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Querfeldein

In Kate Greenwoods Alltag dreht sich alles um Blumen. Trotzdem ist sie keine Floristin. Als erste hiesige Züchterin essbarer Blüten leistet sie Knochenarbeit, und das bei Wind und Wetter.

Stolz führt Kate Greenwood über ihr 20 Ar großes Feld in Hobscheid. Es regnet. Nur die Ringelblümchen blühen noch und heben sich mit ihrem satten Orange von der gräulich-braunen Wintereinöde ab. „Die erste Saison ist gut gelaufen. Nur zwanzig Döschen mit getrockneten Blüten sind insgesamt übrig geblieben.“

Vor fast genau einem Jahr begann Kates Abenteuer. Die Engländerin, die seit 1994 in Luxemburg lebt, zog einen Schlussstrich unter ihr bisheriges (professionelles) Leben und beschloss, endlich das zu tun, was ihr Spaß macht – raus aus dem muffigen Büro, raus an die frische Luft. Die 54-Jährige, die „food design“ in London studierte und auf einem Bauernhof aufwuchs, erfüllte sich gleich zwei Wünsche auf einmal: Sie kombinierte ihre Leidenschaft für Gartenarbeit mit ihrer Begeisterung für Essen. „Ich dachte erst daran, als Gemüsegärtnerin zu arbeiten, aber ich wollte etwas machen, das es in Luxemburg noch nicht gab.“ Also pachtete sie für drei Jahre ein Stück Land und gründete „Botanika“.

Rund 54 verschiedene Pflanzen züchtet Kate. Neben Blumen pflanzt sie vor allem Gewürze und Salate an. „Der Boden hier besteht größtenteils aus Sand, was sehr förderlich für Kräuter ist“, weiß sie. Das Saatgut stellt sie, bis auf das für die David-Austin-Rosen, selbst her. Außerdem setzt die Freischaffende auf die sogenannte „No Dig“-Methode von Charles Dowding, bei der die Erde nicht umgegraben, sondern ruhen gelassen wird. „Man muss den richtigen Ort für die richtige Pflanze finden“, erklärt sie und bezieht sich damit auf die renommierte britische Gärtnereibesitzerin Beth Chatto. „Wie etwas wächst, hängt von der Bodenart, der Ausrichtung, dem Wetter und nicht zuletzt vom Klimawandel ab.“

Das erste Jahr sei ein wahres Experiment gewesen, gibt sie offen zu. „Die Arbeit besteht zu zehn Prozent aus Wissen und zu 90 Prozent aus einem Lernprozess. Man muss verschiedene Dinge ausprobieren, sie aufmerksam beobachten, festhalten, wie sie sich entwickeln und, anhand davon, bestimmte Methoden ausarbeiten.“ Daneben musste die Botanikerin einige (bürokratische) Hürden überwinden, wie etwa die Wasserzufuhr garantieren oder die Erlaubnis für einen Folientunnel bekommen. Im Tunnel sind nicht nur die Sprösslinge geschützter, auch Kate freut sich über die zwei, drei Grad mehr, um sich zwischendurch etwas aufzuwärmen. Bei ihrem Projekt unterstützen Familie und Bekannte die gebürtige Engländerin. In der Regel ackert sie jedoch allein – täglich, quasi 365 Tage im Jahr. Seit März 2018 hatte sie an keinem Wochenende frei. Erst im Dezember konnte sie es sich erlauben, „Urlaub“ zu nehmen.

