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Puppenliebe

In Paris bietet ein Freudenhaus seinen Kunden Puppen aus hautähnlichem Kunststoff für gewisse Stunden an. Handelt es sich dabei um eine sexuelle Deviation, ein Ersatzmittel für jene die an Liebesmangel leiden oder ist es wirklich die Liebe der Zukunft?

Fotos: Monika Motor, Jean-Claude Ernst (Editpress)

Lily, Sofia, Kim und Candice sehen aus wie echte Frauen, sie sind aber nicht aus Fleisch und Blut. Sie können weder reden, noch haben sie Gefühle. Sie sind Puppen. Und doch sorgen sie in Paris seit einigen Wochen für viel Gesprächsstoff. Politiker und feministische Gruppierungen drängen die Behörden der französischen Hauptstadt dem Geschäft mit den Silikon-Puppen ein Ende zu machen.

„Um ehrlich zu sein, dachte ich mir es würde noch schlimmer werden. Ich war mir natürlich bewusst, dass das Konzept nicht jedem gefällt und dass es einen Meinungsstreit geben würde“, verrät Joaquim Lousquy. Der 28-Jährige hat im Februar in Paris das erste Sexdoll-Freudenhaus eröffnet. Die Adresse ist geheim. Die wird erst nach der Buchung preisgegeben, um ungebetene Gäste zu vermeiden. Das klingt spannend. Das Etablissement befindet sich in einem ganz banalen Gebäude in einem unscheinbaren Wohnviertel des 14. Arrondissement der französischen Hauptstadt. Von Rotlichtviertel keine Spur. Hinter einer abgedunkelten Glastür ohne Ladenschild geht es in eine kleine Dreizimmerwohnung. Das gedimmte Licht und die schwarz-rote Dekoration geben dem Laden den Charme eines Bordells aus einem alten achtziger Krimi. Die Silikon-Damen haben alle ihr eigenes Zimmer. Dort liegen sie, leblos, so wie Gott, oder besser gesagt ihr Hersteller, sie schuf. Mit leerem Blick starren sie auf die Decke. Ganz devot warten sie auf den nächsten Kunden. Die Atmosphäre wirkt leer und unpersönlich. Fast deprimierend.

„Du kannst auch gerne alle ausprobieren“, bietet Joachim mir mit einem Lächeln im Gesicht an. Ein bisschen provokativ ist er schon. Das gibt er auch gerne zu. Am besten sie vergessen alles was sie bisher über Sexpuppen wussten, denn Aufblaspuppen sind Schnee von gestern. Diese Luxus-Puppen wiegen bis zu 25 Kilo und sind aus Silikon und Elastomer, eine Mischung aus Kunststoff und Gummi. Ihr Skelett aus artikuliertem Metall ermöglicht unterschiedliche Positionen. Ihre hautähnliche Beschaffenheit ist fast ein bisschen unheimlich.

Ich war mir bewusst, dass es einen Meinungsstreit geben würde. -Joaquim Lousquy

„Es gibt mehrere Puppenhersteller in den USA, in Japan und in Asien“, erklärt Joaquim Lousquy. „Unsere Puppen kommen aus Asien. Es gibt auch einen Hersteller in Frankreich, aber er ist viel zu teuer und ist nicht an unsere Tätigkeit angepasst. Eine Silikon-Puppe kostet in Frankreich 2.000 bis 4.000 Euro.“
Bei gedämpftem Licht und Musik kann der Kunde für 89 Euro die Stunde seine Fantasien ausleben. Ein Zuschlag von 19 Euro ermöglicht sogar ein virtuelles Erlebnis mit Hilfe eines VR-Helms. Allerdings gibt es einige Regeln zu beachten. Die Anwendung eines Kondoms ist Pflicht und es ist strengstens verboten die Puppen zu misshandeln. „Ich rate den Kunden die Puppe wie eine richtige Frau zu behandeln. Mit Respekt.“

Nach dem Gebrauch wird die Liebespuppe gründlich gereinigt. Schonungslos wird ihr der Kopf abgeschraubt. Dann wird sie an einen Ringhaken gehängt und mit einem Kerscher-ähnlichen Gerät mit industriellen Produkten komplett desinfiziert. Hier wird klar, dass sie nur ein lebloses Objekt ist. „Ich sage das ungern, aber die Puppe ist hygienetechnisch sauberer als eine Frau“, behauptet Joaquim.

