Home » Autorevue » Pauschalreise im Luxusdampfer – Hyundai Genesis 3.8 HTRAC Limousine

Pauschalreise im Luxusdampfer – Hyundai Genesis 3.8 HTRAC Limousine

In Nordamerika und Asien ist die auf den Namen Genesis getaufte Limousine bestens bekannt, in Europa dagegen überhaupt nicht, doch jetzt hat der koreanische Hersteller Hyundai mittels stetig steigender Verkaufszahlen endlich genug Selbstbewusstsein getankt, um sein Flaggschiff nach Europa zu bringen um, wenn auch nicht den deutschen Premiumherstellern sofort das Wasser abzugraben, sie doch zumindest gehörig zu ärgern. Das Zeug dazu hat die sportliche Limousine, die sich gegen die obere Mittelklasse vom Schlage eines BMW 5er und einer Mercedes-Benz E-Klasse messen lassen muss, allemal.

Vor einigen Jahren noch erlagen Hyundai- und Kia-Besitzer der Versuchung, sich für ihre Kaufentscheidung entschuldigen zu wollen, führten die tiefen Preise an und erklärten, dass die Verarbeitungsqualität eigentlich zweitrangig sei, oder zumindest keine Priorität in Anbetracht der von den Koreanern praktizierten Kampfpreise. Diese Zeiten sind natürlich längst vorbei, denn zum einen sind die Preise nicht mehr jene Dumping-Tarife, mit der relativ neue asiatische Hersteller notgedrungen versuchten, sich in der Welt gegen etablierte Konkurrenz zu behaupten, und zweitens – und vor allem – ist die rasante Aufholjagd der Koreaner in Sachen Design und Verarbeitungsqualität längst in aller Munde. Sie zeichnen und konzipieren ihre Autos für den europäischen Markt vornehmlich auf dem Alten Kontinent, testen Fahrwerke auf dem Nürburgring und passen ihr Design und ihre Ausstattungslinien dem Geschmack der anspruchsvolleren Langnasen an. Spätestens seit dem auf Youtube um die Welt gegangenen Satz von VW-Vorstand Martin Winterkorn, wie er den i30 bei der IAA in Frankfurt 2011 unter die Lupe nahm und mit den Worten „da scheppert nix“ kommentierte, weiß jedermann, was es geläutet hat.

Nichts außer dem schrägen „H“ am Kofferraumdeckel deutet übrigens darauf hin, dass es sich bei dieser geräumigen Limousine um einen Hyundai handelt, auf der Front thront ein an Bentley erinnerndes Genesis-Logo über einem an Aston Martin erinnernden Kühlergrill, die Flanke und das Heck zitieren diverse Edelmarken wie Infiniti, Audi, Mercedes und BMW – bis hin zum bajuwarischen Hofmeisterknick an der C-Säule und den sehr kurzen Überhängen vorne und viel längeren hinten. Und dabei ist der Gesamteindruck sehr gelungen, die gestreckte Silhouette mit einem Radstand von gut drei Metern wirkt sportlich und sachlich zugleich.

Durch eine Tür mit Keyless-Go und beleuchteten Türgriffen steigt man ins Innere und erlebt den zweiten „Schock“, denn der erste – und der zweite –Eindruck sind sehr positiv. Es gibt viel Platz in beiden Reihen, schöne und feste Sitzgarnituren in bestem Leder, eine aufgeräumte Mittelkonsole und echtes Holz und Leder an Armaturenbrett und Türen, alles sauber eingefasst und mit viel Sorgfalt verarbeitet. Die Plastikteile sind keineswegs hart oder unansehnlich. Die Rundinstrumente sind schnörkellos schön und gut abzulesen, die Haptik und Ergonomie gut. Alle Knöpfe des großen Panoramadaches mit Windschott am Dachhimmel sind beleuchtet, das Lenkrad zwar nicht gerade der absolute Hingucker, aber für eine ultrakomfortable Bonzen-Limo aus Fernost auch nicht unerwartet schauderhaft. Ein 9,2 Zoll großer Bildschirm in HD-Qualität und mit Touchscreen-Funktion ausgestattet, thront über dem Ganghebel und dem drehbaren Multifunktionsschalter auf dem Mitteltunnel. Dann drückt man den Startknopf und das „All inclusive“-Paket der Superlative erwacht.

Denn der Genesis 3.8 HTRAC Sedan ist mit fast allem serienmäßig ausgestattet, was man sich bei der vornehmlich deutschen Konkurrenz für teures Geld aus einer langen und schmerzvollen Optionsliste erkaufen muss. Der einzige in Luxemburg angebotene Genesis hat geheizte und gekühlte Frontsitze, ein beheizbares Lenkrad, eine Achtstufenautomatik, Allradantrieb, eine Multizonenklimaautomatik, einen automatisch abblendenden Rückspiegel, ein gutes Parkhilfesystem mit vielfältig verstellbaren Bildern in alle Himmelsrichtungen sowie akustischer Warnung, ein Head-up-Display, ein automatisches Rollo am Heckfenster, eine Vielzahl von Assistenten für Spurhalten – der aktive Lane Assist greift ins Lenken ein und kann sanfte Kurven sogar autonom nehmen –, Auffahrvermeidung und Notbremsung, toten Winkel und dergleichen. Und alles, aber auch wirklich alles ist im Gesamtpaket von Anfang an mit drin. Das Soundsystem von Lexicon ist eines der allerbesten, das wir je in einer Serienausstattung vorfanden.

