadt breitgemacht haben. Die giftgrünen Papageien, die man sonst nur aus Asien und Afrika kennt, scheinen sich in der Stadt wohlzufühlen. Etwa 1.000 Exemplare sind hier zu Hause. Nicht nur zur Freude der Einwohne: Am Hauptbahnhof, ihrem Haupt-Treffpunkt, scheint es bisweilen ein Problem mit dem Kot der exotischen Vögel zu geben. Als meine Tochter Ende September ihre neue Wohnung bezieht, sehen wir keinen Vogel. Was nicht verwunderlich ist: Es regnet in Strömen. ‚Von wegen kein Regen‘, denke ich. ‚Aber irgendwie auch schön. Heidelberg ist also auch nur ein Mensch.‘

Fotos: Markus Fischer, Ramon Perucho (beide Pixabay), Frank Bucher

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Martine Decker

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