Home » Home » „Pflegeberufe sind unterbewertet“

„Pflegeberufe sind unterbewertet“

Im Interview mit der revue erklärt Nora Back vom OGBL, warum es dringend Zeit ist für eine Aufwertung der Pflegeberufe, weshalb es den Druck auf das Patronat braucht und warum die Beitragssätze nicht ansteigen dürfen.

Foto: Alain Rischard (Editpress)

Am 4. Juni sind nach Angaben des OGBL rund 9.000 im Pflegesektor Beschäftigte auf die Straße gegangen, um für eine bessere Bezahlung zu demonstrieren. Das sind fast die Hälfte der insgesamt im Pflegesektor Beschäftigten (20.000). Woher rührt diese Empörung?
Ich denke, dass es wirklich ein riesiger Erfolg war dadurch, dass es eine Jahre alte Forderung ist. Das Problem der Unterbewertung der Pflegeberufe haben wir eigentlich schon seit Jahrzehnten. Es bestehen Ungerechtigkeiten. Und das kommt daher, dass die zwei Kollektivverträge zwei Bereiche abdecken. Zum einen das Spitalwesen, da arbeiten rund 8.000 Beschäftigte, und da fällt jeder drunter, der im Spitalbereich arbeitet, und der andere Kollektivvertrag ist der SAS, da fällt alles drunter, was soziale Betreuung ist, Kinder- und Behindertenbetreuung bis hin zu Beratungsstellen und Erwachsenenbildung. Es umfasst also den gesamten Sozialsektor plus den Pflegesektor, Altersheime, häusliche Pflegedienste – da arbeiten rund 12.000 Leute im Rahmen des SAS-Kollektivvertrags. In diesen beiden Kollektivverträgen hängen die Gehälter an denen der Staatsbeamten hier in Luxemburg. Und das ist auch verankert im Artikel 28 des Kollektivvertrags, und trotzdem sind sie unterbewertet, weshalb wir fordern, dass diese Berufslaufbahnen endlich aufgewertet und anerkannt werden. Die gehören eigentlich zum öffentlichen Dienst, wo all die sozioedukativen und Gesundheitsberufe falsch eingestuft worden sind, denn sie verdienen viel weniger als Leute mit gleichwertigen Diplomen. Aber das Prinzip beim Staat ist ja, dass ich mein Gehalt gemäß meiner Qualifikation bekomme. Es müsste also klar sein, dass es da keine Ungerechtigkeiten und keine Diskriminierung gibt, aber in diesen Berufen gibt es schon seit Jahrzehnten eine Unterbewertung und falsche Einklassierung.

Der OGBL fordert eine „Revalorisierung der Gesundheits- und Sozialberufe“. Was meinen Sie damit konkret?
Ja, genau. Im Prinzip hat eine Krankenschwester hier in Luxemburg von der Qualifikation ein BAC+2. Früher brauchte sie einfach nur ein Abitur vom Niveau her. Sie verdient dann aber deutlich weniger als andere Berufe, die auch eine Treizième haben, so dass es sich für sie eher lohnt,
im Büro zu arbeiten als im Pflegesektor. Das nennen wir „Revalorisierung der Laufbahnen“, dass wir gern hätten, dass die Gesundheits- und Sozialberufe nach oben angepasst werden, bei allen, die ein entsprechendes Diplom haben. Das gilt auch für einen Erzieher und für den Sozialpädagogen, der ein BAC+3 hat, aber nur bezahlt wird wie ein Abiturient.

Eine Krankenschwester oder eine Pflegekraft verdient in Deutschland nach der Ausbildung 2.060 EUR (brutto), in Luxemburg dagegen rund 2.900 Euro (netto). Ist das im Vergleich nicht eher viel?
Das geht natürlich nicht auf. Diesen Vergleich kann man in allen Berufssparten vornehmen hier in Luxemburg, weil hier die Bezahlung allgemein viel höher ist, und die Lebenshaltungskosten auch viel höher sind, also kann man uns eigentlich nicht mit einem Nachbarland vergleichen. Es kommt noch hinzu, dass es durch die Koppelung an den öffentlichen Dienst ähnliche Gehälter sind wie beim Staat, und das ist auch richtig so und wichtig, weil wir hier in Luxemburg darauf insistieren wollen, dass Pflegeberufe zum öffentlichen Dienst gehören. Es ist mir wichtig, dass wir diesen Sektor als öffentlichen Dienstleistungsbereich ansehen und nicht als kommerziellen, und daher sollten die Leute auch dementsprechend entlohnt werden. Deswegen kann man jemanden, der in Deutschland in einer privaten Kita angestellt ist, nicht mit jemandem vergleichen, der hier in einer staatlichen oder parastaatlichen Einrichtung arbeitet.

