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Reine Kopfsache

Seit ein paar Jahren gibt es den Downhill und Mountainbike Verein in Reckingen/Mess, der seine eigene kleine, aber feine Piste betreibt. revue traf sich mit ein paar der Downhill-Aficionados.

Wer Adrenalin im Sport sagt, sagt in der Regel auch Red Bull. Bei fast allen Sportarten, die spektakulär, schnell und vor allem marketingtechnisch mit entsprechend spektakulären Bildern auszuschlachten sind, hat der österreichische Zuckergesöff-Produzent als potenter Sponsor seine Finger im Spiel. Beim Mountainbiken ist das nicht anders, und so wundert es kaum, dass der Energydrink-Hersteller über seinen hauseigenen Fernsehkanal die World Cup Downhill-Rennen überträgt. Red Bull-gesponserte Fahrer inklusive. Hierzulande ist Mountainbike beim breiten Publikum zwar äußerst beliebt, wird von der FSCL aber eher stiefmütterlich behandelt. Beim Downhill sieht es da nicht anders aus. Zudem gibt es sehr wenige Möglichkeiten diesen Sport überhaupt ansatzweise auszuüben. Reckingen ist eine der wenigen Ausnahmen und sogar eine legale obendrauf.

„Ich würde das, was wir hier haben ungern als Downhillstrecke betiteln“, stellt Ken Molitor vom „Downhill und Mountainbike Verein in Reckingen/Mess“ von vorneherein klar. „Ich würde es vielmehr als Übungstrail bezeichnen.“ In dem kleinen Waldstück und der angrenzenden Wiese in der Nähe der „route des trois Cantons“ reihen sich Sprünge an Kurven, und es ist ein ideales Terrain, um sich an die Sportart des Downhill-Mountainbiken heranzutasten und die richtigen Techniken zu üben.

„Zusammen mit meinem Bruder haben wir mit kleinen Sprungschanzen in einem Waldstück angefangen, und wir haben Spaß daran gefunden. Das hat sich dann progressiv entwickelt, bis wir illegal eine ganze Piste gebaut hatten und immer mehr Freunde dazu kamen“, erklärt der 21-jährige Molitor. „Irgendwann hat sich dann die Frage gestellt, ob wir das Ganze nicht auf die legale Schiene bringen und einen Club daraus entstehen lassen sollten.“ Gesagt, getan könnte man behaupten. Denn 2013 wurde der Club gegründet und alles in Gang gesetzt, legal eine Piste zu eröffnen. Die Mitglieder (aktuell rund 40, von denen rund zehn die Strecke sehr aktiv nutzen) wissen selbst, dass ohne die Unterstützung der Gemeinde es diese Chance nie gegeben hätte, weshalb sie überaus dankbar sind. Im Gegenzug engagieren die jungen Clubmitglieder sich auch aktiv im Gemeinde- und Vereinsleben. Ein Geben und Nehmen eben. „Die Gemeinde will zum Beispiel, dass wir hier aktiv eine Kinderpiste anlegen“, erklärt Molitor, „was wir auch momentan bewerkstelligen.“ Außerdem werden jetzt schon Übungseinheiten für Kinder zweimal die Woche angeboten.

Man muss sich einfach nur trauen und sich selbst sagen, dass dieser oder jener Sprung machbar ist. Ken Molitor

„Zwei Jahre haben wir gebraucht, um die Pisten zu gestalten. Auch wenn immer wieder Umbauarbeiten anstehen und es irgendwie nie wirklich fertig ist“, erklärt Gary Grasser, der als Vorstandsmitglied zwar tatkräftig mitarbeitet, den Weg auf das Downhillbike aber irgendwie scheut. „Dabei braucht man eigentlich gar keine Angst zu haben. Schließlich ist man immer selbst Herr der eigenen Lage und Chef über sich selbst. Man hat nicht, wie in anderen Sportarten üblich, einen Trainer im Rücken, der versucht, einen immer weiter zu pushen“, weiß Molitor. Dies würde enorme Freiheiten mit sich bringen, nicht nur, dass man selbst entscheiden kann, wie und wann man auf das Bike steigen will, sondern auch weil man immer selbst für sich einschätzen muss, was man sich zutraut. Wie schnell man sich die nötigen Techniken und das entsprechende Bikehandling aneignet, sei von Person zu Person unterschiedlich. „Am Ende ist es bei den meisten einfach nur Kopfsache. Man muss sich nur trauen und sich selbst sagen, dass dieser oder jener Sprung machbar ist. Das erleichtert vieles“, weiß Ken Molitor.

Ben Schwaller erklärt die Faszination – Leidenschaft, wie er es nennt – folgendermaßen: „Der Kick bei dem Ganzen ist, dass du dir ständig neue Ziele steckst. Du siehst einen Sprung und willst ihn dann auch selbst schaffen, gelingt dies, verspürt man dank des Erfolgserlebnisses eine enorm große Befriedigung. Den Adrenalinkick in der Luft oder bei schnellen technischen Passagen will ich nicht missen, und es macht jede Menge Spaß.“

Als die Clubmitglieder angefangen haben die Piste anzulegen, waren sie noch ziemlich unerfahren, was das Bauen von Schanzen und Sprüngen angeht. Mittlerweile geben sie aber an, dass sie die nötige Erfahrung haben, um direkt zu merken, ob eine Schanze gelungen ist – sprich: vor allem gut und ohne allzu großes Risiko fahrbar ist. Da die Strecke in Reckingen natürlich nicht mit den großen Bikeparks in den Skigebieten vergleichbar ist – wo das Downhill mittlerweile als lukrative Möglichkeit entdeckt wurde, auch in den Sommermonaten den Rubel rollen zu lassen –, stehen natürlich regelmäßig Wochenendtrips auf dem Programm. Zum Beispiel in die Vogesen, wo man unter anderem in La Bresse oder am Lac Blanc sich nach Herzenslust austoben kann. Im Sommer steht dann auch schon mal das französische Chatel auf dem Programm. Das Gebiet in der Nähe zur Schweiz ist eine Art Mekka der europäischen Downhill-Szene.

„Im Ausland sind die Pisten schon ein gutes Stück schwieriger, und wenn dir da der nötige Mut fehlt, dann kommst du nicht weiter. Es bedarf eben einigen Mutes, um sich weiter zu entwickeln“, sagt Ryan Cardosom, der sich seit 2014 dem Downhill fahren widmet. „Wenn ich auf dem Fahrrad sitze, genieße ich einfach nur den Moment. Aber du brauchst schon ein bisschen Courage…“ Den Adrenalinkick gibt es dann als gratis Belohnung obendrauf.

Fotos: Georges Noesen

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Philippe Reuter

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