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Queen Mom in Sandweiler

Alte Autos, sagt man, sind wie Pornofilme, wenn sie erst einmal 40 oder mehr Jahre auf dem Buckel haben, können nur noch eingefleischte Freaks mit bizarren Wolljacken und nicht weniger verwegenen Haarschnitten sich dafür erwärmen, weil alle anderen Zeitgenossen nur noch völlig entgeistert den Kopf schütteln und sich fragen, wie es so einen haarsträubenden Mist überhaupt einmal geben konnte und, schlimmer noch, wieso ein moderner Mensch – in beiden Fällen natürlich ein Mann – heutzutage seine Zeit damit verplempert, die alten Libido-Booster zu hegen, anstatt sich einer sinnvollen weil zeitgemäßen Beschäftigung hinzugeben, wie Rasen mähen. Wie kann man nur?

Die Parallelen zum “Speckfilm” könnten bis ins Unendliche vertieft werden, man könnte über Körperflüssigkeiten dozieren, die verloren gehen, Parallelen über Ausdünstungen, Schrammen, Beulen und Abgase ziehen, oder über eine rücksichtslose Industrie lästern, die aus irgendeinem obskuren Grund absolut keine Moral besitzt, eben nicht wie jene, die Müsli-Riegel und Jogging-Galoschen zimmern oder Sojasprossen anbauen, denn die sind ja alle gut. Aber warum sollte man, denn dass Sex – käuflich oder gratis – ein billiger Ersatz für einen nicht vorhandenen V8 ist, das wissen wir  schließlich alle, und bei VW und General Motors gibt es selbst im entlegensten Werk im tiefsten Dschungel definitiv keine Kinderarbeit, denn dazu ist die Herstellung des Produkts viel zu kompliziert. Aber man hat aus der Prohibition gelernt, also verbietet man Tabak, Alkohol, Porno und Oldtimer nicht, man macht sie nur ungenießbar und kassiert einfach kräftig ab, bis zu dem Zeitpunkt wo sie wie erhofft von selbst absterben – es wird allerdings nur bei den Oldtimern funktionieren, wenn überhaupt.

So müssen alte Autos bei der technischen Kontrolle des SNCT einen Abgastest bestehen, den sie allerdings ohne tatkräftigen Beistand von Seiten des Schraubers nie und nimmer bestehen können. Wie geht’s? Ganz einfach, man dreht den Vergaser zu, bis das Gemisch so arm ist, dass die Mühle nur noch mit Hilfe des Anlassers bis auf den Prüfstand hoppelt, dann hofft man, dass die Sache beim vierten, sechsten oder neunzehnten Anlauf endlich gut geht. Dann kommt unweigerlich der Satz: “Dee leeft am Ralenti awer guer net méi ronn.”

Nein, natürlich läuft er im Leerlauf nicht mehr so rund wie eine Nadia Comaneci auf dem Schwebebalken 1976 in Montreal, denn wir mussten ja den Hahn für diesen kurzen symbolischen Moment derartig zudrehen, obwohl Ihr ganz genau wisst, dass der Vergaser wieder sein optimales Gemisch bekommen wird, noch bevor wir auf der öffentlichen Straße, also keine hundert Meter hinter dem Hangar der Prüfstation, angekommen sind. Wieso tun wir so etwas, wohl wissend, dass jeder einzelne Ozeandampfer, der unter Luxemburger Flagge die Weltmeere durchpflügt, die Ozonschicht viel mehr schädigt als alle in le Petit-Déchu angemeldeten Oldtimer zusammen? Hätte man der Königin Mutter den Gin-Hahn derart herzlos zugedreht, sie wäre nicht mehr bis zum Zaun vor dem Buckingham Palast gekommen. Aber man hat es nicht, und sie wurde steinalt damit und die debilen Commonwealth Games finden immer noch statt. Exemple à suivre!

Titelfoto: Dundas Photo Service (CC BY-SA 3.0)

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Philippe Reuter

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