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Profi mit Verfallsdatum

Mit links sticht Lis Fautsch blitzschnell ihre Gegnerinnen aus. Doch für den kurzfristigen Erfolg auf der Planche gilt es auch abseits die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Fotos: Chrëscht Beneké, Privatarchiv

Die Anspannung ist mit den Händen greifbar. „Anna, wach sein!“ ruft Lis Fautsch ihrer täglichen Trainingskollegin zu. Die 21-jährige Anna Hornischer hält sich trotz einer Weltranglistenposition über 200 erstaunlich gut gegen die ukrainische Weltranglistenvierte Olena Kryvytska, aber jetzt geht es in der letzten Minute um die entscheidenden Punkte. Die spätere Turnierdritte wird etwas defensiver, von 9:11 über 10:11, 10:12 und 11:12 kann ihre Vereinskameradin auf 12:12 ausgleichen. „Hau rein, vor, vor! … Achtung, sie kommt!“ versucht die Luxemburgerin ihrer deutschen Kollegin im nervenzerreißenden Sudden Death mit Anweisungen zu helfen.

„ Die Duelle werden im Kopf entschieden.“

„Die Duelle werden im Kopf, mit der richtigen Taktik entschieden“, erklärt die erfahrene Luxemburgerin. Mit Begeisterung erzählt sie von ihrer Sportart, die Details eines Kampfes bei der letztjährigen EM sprudeln aus ihr heraus. Mit dem siebten Platz hatte sie sich dort eines ihrer großen sportlichen Ziele verwirklicht. „Das war genial, ich war echt zufrieden mit mir, habe göttlich gefochten.“ In den letzten Jahren habe sie die nötige Erfahrung gewonnen um dann auch mal ein Gefecht wie gegen die starke italienische Gegnerin mit 15:14 nach Hause zu bringen. Da ist die 31-Jährige schon ein wenig traurig, sich erst nach dem Studium mit 25 Jahren ganz auf ihren Sport konzentriert zu haben.

Bereits vor fünf Jahren hatte ich die Sportsoldatin beim wichtigsten Weltcup der Saison in der ehemaligen Olympiahalle des Montjüic in Barcelona beobachtet. Es war ein entscheidender Moment ihrer Karriere, als 125. der Weltrangliste hatte sie sich kurzfristig die Top 100 vorgenommen und als längerfristige Ziele ein Achtelfinale bei großen Meisterschaften, sowie die schwierige Qualifikation für Olympische Spiele. Aus Unerfahrenheit hatte sie sich damals im entscheidenden Duell um den Einzug ins 64er Feld schlagen lassen. Nun steht die 31-jährige Sportsoldatin bereits im Herbst ihrer Karriere, sogar mit ziemlich festem Ablaufdatum und ich wollte wissen, wie es weiter geht.

Lis Fautsch ärgert sich: „Es muss mal reichen mit den schlechten Tagen, ich brauche mehr Konstanz. Als Nummer 40 der Welt gehöre ich ins 64er Feld des Finaltages und auch ein 32er sollte mal klappen.“ Doch wieder war sie am Vortag gescheitert, wenn auch denkbar knapp. Unter den gut 200 Fechterinnen gewann sie in der Gruppenphase fünf Duelle und verlor nur eines knapp im Sudden Death. Sauber hatte sie den entscheidenden Siegtreffer zum 3:2 gesetzt, doch da der Degen der Gegnerin ein technisches Problem hatte, musste der Punkt wiederholt werden. So verpasste sie als 22. die direkte Qualifikation der besten 16 für den Finaltag und in den folgenden Qualifikationsrunden unterlag sie einer deutschen Trainingskollegin aus ihrem Heidenheimer Fechtzentrum.

„Ich laufe meiner Form noch etwas hinterher“, konstatiert sie. Dabei sollte nach einem komplett verhauenen Auftritt in Kuba Barcelona der erste seriöse Auftritt mit entsprechendem Resultat werden. Nach ihrer mit Abstand besten Saison 2017 hatte sie im September den langjährigen Freund Michael Rottler geheiratet und rechnete nach drei Wochen Flitterwochen auf Bali und etwas verkürzter Saisonvorbereitung mit einem schleppenden Saisoneinstieg. „Wann heiratet man eigentlich?“ fragt sie und gibt lachend selber die Antwort: „Anfang September, wenn keine Turniere sind.“ Doch wegen eines Wasserrohrbruchs im Heidenheimer Zuhause musste das junge Ehepaar gleich anschließend drei Monate ins Hotelzimmer ziehen. Ohne die gewohnte Umgebung und etwa eine eigene Küche können solche Details schon den Unterschied in der dünnen Luft des Hochleistungssports bedeuten.

„Ich hatte damals nicht mit dieser Leistungsentwicklung gerechnet“, erklärt Lis Fautsch im Rück- und Ausblick. Damals hatte sie in Wien Kommunikation und Sportmanagement studiert, bereits als 18-Jährige Juniorin beim Weltcup im portugiesischen Ponte de Sor einen Podiumsplatz erreicht, im Mai 2011 ein kleineres Satellitenturnier in Istanbul gewonnen und scheiterte zwei Wochen danach im kroatischen Split erst an der Finalgegnerin. Zu der Zeit beendete die damals 24-Jährige ihr Studium und zusammen mit Michael Rottler standen wichtige Entscheidungen an: „Gehe ich jetzt arbeiten? Und wo? Oder werde ich Leistungssportlerin?“ Ihren Mann hatte sie im Studium kennengelernt und zusammen gingen sie nach Heidenheim. Er fand dort Arbeit und auch einen neuen Basketballverein. Sie war am bekannten Fechtzentrum und begann im September 2011 die Grundausbildung der luxemburgischen Armee um sich anschließend Vollzeit dem Fechtsport zu widmen.

