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Von Konstantinopel nach Istanbul

In der mondänen Metropole am Bosporus vermählen sich Morgen- und Abendland. Aus altehrwürdiger Geschichte Istanbuls beginnt der Aufbruch zur modern-orientalischen Weltstadt.

 Kaum zu glauben, aber manche Besucher Istanbuls empfinden den Kapali Carsi, den Großen Basar mit seinen mehr als 4.000 Läden, als eine Art Wohnzimmer. Das hat mit dem starken Zuzug von Menschen zu tun. Sie kommen aus allen Teilen der Türkei und dazu reisen immer mehr Touristen an. Istanbul ist aber auf den ersten Blick nicht gerade übersichtlich, ein Gewirr von großen Straßen voller Verkehr und kleinen Gassen voller Leute, von Brücken und Inseln, Wasser und Felsen. Da erscheint der Basar, einer der größten überdachten Märkte der Welt, als vertrauter Raum. Denn wer zwei, drei Mal dort war, hat Geräusche, Gerüche und Bilder abgespeichert und kennt sich etwas aus bei Gewürzpyramiden, Laternen, Teppichen, Ledertaschen, Seidenschals und Schmuck. Das gibt Sicherheit.

Die türkische Schriftstellerin Elif Shafak, 40, hat das ebenso erlebt wie wir Zugereisten, die wir Fremde in der Stadt sind, aber umworben als Käufer im Großen Basar. „Dann betrat ich diese stillere Seitenstraße, in der antike Ringe, Silber und Handschriften verkauft wurden“, schreibt Shafak. „Hier traf ich auf eine ganz eigene Geruhsamkeit. Man findet Inseln der Ruhe inmitten des Lärms, Inseln der Vergangenheit, umgeben vom Hier und Jetzt.“ Die Autorin beobachtet gern Schmiede beim Bearbeiten eines Rings. Das tun sie mit in Jahrhunderten überlieferter „Achtsamkeit, Sorgfalt, Seelenruhe“, und das gibt Schmuckstücken Energie. Wenn Elif Shafak an einem neuen Buch arbeitet, legt sie die Ringe, die sie im Laufe der Jahre im Basar erworben hat, auf den Schreibtisch, berührt und liebkost sie. Das tut sie, seitdem ein Silberschmied ihr gesagt hat, man könne in einem Ring „einen geheimen Wunsch verstecken und ihn dort so lange aufbewahren, bis er in Erfüllung geht“. Man kann im Großen Basar einen Ring oder anderen Schmuck, buntsüße Bonbons oder Stoff, eine Lampe, Wasserpfeife oder hochwertige Goldschmiedearbeit kaufen. Aber man sollte auch ein bisschen feilschen können, das wird dort einfach erwartet. Wer darin etwas Übung hat, kann den Verkäufer um bis zu ein Drittel des Preises herunterhandeln. Das macht am Ende beide stolz: den Käufer, der nicht zu viel ausgegeben, und den Verkäufer, der sein Gesicht gewahrt und seinen Kunden froh gemacht hat.

Istanbul ist auf den ersten Blick ein Gewirr von großen Straßen voller Verkehr und kleinen Gassen voller Leute.