In Sachen Fahrdynamik muss man sich natürlich bewusst sein, dass es sich beim Hyundai Genesis um einen Koloss aus Übersee handelt, mit drei Metern Radstand und fünf Metern Länge, auf den klassischen amerikanischen sowie den asiatischen Kunden zugeschnitten. Folglich tritt er mit einer extrem weichen Federung mit elektronischer Dämpfung, einer ebenso butterweichen Lenkung und einem maximalen Cruising-Potenzial bei gemächlicher Gangart auf. Der fast rein symbolische Sport-Modus verändert hieran herzlich wenig, und wir selbst hätten uns im Galopp zumindest eine etwas straffere Abstimmung gewünscht. Nichtsdestotrotz fährt sich der Genesis extrem souverän und meistert mit seinem Allradantrieb und seiner doch präzisen Lenkung alle Hürden, bügelt die meisten Unebenheiten aus dem Straßenbelag und erzeugt auch kaum Geräusche. Im hochtourigen Bereich klingt er nicht wirklich sexy, aber auch nicht wirklich laut, man nimmt es zur Kenntnis und stört sich nicht daran. Obwohl, etwas Feinschliff könnte dieser Motor vertragen.

Technische Daten & Preis

11,6 l/100 km
270 g/km
3.778 cm3
232 kW/315 PS @ 6.000 U/min
375 Nm @ 5.000 U/min
6,8 s 0-100 km/h
240 km/h

Preis: 61.776 €

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook

Die Festsattelbremsen mit vier Kolben vorne und die zwei schwimmend montierten Bremssättel hinten bremsen den 2.150 kg schweren Wagen (leer) gut dosierbar ab, die „Advanced Traction Cornering Control“ verrichtet ihre Arbeit ordentlich und ohne Hektik. Die Rollbewegung in engen Kurven ist zwar gegeben, aber auch nicht überdurchschnittlich für solch ein Format und solch eine Masse. Als Clou gibt es nur in diesem Wagen serienmäßig ein CO2-Sensor, der den Gehalt von Stickstoff im Wagen misst (und behebt), und so der schleichenden Müdigkeit des Fahrers vorzeitig entgegenwirkt. Entgegen der amerikanischen Version, wo er auch als 4,6-Liter-V8 zu haben ist, hat der Luxemburger Genesis zwar nur einen einzigen Motor, den 3,8-Liter-V6 mit 315 PS, dafür aber eine Schildererkennung und eine nahezu perfekte Gewichtsverteilung von 51,2% vorne und 48,8% hinten.

Der Tank fasst 77 Liter, der Kofferraum deren 493. Etwas enttäuschend sind in diesem Kontext zwei Tatsachen: Zum einen ist der Motor relativ durstig und zwitschert bei Belastung genüsslich aus der Benzinleitung – über 20 Liter/100 km scheinen auf jeden Fall leichter zu erreichen als unter 10, auch wenn sich unser Verbrauch bei zirka 12 Litern einpendelte – und die Rücksitze sind auch nicht umklappbar, so dass der Kofferraum nur über eine schmale Durchreiche leicht zu vergrößern ist. Dafür öffnet sich der Kofferraum vollautomatisch, sobald man sich mit dem Schlüssel in der Hosentasche dahinter postiert, ganz ohne Fußbewegung oder andere Mätzchen. Das ist sehr praktisch, allerdings sollte man sich nicht hier im Regen hinstellen, um ein Schwätzchen mit Nachbarn zu führen, sonst ist der Kofferraum im Nu geflutet.

Mit knapp unter 62.000 Euro bietet der Hyundai Genesis ein Preis-Leistungs-Verhältnis, das seinesgleichen sucht, auch wenn der Widerverkaufswert nicht dem eines deutschen Konkurrenten entsprechen dürfte und die einzige Motoren- und Getriebewahl nicht allen Erwartungen entsprechen dürfte, denn besonders beim Flottengeschäft dürfte dies zum Problem werden. Im Gegenzug für den erlittenen Status-Knick kriegt man die wahnwitzigste Serienausstattung auf dem Markt, einen kolossalen Exoten-Bonus –noch nie haben sich so viele Hälse nach einem Testauto verdreht wie bei dem hier –, eine fast unschlagbare Werksgarantie von fünf Jahren ohne Kilometerbegrenzung (Schwesterchen Kia gewährt bekanntlich sieben Jahre) und eine komfortable Limousine, deren Interieur und Karosserie sich vor nichts und niemandem zu verstecken braucht.

Pro/Contra

↑PRO

+ „All inclusive“-Formel

+ Sehr gute Verarbeitungsqualität

+ Viel Platz in beiden Reihen

+ Riesiger Exotenbonus

+ Schöne Silhouette

+ Sehr langstreckentauglich

+ Serienmäßiger Allradantrieb

+ Preis-Leistungs-Verhältnis

+ Gut schallisoliert

+ Intuitives Infotainment

+ Komfortable aber feste Sitze

+ 5-Jahre-Garantie ohne Kilometerbegrenzung

+ Vollautomatischer Kofferraum

↓CONTRA

Kein Scheibenwischer am Heckfenster

Altmodische Grafik des Navis

Symbolischer Sport-Modus

Butterweiche Lenkung im S-Modus

Nur ein einziger Motor

Kein manuelles Getriebe

Kein Diesel im Programm

Anfällig für schnellen Wertverlust

Tief auf der Status-Skala

Etwas zu hoher Verbrauch

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Foto: Hyundai

Foto: Hyundai

www.hyundai.lu

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?