Nach und nach konnte sie ihr Niveau steigern, doch ein knappes Jahr vor den nächsten Spielen in Tokio läuft ihre professionelle Förderung mit der maximalen achtjährigen Vertragsdauer eines luxemburgischen Soldaten aus. „Ich habe damals an Rio 2016 gedacht, nicht an 2020“, meint sie entschuldigend für diese Karriereplanung. Seit acht Jahren erfüllt die Fechterin jedes Jahr die Elitekadernorm des COSL und im olympischen Rhythmus ist eine Musterung unmittelbar nach den jeweiligen Spielen optimal. Auch finanziell konnte sie nach dem Studienabschluss jedoch nicht Nichts tun, so wie sie sich nun Optionen für ihr Leben nach dem September 2019 überlegt. Außer einem etwas größeren sportlichen Wunder ist der Traum Olympischer Spiele jedoch in weite Ferne gerückt: Im Fechten qualifizieren sich zuerst die Mannschaften und dann dürfen aus Europa noch die beiden besten Einzelsportler nicht qualifizierter Teams mit. „2012 waren das mit einer Ungarin und einer Italienerin die Nummer 2 und 5 der Welt, nicht mal die Nummer 8 und 10 waren dabei“, erklärt sie das ziemlich unfaire System und ergänzt: „Ich habe 2016 alles auf das Qualifikationsturnier gesetzt, wo noch die Siegerin nach Rio durfte.“ Das sei jedoch eine Lotterie, der Druck enorm und als letzten Endes Zehnte von 25 habe sie beim 14:15 gegen eine Serbin die Nerven verloren.

„Das Fechten hat meinen Charakter geprägt. Nie aufgeben, Niederlagen verarbeiten, weiter machen.“ Im Vergleich zu ihrer hibbeligen Kindheit sei sie viel ruhiger und konzentrierter geworden, setze sich Ziele und versuche sie zu erreichen. Neben der Finalrunde der besten Acht bei der letztjährigen EM erreichte sie dies im nacholympischen Jahr als Siebte ausgerechnet beim Weltcup in Rio. „Wir haben jedoch in einer Militärbasis gefochten, wo normale Zuschauer keinen Zutritt haben.“ Sie verweist auf das Millionenpublikum des Dart und legt damit den Finger in eine weitere klaffende Wunde des Fechtsports, der außer bei den Spielen weit entfernt von der Öffentlichkeit statt findet. Auch am frühen Morgen des Finaltages in Barcelona sind es nahezu ausschließlich Betreuer, wenige Freunde und Familienangehörige, sowie andere Athleten die sich auf die Ränge verlieren. Ihr gefällt die Stimmung in ihrer Heidenheimer Mannschaft, wo man auch ausgeschieden ganz normal mit den anderen Athleten aufsteht, um diese anzufeuern. Obwohl die Trainer von der deutschen Sportförderung bezahlt werden, haben sie fairer Weise das klubinterne Duell gegen die „Ausländerin“ Fautsch nicht gecoacht. Wegen ihrer fechterischen Qualität, aber auch wegen ihrer freundlichen Art ist sie vollständig in ihr Team integriert.

„Scheiße, mit so nem Kack hat die den Sieg. Wir haben viel mehr gearbeitet“, meckern die Kameradinnen von Fautsch nach dem gegnerischen Siegtreffer enttäuscht auf den Rängen. Und konzentrieren sich bald auf ihre nächste Teamkollegin. Auch Lis Fautsch konzentriert sich im Herbst ihrer Karriere längst auf neue Ziele: „Ich will noch eine Medaille bei einem großen Turnier erreichen und mich im Juni 2019 bei der EM in Luxemburg gut präsentieren. Da ist dann hoffentlich Stimmung wie bei Bieles 2017 und die Coque wie bei der Tischtennis-EM voll. Das olympische Qualifikationsturnier im April 2020 wird dann wohl das letzte Turnier auf Profiniveau sein“, erklärt sie und ergänzt ihre Hoffnung auf die große Überraschung: „Aber vielleicht klappt an dem Tag ja alles?“ Nur wie sie das halbe Jahr bis dahin überbrückt, weiß sie noch nicht. Wenn die dann 32-Jährige sich im September 2019 ohne wirkliche Berufserfahrung auf dem Arbeitsmarkt präsentiert, wird es eh schwer genug. Da kann sie genau so wenig sagen, ob sie mit ihrem Mann in der Heidenheimer Wahlheimat bleibt, wie dieses Wochenende für die Landesmeisterschaft dann fest nach Luxemburg zurückkommt, oder sich eine andere Gelegenheit bietet. Über das absehbare Ende ihrer Sportlerkarriere, das im Fechtsport auch durchaus später erfolgen könnte, will sie dabei nicht Jammern: „So wie ich vor meinem Sport lieber erst Studieren wollte, habe ich für danach auch noch andere Pläne, will noch andere Sachen erleben. Irgendwann ist Schluss, und ich will ja auch noch eine Familie.“

Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

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Author: alommel

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