Istanbul war stets die Stadt der Osmanen, die einst mit harter Knute den Balkan beherrschten, das mitteleuropäische Ungarn dazu und sogar mit ihren Heeren vor Wien standen. Dazu gehören Hagia Sophia, Blaue Moschee, Topkapi-Palast, Sülemaniye-Moschee, Brunnen mit Kalligrafien, Steinplatten in Purpur, Türkis und Karminrot und andere byzantinische Schachtelbauten mit aufschießenden Säulen, Kuppeln und mitunter einem labyrinthischen Innern. Dazu gehören auch Müllsammler, Losverkäufer, Handwagen der Messerschleifer, Verkäufer der Köfte-Grillbuden, fliegende Obsthändler, Männer mit Kaftan und Vollbart, Frauen unterm Kopftuch und knöchellangem Rock, aber auch viele Studenten, die jungen Männer in Jeans und darüber getragenen Hemden, die jungen Frauen in auffälligen Miniröcken und Tops, die einen Blick auf ihre Hüften und Bäuche gewähren. Istanbul ist eine Stadt der Zeitsprünge und Stilbrüche. Kaum noch etwas ist hier wie es war, aber das Alte und Neue gehören zusammen. Wenn am Abend die monotone Melodie der Muezzine verstummt, Mohammed schweigt und die Minarette im Sonnenlicht glühen, schaltet die 13-Millionen-Metropole in ihren Zentren in einen anderen Modus um. Dann essen Menschen in schicken Restaurants gegrillten Fisch und würzige Fleischspeisen mit Curry, Safran und Koriander, zum Nachtisch Honigmelonen, die manchmal mit einem Räucherstäbchen serviert werden. Sie tanzen danach in Clubs zu Türk-Pop, und die Adern der Stadt am Goldenen Horn beginnen zu kochen. Das Nachtleben, sagen Istanbul-Experten, ist in den letzten Jahren explodiert, dort pulsiert das Leben, die Lust und die Leidenschaft, die im Alltag nicht überall ihren Platz hat. Einheimischer Beat bringt den Bosporus zum Beben. Türkisch Delight. Nicht verwunderlich eigentlich, denn hier flirten Europa und Asien, ist Markenkleidung genauso selbstverständlich wie Turbane, Kappen und Fes. Fleischaroma aus den Grillbuden mischt sich mit Benzingestank, auf überwucherten Steinresten byzantinischer Pracht hängen junge Männer in Casual-Wear-Pullovern ab, die einen Joint kreisen lassen. Manche Frauen zeigen sich mit aufregenden Dekolletés, die der Fantasie kaum noch Raum lassen, aber der Imam in seiner grünen Robe geht gemächlich an ihnen vorbei in seine Moschee. Dort predigt er in Dolby Surround.

Istanbul hat einen ganz eigenen Rhythmus, er kann Touristen in seinen Bann ziehen, aber es ist ein türkischer Rhythmus, der dem Westen – dem alten Feind – immer toleranter gegenübersteht. Die größte Stadt der Türkei ist eine offene, liberale Stadt geworden, deren Parole zunehmend lautet: Leben und leben lassen. Das ist neu im einstigen Konstantinopel. Es dominiert die „Sosyete“, wie Istanbuler die moderne Gesellschaft nennen. Sie sind stolz, denn die Türkei verzeichnet ein atemberaubendes Wirtschaftswachstum, jährlich mehr als sieben Prozent. Das 21. Jahrhundert ist angekommen, die Zukunft des Landes liegt in der EU oder an ihrem Rand. Auf jeden Fall gehört Istanbul als einzige wirkliche orientalische Weltstadt dazu.

Das Nachtleben ist in den letzten Jahren explodiert.

Zum Sonnenaufgang liegen das Marmarameer und die Wasser des Goldenen Horns da, wie aus Blei gegossen. Auf der Galata-Brücke, die vierzehnspurig das Goldene Horn überspannt, verstauen Angler ihren Fang in Eimern. Über 130 Kilometer erstreckt sich das Gebiet des eurasischen Grenzpostens und wuchert immer noch ins Umland. Das Bild der Stadt ist jung, vital, polyglott. 50 Prozent der Bewohner sind noch keine 25 Jahre alt. Das gefällt Tayyip Erdogan, dem Staatschef und Vorsitzenden der islamischen AKP, der Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung. Das Jungvolk akzeptiert ihn, will aber von nationalistischen Attitüden nichts wissen, außer beim Fußball. Die Menschen wollen Frieden, Wohlstand, Fremdenverkehr, Flaniermeilen und Kulissen des Nachtlebens. Bloß nicht wieder eine geschlossene Gesellschaft, nur keinen Osmanen-Dünkel, und in der Moschee sollen Frauen und Männer nebeneinander ihr Gebet sprechen, wie schon manchmal – wegen Überfüllung – in der Süleymaniye-Moschee üblich. Der in Hamburg lebende Filmemacher Fatih Akin, der türkische Wurzeln hat, war für Dreharbeiten mehrere Monate in der Stadt. „Istanbul brennt“, sagte er danach. In Beyoglu, dem Diplomaten- und Geschäftsviertel, ist die altehrwürdige Straße Istiklal Caddesi von Ladenfronten gesäumt, aus offenen Türen dröhnt Swinging Istanbul. Clubs haben sich in leeren Hallen der Industrie eingenistet, das urbane Publikum schlürft am frühen Nachmittag schon am Gin Tonic und DJs legen nachts Musik auf, die nicht mehr westliche Vorbilder sklavisch nachahmt, sondern elektronische Beats verquirlt mit Flöten- und Zirbelklängen, mit Zigeunermusik und sogar mit Muezzinrufen. Dass traditionelle Folksongs neuerdings mit elektronischer Musik unterfüttert werden, mit Beats aus der Maschine, ist schon nichts Besonderes mehr. Jeden Tag entstehen neue Projekte in Beyoglu, wo Istanbuls Partyszene sich im Fusionieren ausprobiert. In welcher Stadt sonst kann man eine Mischung aus spirituellem Islam und Techno hören? Die Kulturnomaden schrecken vor nichts zurück, bleiben aber locker dabei. Fundi-Ansichten werden in der Musik- und Kunstszene nicht akzeptiert, Istanbul ist nicht Anatolien.