„Es ist mir wichtig, dass wir diesen Sektor als öffentlichen Dienstleistungsbereich ansehen und nicht als kommerziellen.“

Der Dachverband der Pflegeeinrichtungen COPAS hat davor gewarnt, dass die Beitragssätze steigen werden, falls die Gehälter der im Pflegebereich Tätigen erhöht werden. Minister Romain Schneider hat vor einer Kostensteigerung von 30 Prozent in den nächsten 30 Jahren gewarnt. Wie kann man das verhindern?
Das kann man verhindern, indem man die Leute mobilisiert, Druck auszuüben auf das Patronat und nicht zuzulassen, dass das Patronat Druck auf die Beschäftigten macht. Denn das ist eigentlich eine richtige Frechheit gegenüber all den Leuten, die in diesem Sektor arbeiten, nun zu sagen „die älteren Leute müssen wegen Euch mehr für ein Zimmer in einem CIPA bezahlen, weil ihr so teuer seid.“ Die Staatsbeamtengehälter haben ja bereits eine Aufwertung erfahren, und wir sollen jetzt zurückstecken und kriegen auch noch von Patronatsseite gesagt, „es ist nicht genug Geld da“. Deswegen auch der Appell an die Regierung, um das zu entschärfen und sie dazu zu bringen, das Geld, was nötig ist, um das hochqualifizierte Personal zu bezahlen, das tagtäglich einen guten Job in der Gesellschaft leistet, bereitzustellen. Und das ist an sich der Vorwurf, den wir auch der COPAS machen.

Was werfen Sie der COPAS genau vor?
Wir haben einen Kollektivvertrag, für den wir hart gekämpft haben. Die COPAS hat den Vertrag mitaufgebaut und mit zu dem gemacht, was er ist. In den letzten Jahren haben die Gesundheits- und Sozialberufe immer wieder demonstriert, um das zu erhalten, was sie haben, und im Kollektivvertrag steht eben auch der famose Link zum öffentlichen Dienst, und diesen Artikel umgehen sie jetzt als COPAS, wenn sie sagen, sie müssten die Zimmerpreise erhöhen. Neben dem un-moralischen Aspekt ist das Vertragsbruch. Da hält sich einer von den Sozialpartnern nicht an die Abmachungen, und dabei bricht er das Rückgrat des Vertrages. Die Beschäftigten des Gesundheits- und Sozialsektors sind sehr engagiert in ihrer Arbeit, und diejenigen, die von ihnen betreut werden, wissen das auch. Es gibt eine ganz wichtige Qualität zwischen Bewohnern und Personal, und nun den einen gegen den anderen auszuspielen, auf diese perfide Art und Weise, das geht nicht! Wir werfen der COPAS vor, dass sie die Gesetzesgrundlage hintergehen mit solchen Aussagen.

Was wäre aus Ihrer Sicht ein zufriedenstellendes Ergebnis? Was ist das angestrebte Ziel?
Die erste Botschaft richtet sich an die Patronatsverbände aus den zwei Sektoren. Das heißt, was jetzt passieren muss, ist, dass die Patronatsverbände aus beiden Sektoren sich direkt mit uns an den Verhandlungstisch setzen und mit uns die Lohntüte berechnen und dann die Aufwertung der Gesundheits- und Sozialberufe vornehmen. Wir können aber nicht sagen, wie viel das im Einzelfall genau ist. Am 9. Juni hat zwar ein erstes Treffen zwischen Gewerkschaften und Vertretern des Gesundheits-, Finanz-, und Familienministeriums stattgefunden, ein Einlenken gab es jedoch nicht. Es ist nun an ihnen, ihre Hausaufgaben zu machen!

Nora Back...

… geboren 1979, ist Zentralsekretärin des Syndikats Gesundheit und Sozialwesen des OGBL.

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?