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Raus aus dem Schmerz

Erschütternde Erlebnisse hinterlassen tiefe Spuren im Gehirn. Eine neue Methode der Traumatherapie EMDR kann traumatisierten Patienten schneller helfen. Die Diplompsychologin und Psychotherapeutin Lizzie Seven wendet diese Form der Therapie an. revue besucht sie in ihrer Praxis.

Fotos: Photographee.eu (Fotolia), Tania Feller (Editpress)

Alles gespeichert: Lizzie Seven notiert sich vor,
während und nach der Sitzung alle wichtigen
Informationen über den Patienten und dessen
Empfindungen und Reaktionen.

Was ist ein Trauma?
Jeder Mensch verfügt über eine natürliche Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten, mit dieser er belastende Erlebnisse überwinden kann. In der Regel dauert es eine gewisse Zeit, bis der Mensch die Erinnerungen verarbeitet hat. Er findet dann aber wieder zu seinem inneren Gleichgewicht zurück und kann aus diesem Prozess sogar gestärkt hervorgehen. Wenn das auslösende Geschehen jedoch zu überwältigend ist, erfährt die Person eine tiefgreifende psychische Verletzung. Die betroffene Person kann das erschütternde Erlebnis nicht verarbeiten und entwickelt daraufhin eine Traumafolgestörung. Die aufwühlenden Bilder, Geräusche, Gerüche, Emotionen und das körperliche Erleiden des Ereignisses hinterlassen tiefe Spuren im Gehirn. Diese eingefrorenen Erinnerungen belasten den Menschen besonders dann, wenn sie plötzlich wieder auftauchen. Das kann nach dem traumatischen Geschehen sein, aber auch erst Jahre oder Jahrzehnte später. Die Person erinnert sich dann an das Erlebte einhergehend mit starken emotionalen und körperlichen Begleitsymptomen wie Panikattacken, Stresszuständen, Wiedererleben der Erfahrungen und körperliche Anspannung.

Was ist die Definition von der EMDR-Traumatherapie?
EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing. EMDR wurde Ende der 80er Jahre von der amerikanischen Psychologin Francine Shapiro erfunden. Diese Methode soll mittels bilateraler Augenstimulationen dem Patienten helfen, seine Emotionen zu desensibilisieren und in sein System neu zu integrieren. Damit ist EMDR eine relativ neue Methode in der Traumatherapie.

„Die Wirksamkeit von EMDR ist durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt.“ Lizzie Seven, Diplompsychologin und Psychotherapeutin

Wie funktioniert EMDR?
Der Patient und Therapeut erstellen einen Behandlungsplan, indem das traumatische Erlebnis mit einer Einschätzung der Intensivität der Emotionen und den ausschlaggebenden negativen Kognitionen sowie eine körperliche Aktivierung festgehalten wird. Diese Grundlage dient als Einstieg in die Sitzung. Der Therapeut sitzt einem gegenüber und bewegt entweder seinen Finger vor den Augen des Patienten schnell und rhythmisch hin und her, wobei man diesem Finger folgen soll, oder er tippt einem abwechselnd auf die Beine. Diese bilateralen Stimulationen dauern ungefähr eine halbe bis eine Minute. Anschließend wird der Patient nach seinen spontan auftretenden Assoziationen und körperlichem Befinden befragt. Als Evaluierungsmaßstab dient die anfangs eingeschätzte Intensität der Emotionen, das bedeutet, dass die Arbeit beendet ist, wenn der Patient seinem traumatischen Ereignis neutral gegenüber steht. EMDR sollte nur im Rahmen einer umfassenderen Traumatherapie durch einen entsprechend geschulten Psychiater oder Psychologen durchgeführt werden.

Immer wieder: Lizzie Seven tippt mit ihren Fingern abwechseld für eine kurze Zeit auf die Beine des Patienten.

Was bewirkt diese Methode?
EMDR regt die beiden Gehirnhälften an und beschleunigt dadurch die ganz normale natürliche Trauma-Verarbeitung. Es findet eine Synchronisierung beider Gehirnhälften statt. Forscher gehen davon aus, dass im Traum Erinnerungen sortiert und im Langzeitgedächtnis gespeichert werden. Die schnellen Augenbewegungen während der EMDR Therapie sollen die Augenbewegungen simulieren, die wir machen, wenn wir träumen während des REM (Rapid Eye Movements)-Schlafs. EMDR soll so Gedächtnisprozesse anregen und eine schnellere Heilung ermöglichen. Die EMDR-Therapie aktiviert die körpereigenen Verarbeitungsmechanismen und stößt somit eine Selbstheilung an. Schritt für Schritt werden die belastenden Symptome des Traumas aufgelöst und der Patient lernt mit den alten traumatischen Erinnerungen und Gedanken in einer neuen Weise umzugehen. Die Wirksamkeit von EMDR ist durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt. Die Forschungsergebnisse zeigen: Nach der Behandlung einer einfachen posttraumatischen Belastungsstörung mit EMDR fühlen sich 80 Prozent der Patientinnen und Patienten deutlich entlastet – und das bereits nach wenigen Sitzungen. Bei einem komplexen Trauma – ein Trauma welches sich auf schwerer, anhaltender Traumatisierungen bezieht – dauert die Behandlung länger, hier kann die komplette Heilung bis zu einigen Jahren dauern. Doch eine Besserung der Symptome tritt auch bei diesen Fällen nach einigen Sitzungen ein.