Bordelle sind in Frankreich seit 1946 verboten, aber der junge Unternehmer ist sich sicher, dass er das älteste Gewerbe der Welt revolutionieren wird. „Natürlich nicht mit echten Frauen. Das ist verboten“. In den vergangenen Jahren sind in anderen europäischen Städten ähnliche Freudenhäuser mit Silikon-Puppen eröffnet werden. Das hat den 28-jährigen Franzosen inspiriert. Von Barcelona bis Düsseldorf hat der junge Unternehmer sich über das Geschäft mit den Plastik-Puppen erkundigt und es auch getestet.

„Ich werde Ihnen nicht verraten was ich persönlich empfunden habe, aber die körperliche Wahrnehmung ist der Realität sehr nahe“, verrät Joaquim Lousquy. Er möchte aber auch betonen, dass er sich nicht besonders vom Geschäft mit dem Sex angezogen fühlt. „Ich bin ein ganz normaler Unternehmer. Das ist alles.“

Aber wer sind diese Kunden, die gewisse Stunden mit einer Plastikpuppe verbringen wollen? Perverslinge, die unter einer sexuellen Deviation leiden? Handelt es sich hier nur um eine Art Fetisch oder aber um sexuelle Einsamkeit? Sexpuppen erfreuen sich in Japan und in China schon seit langem großer Beliebtheit. Was am Anfang als Sextoy gedacht war, nimmt unter anderem in China ein erschreckendes Ausmaß an. Dort machen immer mehr Männer Silikon-Puppen zu echten Lebenspartnerinnen. Tausende Männer lassen sich nach Wunsch die optisch ideale Plastik-Traumfrau basteln.

Nur Geschlechtsverkehr mit Puppen oder Robotern zu haben, könnte bedeuten, dass man die Realität nicht mehr wahr nimmt. -Sexologin Séverine Godard

„Ich bin der Meinung, dass immer mehr Männer Angst haben beim Geschlechtsverkehr zu versagen oder nicht mit dem anderen Geschlecht umgehen können“, erklärt die Sexologin Séverine Godard. „Der virtuelle Sex oder die Sex-Puppen verhindern die Auseinandersetzung mit einer anderen Person. Das kann natürlich Ängste verhindern oder lindern aber man entscheidet sich schlussendlich für die Leichtigkeit. Man geht kein Risiko ein.“ Demnächst sollen es sogar Puppen mit künstlicher Intelligenz geben, die Gefühle nachahmen können. Kanadische Wissenschaftler sprechen von einer neuen sexuellen Orientierung, der Digisexualität. Dank der Technologieentwicklung werden in den nächsten Jahrzehnten immer mehr Menschen auf Sex-Puppen und Sex-Roboter zurückgreifen um ihre geheimen Wünsche zu erfüllen. Was heute als sexuelle Divergenz gilt, gehört dann zur Normalität. Das vermuten zumindest die Forscher. Ob das tatsächlich der Realität entsprechen wird, steht zurzeit aber noch offen.

„Es wird schon problematisch, wenn das die einzige Geschlechtspraxis ist, die eine Person hat“, warnt die Sexologin. „Nur Geschlechtsverkehr mit Puppen oder Robotern zu haben könnte bedeuten, dass man die Realität nicht mehr wahr nimmt, Menschen nicht mehr in Betracht nehmen kann oder will, und keine Zuneigung mehr zeigt.“

Joaquim Lousquy muss derzeit in Paris noch mit viel Gegenwind rechnen. Auch wenn ihm, laut der französischen Polizei, keinen Gesetzesbruch vorgeworfen werden kann, scheint ein Teil der Gesellschaft nicht bereit zu sein diese sexuelle Orientierung zu akzeptieren. Abschrecken lässt sich der Unternehmer aber nicht. In den nächsten Monaten plant er die Öffnung von 15 weiteren Puppen-Freudenhäuser in ganz Frankreich.

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

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Author: alommel

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