Reisen
Die Stadt der Orangen
18.01.2012, 12:28 –
Das südspanische Valencia bietet Urlaubern eine gute Mischung an Angeboten, um aktiv zu sein oder einfach nur Siesta zu halten.
Für Spaniens drittgrößte Stadt sind Finanzkrise und Eurotrubel ein Glück. So bleibt sie von vier riesigen Türmen verschont, die in den Himmel über Valencia ragen sollten, das höchste Wolkenkratzerrudel Südeuropas. Der große Sohn der Stadt, Architekt Santiago Calatrava, weltweit bekannt für seine spektakulären Bauten, hat wellenartige Türme entworfen, aber die mindestens 450 Millionen Euro Baukosten sind derzeit nicht drin. Mit mediterraner Gelassenheit und einem natürlichen Selbstbewusstsein begegnen die Valencianos ihren Besuchern. Die Stadt ist nie überfüllt, man muss nicht Schlange stehen und die meisten Sehenswürdigkeiten sind zu Fuß zu erreichen. Im Stadtkern innerhalb der ersten Ringstraße und der Jardines del Turia prunkt die Altstadt mit prächtiger Fassadenparade, dem Mercado Central, der Kathedrale mit dem Glockenturm El Miguelete und dem beliebten Plaza Redonda. Dazu der ebenso populäre brunnengeschmückte Plaza de la Virgen mit seinen vielen Freiluftlokalen und die Altstadtbezirke Barrio del Carmen und Ciutat. Valencia ist eine sehr spanische Stadt, Frauen tragen Schuhe mit meist erschreckend hohen Absätzen, Männer kleine Schnauzer. Die Stadt ist kinderfreundlich, und es gibt keine Backpacker, die leer getrunkene Bierflaschen auf dem Asphalt zersplittern. Die Stadtviertel sind im Schachbrettmuster angelegt, charmante Cafés und Restaurants verzeichnen erstaunlich günstige Preise selbst in Spitzenlagen und die Bewohner sind friedliche Leute, solange man nicht Real Madrid oder den FC Barcelona erwähnt. Denn der FC Valencia ist der ewige Dritte, er hat es bisher nur ein Mal in die Champions League gebracht, und das neue Mestalla-Stadion ist immer noch nicht fertig. Caramba!
Auch der Stadionentwurf stammt von Calatrava. Er als Platzhirsch und einige andere haben Valencia modern geschmückt. Calatrava hat ein futuristisches Opernhaus gebaut, das, von Wasserflächen und Uferpalmen eingefasst, an die Arche Noah erinnert, und nachts illuminiert ist, so dass das 70 Meter hohe Dachelement zu schweben scheint. Er hat auch die ein wenig außerirdisch wirkende „Stadt der Künste und Wissenschaften“, ein riesiges Vorzeigeprojekt, das von Schulklassen und Neugierigen aus ganz Spanien besucht wird, entworfen. Im Zuge des Ausbaus der Ciudad de las Artes y las Ciencias kam es zu Stadterneuerungsimpulsen. So wurde eine Metro gebaut, die sich recht gemütlich fährt, wurden alte Stadtpaläste renoviert und historische Bauten zugänglich gemacht. Der Hafen erhielt im letzten Jahrzehnt für eine halbe Milliarde Euro eine Grunderneuerung samt Ausbau, weshalb Valencia zur populären Kreuzfahrtdestination avancierte. Kein Wunder, wenn mittendrin überall die Orangenbäume mehrmals im Jahr blühen. Valencianische Orangen sind übrigens der beste Exportartikel der Stadt, in vielen europäischen Supermärkten liegen sie aus.
Valencianische Orangen sind der beliebteste und beste Exportartikel der Stadt.
Nur diese bekannte Unbekannte konnte zu einer Stadt werden, in der man – ganz ungewöhnlich für Spanien – fast überall Rad fährt. Spanier sind zwar ganz gut als Radprofis, aber in ihren engen und kompakt bebauten Städten zu radeln, gilt als selbstmordgefährdend. Autofahrer, jeder am Gaspedal stolz wie ein Spanier, nehmen so gut wie nie Rücksicht auf Radfahrer. In Valencia ist das Problem aber optimal gelöst worden: Der innerstädtische Fluss Turia wurde vor einigen Jahren, als er nur noch ein Rinnsal war, trockengelegt. Er führt direkt an der Südseite der Altstadt entlang und ist im einstigen Flussbett eine einzige kilometerlange Grünzone, wie es sie in keiner zweiten spanischen Stadt gibt. Dort sind die Valencianos mit dem Rad unterwegs, und inzwischen auch die Touristen. Denn man kann sich günstig ein Rad leihen, auch in den Altstadtgassen gibt es ein gutes Durchkommen und am Rand einiger Ausfallstraßen in die Vororte gibt es sogar Fahrradspuren.
Santiago Calatrava hat auch am einstigen Fluss Hand angelegt, nach seinem Entwurf entstand das Museo de la Ciencias Principe Felipe als interaktives Museum, und zusammen mit dem benachbarten Oceanográfico ein Publikumsmagnet. 30.000 Quadratmeter Fläche für Wissenshungrige, auf Schildern steht „Es ist verboten, nicht anzufassen, nicht zu fühlen, nicht zu denken“ und unter der Decke schwingt das Foucault’sche Pendel mit seinen 130 Kilo Gewicht am Stahlseil, während die südliche Sonne durch 4.000 Fensterscheiben strömt. Im Oceanográfico gibt es Europas größten Unterwasserzoo, eine vier Kilometer lange Pipeline führt vom Mittelmeer frisches Meerwasser in die Becken, 42 Millionen Liter für 45.000 Meerestiere aus sämtlichen Ozeanen. Wo sonst noch kann man mit dem Fahrrad zu solchen Attraktionen strampeln?