Volle Konzentration: Die Therapeutin kann
die abwechselnde Bewegung auch vor
den Augen des Patienten durchführen,
während dieser ihren Fingern folgt.

Aus der Sicht einer Patientin

„Ich besuchte über zehn Jahre mehrere Therapeuten und Psychiater, fand heraus, dass ich wohl mehrmals traumatisiert wurde, Traumas die mich immer wieder in eine Depression zogen. Ich litt unter Angstzuständen und Schlafstörungen. Während zehn Jahren nahm ich Antidepressiva, um überhaupt mit meinen Symptomen leben zu können. Die EMDR-Sitzungen zeigten mir sehr schnell, dass die erste Traumatisierung schon im Bauch meiner Mutter stattfand. Die Gefühle, Gerüche, Gedanken, Bilder und auch die körperlichen Empfindungen kommen während der EMDR hoch, manchmal so heftig, dass man glaubt, man würde es nicht überleben. Der Therapeut wiegt einen jedoch immer wieder in Sicherheit. Ich bin während Monaten durch die Hölle gegangen, doch es hat sich gelohnt. Ich nehme keine Medikamente mehr und leide nur noch sehr selten an Angstzuständen und kann auch besser mit Rückschlägen umgehen. EMDR hat mein ganzen Leben positiv verändert.“

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Wo und wie wird EMDR in Luxemburg angewandt?
Es ist wichtig einen Therapeuten aufzusuchen, der in EMDR ausgebildet ist und man sollte darauf achtgeben, dass er Diplompsychologe oder Psychiater ist und eine dreijährige Psychotherapieausbildung vorher absolviert hat. Es gibt mittlerweile auch in Luxemburg Institute wie das „Résilience Institut“ in Oberpallen, das eine Ausbildung und Zertifizierung nach dem Institut von Francine Shapiro anbietet. Danach hat man die Möglichkeit ein Zertifikat nach den Kriterien von EMDR Europa zu erhalten. Ich selbst habe eine Zertifizierung nach dem Institut von Francine Shapiro und zusätzliche Vertiefungen mit Hélène Delucci absolviert, welche es mir gestattet erfolgreicher mit komplexen Traumatisierungen zu arbeiten.

„Die betroffene Person kann das erschütternde Erlebnis nicht verarbeiten und entwickelt daraufhin eine Traumafolgestörung.“ Lizzie Seven, Diplompsychologin und Psychotherapeutin

An wen richtet sich EMDR?
EMDR richtet sich an Personen, die einerseits eine punktuelle Traumatisierung erlitten haben, zum Beispiel nach einem Autounfall, Einbruch, Brand, schmerzvolle Trennung oder Verlust eines geliebten Menschen. Diese einfache Traumatisierung ist normalerweise bei einer sonst emotional stabilen Person in ein paar Sitzungen verarbeitet. Das merkt man daran, dass die körperlichen Symptome und das emotionale Leiden verschwinden. Ein typisches Symptom sind Flashbacks, persistierende Bilder des Geschehens. Bei komplexen Traumatisierungen wie wiederholter Missbrauch oder körperlicher und/oder psychischer Gewalt, unsicheren und desorganisierten Bindungsmustern reichen ein paar Sitzungen nicht aus. Hier ist ebenfalls ganz besonders auf die Stabilisierung des Patienten zu achten. Der Patient muss sich im therapeutischen Setting sicher fühlen und eine gute Beziehung zum Therapeuten aufgebaut haben. Die von Hélène Delucci definierte „boîte à vitesse“ hat sich bei komplexen Traumatisierungen besonders bewährt und kann gute Resultate aufzeigen, auch schon nach wenigen Sitzungen. In ihrem Modell arbeitet man zu Beginn mit konkreten aktuellen Ängsten, zwischenmenschlichen Konflikten, anschließend mit pränatalen und Geburtsprägungen und zum Schluss verarbeitet man das eigentliche Kindheitstrauma.

Weitere Informationen unter www.mamerhaff.lu

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Author: Martine Decker

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