Erschütternde Erlebnisse hinterlassen tiefe Spuren im Gehirn. Eine neue Methode der Traumatherapie EMDR kann traumatisierten Patienten schneller helfen. Die Diplompsychologin und Psychotherapeutin Lizzie Seven wendet diese Form der Therapie an. revue besucht sie in ihrer Praxis.
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Alles gespeichert: Lizzie Seven notiert sich vor,
während und nach der Sitzung alle wichtigen
Informationen über den Patienten und dessen
Empfindungen und Reaktionen.
Was ist ein Trauma?
Jeder Mensch verfügt über eine natürliche Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten, mit dieser er belastende Erlebnisse überwinden kann. In der Regel dauert es eine gewisse Zeit, bis der Mensch die Erinnerungen verarbeitet hat. Er findet dann aber wieder zu seinem inneren Gleichgewicht zurück und kann aus diesem Prozess sogar gestärkt hervorgehen. Wenn das auslösende Geschehen jedoch zu überwältigend ist, erfährt die Person eine tiefgreifende psychische Verletzung. Die betroffene Person kann das erschütternde Erlebnis nicht verarbeiten und entwickelt daraufhin eine Traumafolgestörung. Die aufwühlenden Bilder, Geräusche, Gerüche, Emotionen und das körperliche Erleiden des Ereignisses hinterlassen tiefe Spuren im Gehirn. Diese eingefrorenen Erinnerungen belasten den Menschen besonders dann, wenn sie plötzlich wieder auftauchen. Das kann nach dem traumatischen Geschehen sein, aber auch erst Jahre oder Jahrzehnte später. Die Person erinnert sich dann an das Erlebte einhergehend mit starken emotionalen und körperlichen Begleitsymptomen wie Panikattacken, Stresszuständen, Wiedererleben der Erfahrungen und körperliche Anspannung.
Was ist die Definition von der EMDR-Traumatherapie?
EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing. EMDR wurde Ende der 80er Jahre von der amerikanischen Psychologin Francine Shapiro erfunden. Diese Methode soll mittels bilateraler Augenstimulationen dem Patienten helfen, seine Emotionen zu desensibilisieren und in sein System neu zu integrieren. Damit ist EMDR eine relativ neue Methode in der Traumatherapie.
„Die Wirksamkeit von EMDR ist durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt.“ Lizzie Seven, Diplompsychologin und Psychotherapeutin
Wie funktioniert EMDR?
Der Patient und Therapeut erstellen einen Behandlungsplan, indem das traumatische Erlebnis mit einer Einschätzung der Intensivität der Emotionen und den ausschlaggebenden negativen Kognitionen sowie eine körperliche Aktivierung festgehalten wird. Diese Grundlage dient als Einstieg in die Sitzung. Der Therapeut sitzt einem gegenüber und bewegt entweder seinen Finger vor den Augen des Patienten schnell und rhythmisch hin und her, wobei man diesem Finger folgen soll, oder er tippt einem abwechselnd auf die Beine. Diese bilateralen Stimulationen dauern ungefähr eine halbe bis eine Minute. Anschließend wird der Patient nach seinen spontan auftretenden Assoziationen und körperlichem Befinden befragt. Als Evaluierungsmaßstab dient die anfangs eingeschätzte Intensität der Emotionen, das bedeutet, dass die Arbeit beendet ist, wenn der Patient seinem traumatischen Ereignis neutral gegenüber steht. EMDR sollte nur im Rahmen einer umfassenderen Traumatherapie durch einen entsprechend geschulten Psychiater oder Psychologen durchgeführt werden.

Immer wieder: Lizzie Seven tippt mit ihren Fingern abwechseld für eine kurze Zeit auf die Beine des Patienten.
Was bewirkt diese Methode?
EMDR regt die beiden Gehirnhälften an und beschleunigt dadurch die ganz normale natürliche Trauma-Verarbeitung. Es findet eine Synchronisierung beider Gehirnhälften statt. Forscher gehen davon aus, dass im Traum Erinnerungen sortiert und im Langzeitgedächtnis gespeichert werden. Die schnellen Augenbewegungen während der EMDR Therapie sollen die Augenbewegungen simulieren, die wir machen, wenn wir träumen während des REM (Rapid Eye Movements)-Schlafs. EMDR soll so Gedächtnisprozesse anregen und eine schnellere Heilung ermöglichen. Die EMDR-Therapie aktiviert die körpereigenen Verarbeitungsmechanismen und stößt somit eine Selbstheilung an. Schritt für Schritt werden die belastenden Symptome des Traumas aufgelöst und der Patient lernt mit den alten traumatischen Erinnerungen und Gedanken in einer neuen Weise umzugehen. Die Wirksamkeit von EMDR ist durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt. Die Forschungsergebnisse zeigen: Nach der Behandlung einer einfachen posttraumatischen Belastungsstörung mit EMDR fühlen sich 80 Prozent der Patientinnen und Patienten deutlich entlastet – und das bereits nach wenigen Sitzungen. Bei einem komplexen Trauma – ein Trauma welches sich auf schwerer, anhaltender Traumatisierungen bezieht – dauert die Behandlung länger, hier kann die komplette Heilung bis zu einigen Jahren dauern. Doch eine Besserung der Symptome tritt auch bei diesen Fällen nach einigen Sitzungen ein.

Volle Konzentration: Die Therapeutin kann
die abwechselnde Bewegung auch vor
den Augen des Patienten durchführen,
während dieser ihren Fingern folgt.