Istanbuler sind stolz auf die reichhaltige türkische Küche.

Beim Essen dagegen ist eher Nostalgie angesagt. Istanbuler sind stolz auf die reichhaltige türkische Küche. Am Lammfleisch wird festgehalten, auch Rind ist beliebt. Für den schnellen Hunger nimmt der Einheimische keinen Döner, sondern „balik ehmek“, das leichte Fischbrötchen vom Grill. Populär sind auf einmal „hamsi“, Sardellen, die früher verachtet wurden, weil sie die kleinsten Speisefische sind. Aber eben auch die würzigsten, vor allem wenn sie gefüllt sind und auf „pilaw“, dem türkischen Risotto mit Zwiebeln, Pinienkernen, Petersilie und Minze, gereicht werden. Im Hafenviertel, früher ein berüchtigtes Rotlichtviertel, etablieren sich immer mehr Fischlokale. Die Meere sind nah, der Fisch kommt fangfrisch auf den Tisch. Die Starköche experimentieren zurzeit mit alten osmanischen Rezepten.

Zum Istanbul-Besuch gehört eine Schiffsfahrt auf dem Bosporus, ob auf der Fähre oder im Katamaran. Die frische Luft samt Schiffsgetöse gehört zu dieser Stadt. Die Tour führt vorbei an „Yalis“, Sommervillen an der Meerenge zwischen Europa und Kleinasien. Die Kastanienholzhäuser stammen meist aus dem 19. Jahrhundert, dem Ende des Osmanischen Reiches, das 1922 unterging. Heute sind die Villen Weltkulturerbe, viele stehen unter Denkmalschutz. Durch die Fenster sieht man, dass sie mit Gemälden, Plüschmobiliar und kostbarem Porzellan gefüllt sind, manche haben ein Hamam-Bad oder einen Garten. In der warmen Jahreszeit gibt es dort Konzerte, in einige kann man sich sogar einmieten. Sie verkörpern das alte Konstantinopel, doch groß, leicht und luftig mit verspielten Fassaden passen sie auch zum neuen Istanbul.

Info
- Anreise: Am günstigsten ab Luxemburg Airport nach Istanbul mit KLM oder Swiss (ab 198 Euro) oder Lufthansa (ab 279 Euro).
- Unterkunft: „Empress Zoe“, ab 120 Euro, www.emzoe.com „A’jia Hotel“, Yalistil, am Bosporusufer, ab 160 Euro, www.ajiahotel.com
- Restaurants: „Mikla“ www.miklarestaurant.com, „Ciya“ www.ciya.com.tr Spottbillig, aber von hoher Qualität. Man zeigt auf den Topf und lässt sich den Teller beladen.
- Auskunft: Türkische Botschaft 49, rue Siggy vu Lëtzebuerg, L-1933 Luxemburg, Tel. 44 32 81

Reisen

Von Konstantinopel nach Istanbul

Wolfgang Siesing

Außergewöhnlich: Die Sultan-Ahmed-Moschee, die so genannte „Blaue Moschee“, ist einige der wenigen Gotteshäuser die insgesamt sechs Minarette hat.

Wolfgang Siesing

Überdacht: Die rund 4.000 Geschäfte des Großen Markts sind werktags geöffnet.

Wolfgang Siesing

Ganz besonderes Flair: Das Kaffeehaus mit orientalischem Atmosphäre lädt zum Verweilen ein.

Wolfgang Siesing

Wechselhaft: Die Hagia Sophia war zuerst eine byzantinische Kirche, dann eine Moschee und beherbergt jetzt ein Museum.

Wolfgang Siesing

Abwechslungsreich: Bei einer Schiffsfahrt auf dem Bosporus entdeckt der Besucher eine ganz andere Seite Istanbuls.

Wolfgang Siesing

Sprachmix: Viele türkische Wörter stammen aus dem Französischen. Ein Friseur ist zum Beispiel ein „kuaför“.

Wolfgang Siesing

Farbenfroh: Die bunten osmanischen Holzhäuser sind zum Teil zum Weltkulturerbe erklärt.

Wolfgang Siesing

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