Home » Home » Raus aus der finanziellen Schieflage

Raus aus der finanziellen Schieflage

Vor zehn Jahren öffnete der erste Sozialladen in Luxemburg. Heute bieten acht karitative Lebensmittelgeschäfte der „Croix-Rouge luxembourgeoise“ jährlich mehr als 2.000 Familien ihre Hilfe an. Ein Kampf gegen die Armut, aber nicht nur.

Fotos: Philippe Reuter

„Wenn ich meine Miete gezahlt habe, bleibt mir nichts übrig“, verrät José. „Ein widriges Leben! Das ist sehr schwierig, glauben Sie mir.“ Es herrscht plötzlich eine erdrückende Stille. Erst nach einigen, langsam verstreichenden Sekunden fährt er fort. „Vor drei Jahren war ich noch Unternehmer, hatte ein Haus, eine Familie. Ich hatte alles!“ Der 53-Jährige schweigt. Man kann die emotionale Belastung im Raum regelrecht spüren, bis zu dem Augenblick, in dem ganz langsam eine Träne die Wange runterrollt. 2015 wurde José Opfer eines Arbeitsunfalls. „Seitdem kann ich nicht mehr arbeiten“, erzählt er. „Zuerst habe ich meine Ersparnisse aufgebraucht, dann musste ich mein Unternehmen schließen und schlussendlich hat mich meine Frau verlassen.“

„Der Gang zum Sozialladen ist in unserer Gesellschaft ein Tabu.“ 
Thérésa Miranda, Verantwortliche des „Buttek Differdange“ der Croix-Rouge luxembourgeoise.

Allein letztes Jahr lebten hierzulande, wie José, 65.000 Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Tendenz steigend. Prekäre Lebenssituationen in einem als „reich“ bekannten und bezeichneten Land? Beunruhigend und Tabu zugleich. Noch zu oft schauen viele weg, wenn es darum geht, zu erkennen, dass auch hierzulande Menschen wegen einem Mangel an Geld in Notsituationen geraten. Auf dem manchmal langen Weg aus der Not, gibt es seit zehn Jahren Hilfsangebote, um den Bedürftigen wenigstens die Grundnahrungsmittel zu garantieren.

„Der Gang zum Sozialladen ist in unserer Gesellschaft ein Tabu“, weiß Thérésa Miranda, Verantwortliche des „Buttek Differdange“ der „Croix-Rouge luxembourgeoise“. „Es bleibt der allerletzte Ausweg. Die Leute, die zu uns kommen, haben einen Punkt erreicht, an dem sie sich den Kauf von Lebensmitteln nicht mehr leisten können. Das sollte man sich mal durch den Kopf gehen lassen.“

Nur Personen, deren Bedarf von den Sozialämtern und anerkannten Sozialdiensten ermittelt wurden, bekommen Zugang zu einem der acht Lebensmittelgeschäften der „Croix-Rouge luxembourgeoise“ (Die Caritas ist ebenfalls Träger von vier Sozialläden hierzulande).

„Als ich die Zugangskarte zum Sozialladen erhielt“, erinnert sich Maria*, „habe ich eine Woche gebraucht, um den Mut aufzubringen, hierher zu kommen. Es ist schwer, jemandem zu sagen, dass du deine Lebensmittel aus dem Sozialladen hast. Ich schäme mich dafür und ich habe Angst, von der Gesellschaft dafür verurteilt zu werden.“

Im „Buttek“ versorgen Thérésa und ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter die Besucher mit Nahrungs- und Haushaltsmitteln für einen finanziellen Beitrag von rund einem Drittel des gewöhnlichen Marktpreises. Durch diese Solidaritätsinitiative haben Benachteiligte nicht nur Zugang zu frischen und hochwertigen Produkten, sondern dieses System ermöglicht auch eine Steigerung ihrer Kaufkraft. „Es ermöglicht ihnen, ihre Würde zu bewahren und das ist sehr wichtig“, betont Thérésa Miranda von der Croix-Rouge luxembourgeoise.

Die Waren werden zu einem sehr günstigen Preis, dank dem Versorgungsunternehmen „Spënchen asbl“, mit verschiedenen Anbietern ausgehandelt. Doch der Sozialladen legt auch großen Wert auf die Stärkung der Solidarität und den sozialen Zusammenhalt.

„Es ermöglicht ihnen, ihre Würde zu bewahren und das ist sehr wichtig.“ 
Thérésa Miranda, Verantwortliche des „Buttek Differdange“ der Croix-Rouge luxembourgeoise.

„Bei uns können die Besucher Probleme äußern, die sie sich manchmal nicht wagen, einem Sozialarbeiter zu erzählen“, erklärt Thérésa. „Wir versuchen ihnen dementsprechend zu helfen, sie in die richtige Richtung zu lenken, auch wenn nicht alle Fälle immer einfach zu handhaben sind.“ Der Sozialladen ist ein bevorzugter Ort für informellen Austausch und neue Begegnungen. Eine tägliche Unterstützung, die die Betroffen auf dem oft nicht leichten Weg aus der finanziellen Schieflage begleitet. „Es macht mir Mut, wenn ich mit Thérésa rede“, verrät Maria. „Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich meine finanzielle Situation verbessern wird.“

Wenn auch Sie Schwierigkeiten haben, finanziell über die Runden zu kommen, dann wenden Sie sich an das Sozialamt ihrer Gemeinde, um Auskunft zu bekommen. Nach einer genauen Analyse des Familienbudgets wird bestimmt, ob sie das Recht auf einen Zugangskarte für Sozialläden haben.

*Name von der Redaktion geändert

Mehr Informationen: www.buttek.lu

Spendenmonat

Noch bis zum 30. April sind über 2.000 ehrenamtliche Spendensammler im ganzen Land unterwegs, um Spenden zu sammeln und die Bevölkerung über die Programme des Roten Kreuzes zu informieren.
„Wir haben etwa 40 Abteilungen, die in den Bereichen Gesundheit, Soziales oder noch humanitäre Hilfe tätig sind. Jede braucht Spenden, wenn auch nicht im gleichen Maße“, erklärt Vincent Ruck, Kommunikationsmanager bei der „Croix-Rouge luxembourgeoise“. „So könnte, beispielsweise, das soziale Lebensmittelgeschäft ohne Spenden nicht funktionieren.“
Letztes Jahr wurden mehr als 900.000 Euro während dem Spendenmonat eingesammelt. Ein sehr positives Ergebnis.
„Die Luxemburger sind jedes Jahr sehr großzügig“, betont Vincent Ruck.
Mit 50 Euro ermöglicht man zum Beispiel einer vierköpfigen Familie, Vorräte für eine Woche im Sozialladen zu besorgen. Jede Spende hilft, egal um welchen Betrag es sich handelt.
„Viele Leute haben leider immer weniger oder gar kein Bargeld bei sich, wenn unsere Spendensammler, um ihre finanzielle Mithilfe bitten“, verrät der Kommunikationsmanager. „Deshalb ist es dieses Jahr
auch möglich, eine Spende via ‚Digicash‘ zu machen. Zusätzlich stiftet ‚Digicash‘ dem Roten Kreuz für jede Spende fünf Euro.“
Wer sich im Rahmen des Spendenmonats ebenfalls ehrenamtlich betätigen möchte, kann sich gerne beim Roten Kreuz melden, um weitere Auskünfte zu erhalten.

Mehr Informationen gibt es unter www.croix-rouge.lu

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Martine Decker

Login

Lost your password?