Home » Home » Perspektivenwechsel

Perspektivenwechsel

Für die einen stellt Sport eine Gelegenheit dar, sich ein Lebensziel zu setzen und sich bis zum Äußersten zu verausgaben. Für andere ist es eine Show, die man wie eine gute Serie oder einen spannenden Film vorm Fernseher genießen kann. Doch das Spektakel hat sich in den letzten Jahren verändert.

Fotos: Balazs Gardi (Red Bull Content Pool), Philippe Reuter, Jimmy Baikovicius, Supersize Films (Red Bull Content Pool)

Die erste Tour de France 1903 wurde mit dem Ziel organisiert, die Auflage der Zeitung L’Auto, die sich heute übrigens L’Equipe nennt, zu steigern. Gemäß der technischen Möglichkeiten jener Zeit wurden die Geschehnisse der ersten Tour schriftlich widergegeben. An eine vollständige Berichterstattung war nicht zu denken.

Speziell anhand der Tour de France kann jedoch eine Entwicklung fest gemacht werden, die quer durch die Sportarten zu beobachten ist. Wenn man die Berichterstattung der letzten Jahre betrachtet und einen Blick hinter die Kulissen wagt, so erschließt sich einem eine durchorganisierte, gut bemannte Maschinerie, die dazu in der Lage ist, jeden Zentimeter des Rennens aus unzähligen Perspektiven zu dokumentieren und damit dem Zuschauer zuhause ein unvergleichliches Spektakel zu präsentieren.

Nahaufnahmen von Athleten, die auf ihren zwei Rädern während einer Bergetappe gequält in die Pedalen treten, gehören ebenso zur Tour de France, wie das Peloton aus der Vogelperspektive zu verfolgen und zeitgleich die Schönheit der französischen Landschaften und Dörfer zu bestaunen. Letztere Perspektive wird von einem Helikopter aus gefilmt und kommt deshalb mit einem gehörigen Preis einher, der für kleinere Rennen wie dem Elsy Jabobs hierzulande finanziell nicht zu tragen ist. Doch heute schafft die Kommerzialisierung von ferngesteuerten Drohnen Abhilfe.

Lokale Events profitieren von besserem Bildmaterial und erweitern damit ihre Attraktivität und Reichweite.

Lokale Events profitieren also davon, in den Genuss besseren Bildmaterials zu kommen und erweitern damit ihre Attraktivität und Reichweite. Stéphane Anxionnat wird das kommende Festival Elsy Jacobs mit seiner professionellen „Inspire 2“-Drohne begleiten und definitiv andere Bilder liefern als die Kameras am Straßenrand. „Mit einer Drohne können wir näher an die Athleten heran und dynamische Szenen filmen“, erklärt er. Er wage es sogar zu behaupten, dass, mit Ausnahme ihrer beschränkten Betriebszeit, eine Drohne gegenüber dem Helikopter viele Vorteile hätte. Hubschrauber würden sehr viel Lärm produzieren und müsste einen gewissen Abstand halten, während eine Drohne einzelnen Radfahrern folgen, sie beim Umkreisen filmen und so sehr dynamisches Videomaterial produzieren könne.

Die Drohne ermöglicht es also, Bilder einer gewissen Ästhetik zu produzieren, die vorher nur anhand von kostenintensivem Material möglich waren. Darüber hinaus sind sie wendiger und schaffen es, dem Zuschauer noch interessantere Blickwinkel vor Augen zu führen. Dass dies mittlerweile ein Grundpfeiler eines anspruchsvoll gefilmten Sportevents darstellt, lässt sich bei vielen Ereignissen beobachten. Während der Europa- oder Weltmeisterschaften im Fußball werden seit einigen Jahren sogenannte Skycams oder Spidercams eingesetzt. Durch ihre äußerst resistente Aufhängung an Kevlar-Kabel kann die Kamera präzise übers Spielfeld gelenkt werden und wenn nötig auch auf der vertikalen Achse näher an die Geschehnisse herangeführt werden. Mit Hilfe der dreidimensional lenkbaren Kamera kann der Zuschauer aus nächster Nähe dabei sein, wenn eine Mannschaft sich vor der zweiten Halbzeit im Kreis versammelt, um sich gegenseitig Mut zu machen. Dieser Perspektivenwechsel bringt eine gewisse Nähe zum Athleten, sodass die Berichterstattung persönlicher wird und Emotionen in den Vordergrund rücken.

Ebenso wird eine neue Perspektive durch die Miniaturisierung von Kameras verbreitet. Seit GoPro 2006 die erste digitale Minikamera auf den Markt brachte, explodierte förmlich die Anzahl an Videos, die auf Plattformen wie Youtube hochgeladen wurden. Mit der Kamera wurde die Ich-Perspektive Mainstream, was vor allem Sportarten zugutekam, die sich bis dahin keiner nennenswerten Mediatisierung erfreuen konnten. Die Rede ist vom Extremsport, wo insbesondere durch die Kombination aus Drohnen-Film und Ego-Perspektive kleine Kunstwerke entstehen, die sogar prinzipiell Sport-Desinteressierte vor den Bildschirm locken. Wenn ein vermeintlich Verrückter mit einem Wingsuit, einem Ganzkörperanzug mit angebrachten Tragflächen aus Stoff, über der majestätischen Berglandschaft der Dolomiten mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit zwischen Felsen in die Tiefe schwirrt und das alles auch noch aus der Ich-Perspektive gefilmt wird, kann wohl kaum jemand abstreiten, dass das großartiges Entertainment ist.

Philippe Reuter

Journalist

Ressorts: Land und Leute

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Martine Decker

Login

Lost your password?