Die Stadt der Künste und Wissenschaften, Valencias neues Wahrzeichen und in Spanien jedem Kind geläufig, ist ein weitläufiger Gebäude- und Freizeitkomplex, an dem zehn Jahre gearbeitet wurde. Insgesamt umfasst er 350.000 Quadratmeter. Für Calatrava ist die einmalige „Werkschau“ in seiner Heimatstadt endgültig zur besten Visitenkarte in derWelt geworden. Der Superstar neuen Bauens hat in New York, Buenos Aires, Zürich und Skandinavien gebaut und dorthin auch die „Trencadis“-Technik gebracht, eine Hommage an die traditionelle Bauweise in Valencia. Der Museumsbau Principe Felipe erinnert an das Skelett eines Urtiers, die Becken mit ihren Keramikscherbenmosaiken – typisch für Südspanien – lassen die Fassaden der Gebäude besonders hell leuchten, kalkweiß glühend. Die geschwungenen Brückenträger der Puente de Azud de Oro schrauben sich über atemberaubende 125 Meter in den Himmel. 29 seitlich angebrachte Stahltrosse und vier Stahlseile, die von der Spitze der Brücke – die küstenabwärts noch in 40 Kilometer Entfernung zu sehen ist – herunterhängen, halten ein Gewicht von 5.500 Tonnen. Die raffinierte Konstruktion erscheint manchen als Harfe, anderen als Segel. Die Einheimischen sehen darin einen „jamonero“, den geschwungenen Halter für ganze getrocknete Schinken, aus denen feine Scheiben herausgeschnitten werden. Valencianos haben ihre eigene Sicht auf die Dinge.
Essen ist, wie überall in der romanischen Welt, wichtig. In Valencia wurde die Paella erfunden, man mixte Gemüse und Hülsenfrüchte von Feldern ringsumher mit fangfrischem Fisch und Meeresfrüchten. Ob bei diesem Gericht oder Putenschnitzel, Kaninchenfleisch, Calamares oder Gemüse – Olivenöl muss immer üppig dabei sein. Valencianos essen eigentlich immer, nach dem Frühstück gehört der „almuerzo“, der Zwischenhappen am Vormittag, dazu. Tapas gibt es überall rund um die Uhr in Lokalen. Spitzenköche wie der deutsche Betreiber des Gastro-Tempels „Riff“, Bernd Knöller aus dem Schwarzwald, haben es nicht leicht. Doch sein Thunfisch-Tatar, die schwarzen Trüffel auf Artischocken, die Steaks, das Lamm oder die Fischgerichte sind unglaubliche Leckereien. Den Gastro-Visionär führte die Liebe zu einer Valencianerin in die Stadt, seit 20 Jahren ist er da und registriert, dass die Leute langsam Gefallen finden an seinen Kreationen. In seinem Sterne-Restaurant bietet er auch Kochkurse an.
Gut essen, das Menü um 40 Euro, kann man auch in der Nähe des neuen Hafens, am Strandabschnitt Playa Las Arenas. Im 1898 gegründeten „La Pepica“ hat schon Hemingway eine Paella geschmaust, wie später der Fußballer Pelé, die Schauspielerin Lauren Bacall oder das spanische Königspaar. Der Stadtstrand von Valencia bietet feinen Sand und beste Wasserqualität, und das an 300 Sonnentagen pro Jahr. Zum Malvarosa-Strand (schlicht „Malva“ genannt), fährt man mit der Metro, Station Neptuno. Früher war es der Strand der Fischer, heute gibt es eine schicke Promenade, Rampen, Duschen und Toiletten, und ein Restaurant reiht sich ans andere. Sie sind unterschiedlich, aber Paella gibt es in jedem.
REISEINFOS
Anreise:
Mit Luxair nach Frankfurt, von dort weiter mit Air Berlin oder Lufthansa nach Valencia.
Valencia Card:
Sie kostet 18 Euro, man kann damit 48 Stunden alle Verkehrsmittel nutzen, erhält in Museen ermäßigten Eintritt und in Lokalen Rabatt. Günstig vor allem für die Stadt der Künste und Wissenschaften.
Unterkunft:
„Hospes Palau de la Mar“, DZ ab 135 Euro, www.hospes.com, 5-Sterne-Hotel in denkmalgeschütztem Palast. „Boutique Hotel Ingles“, DZ ab 85 Euro, www.hotelinglesboutique.com, ebenfalls in einem Palast.
Essen:
„Riff“, C/Conde Altea 18, Tel. 963/33 53 53, www.restaurant-riff.com, bestes Restaurant der Stadt. „La Pepica“, Paseo Neptuno 6-8, Tel. 963/71 03 66, www.lapepica.com, Gastro-Legende.
Auskunft:
Allgemeine Infos über www.spain.info, zur Stadt über www.turisvalencia.es. Der beste Info-Punkt am Plaza de la Reina 19.



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