Die Arbeit besteht zu zehn Prozent aus Wissen und zu 90 Prozent aus einem Lernprozess. Kate Greenwood

In drei Wochen beginnt die Saison wieder. Die Züchterin befindet sich bereits in den Startlöchern. Da die Vorbereitungen ganz schön viel Zeit in Anspruch nehmen, möchte sie 2019 mit gestärkter Front – also mit einem zusätzlichen Angestellten – antreten. Der neue Katalog steht schon. Neben den üblichen Produkten (wie beispielsweise getrockneten Blüten und Blütenkonfetti) wird erstmals eine gemischte Kräuterbox angeboten. Selbst über die Herstellung eines eigenen Honigs, in Zusammenarbeit mit „Bee Together Luxembourg“, sowie die Produktion eines eigenen Tee-Sortiments denkt Kate derzeit nach. Dabei ist ihr wichtig, dass alles saisonal und frisch ist –
„grown, not flown“, wie sie sagt; heimisch gewachsen und nicht eingeflogen.

Womit die Botanikerin ihre Brötchen verdient, hat sich im überschaubaren Luxemburg schnell herumgesprochen. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Chefköche bei ihr auf der Matte standen. „Sie lieben es hier.“ Gastronomen und Kunden schauen meistens persönlich vorbei und lassen sich bei größeren Bestellungen von der 54-Jährigen beliefern. Direkt vor Ort können sie sich von der Qualität der Pflanzen überzeugen und auf die eine oder andere Rarität stoßen. „Besonders Variationen wie Limonen- oder Zimtbasilikum haben es den Köchen angetan.“ Selbst auf internationaler Ebene hat sich die Züchterin mittlerweile einen Namen gemacht. Auf der Gastronomie-Messe „Expogast“ bestellte ein Pärchen aus Washington für eine Hochzeit eine Unmenge an Blütenkonfetti bei ihr – ein wahrer Glücksfall für die Kickstarterin.

Da Pflanzen sehr toxisch sein können, sollte man nie welche verzehren, die man nicht eindeutig bestimmen kann. Kate Greenwood

Dass Kate mit Herz und Seele dabei ist, erkennt man an der Art und Weise, wie sie mit Gummistiefeln durch das matschige Feld stampft, wie sie im Vorbeigehen an einem Büschel zupft, wie sie den Fenchel liebevoll zu einem Strauß zusammenbindet. „Das ist wunderschön“, „riech mal“, „fantastisch, oder?“, merkt sie dabei begeistert an.

Obwohl ein allgemeiner Trend besteht und essbare Blüten vor allem in den sozialen Medien überaus gut ankommen, haben sie hierzulande noch keinen nennenswerten Stellenwert eingenommen. Warum das (hier und generell in Europa) der Fall ist, erklärt sich die Expertin folgendermaßen: „Den Blüten heftet immer noch ein gewisses Stigma an, das mit den Weltkriegen zusammenhängt. Sie waren früher noch weniger als ein Arme-Leute-Essen. Sie wurden nur verzehrt, wenn man gerade am Verhungern war.“ Dabei machen die Blüten, ihrer Meinung nach, selbst eine langweilige Butterstulle interessanter. Ein Orangen-Fenchel-Salat? Ihr zufolge ein unvergleichliches Geschmackserlebnis.

Nichtsdestotrotz besteht diese negative Konnotation bis heute. Gleichzeitig nehme das gesellschaftliche Wissen über Botanik rasant ab. „Da Pflanzen sehr toxisch sein können, sollte man nie welche verzehren, die man nicht eindeutig bestimmen kann“, warnt Kate Greenwood eindringlich. Das gelte genauso für Kinder wie für Foodblogger. Sie lächelt verschmitzt, kommt aber gleich wieder auf den Punkt: „Ich spiele mit dem Gedanken, Kurse zum Thema in lokalen Grundschulen anzubieten und die Kids mit aufs Feld zu nehmen“ – ganz nach dem Motto „learning by doing“.

Fotos: Philippe Reuter

Am 30. Juni findet (unter dem Namen „Bee Aware“) ein Tag der offenen Tür, beziehungsweise des offenen Felds, von 14 bis 17 Uhr in Hobscheid statt. Weitere Informationen (u.a. zur Anfahrt) ab Ende März unter www.botanika.lu

Françoise Stoll

Journalistin / Gastronomie

Ressorts: Lifestyle, Multimedia

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Author: Philippe Reuter

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