Reisen
Wandern und wundern
18.01.2012, 12:14 –
Auf La Palma, der westlichsten Kanareninsel, ist alles etwas anders als im Rest des Archipels. Nicht umsonst besitzt sie die Form eines Faustkeils.
Ein Urlauber, der schon öfters auf der Insel war, nahm sich vor, die Landmasse an einem Tag ganz abzuwandern. Nach Augenmaß, dachte unser Wanderer, ist La Palma ziemlich klein. Da wusste er noch nicht, dass er sich ziemlich wundern würde über das, was ihn auf seiner Tour erwarten würde. Zwar nennen die Einheimischen La Palma „La Isla Bonita“ (schöne Insel) oder „La Isla Verde“ (grüne Insel), aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die ausgeprägten Lorbeerwälder mit ihren Farnen haben schwüle dschungelartige Teile, der Äquator ist schließlich nahe. Die Wälder der Kanarenkiefern, die aus der Ferne so lieblich aussehen, werden innen ganz dicht und rücken dem Wanderer auf die Pelle. Vulkanlandschaften und Lavawüsten in den höheren Regionen sind von eigenwilliger Faszination, gleichen aber einer schwarz-grauen Mondlandschaft und es gibt dort manchmal Steinschlag. Das alles begegnet einem, wenn man von einem beliebigen Ausgangspunkt zur Inselquerung aufbricht. Zudem geht es immer bergauf und bergab. Wird die Fläche in Relation zur Höhe gesetzt, gehört La Palma zu den gebirgigsten Inseln der Welt. Der Gipfel des höchsten Berges, des Roque de los Muchachos (Knabenfels), ragt mit 2.426 Meter empor, an seinen Flanken glänzen mehrere Aluminiumkuppeln, es sind Teleskope.
Unser Wanderer hat an all das nicht gedacht, als er sich an der Westküste auf den Weg machte. Er wollte hinüber zur Ostküste mit der Hauptstadt Santa Cruz, und das sei, dachte er, in drei Stunden strammen Marsches zu bewältigen. Doch La Palma hat eine markante Besonderheit: die schwarze Vulkankette zwischen der sonnensicheren Westseite mit ihren Stränden und der Ostseite, über der sich manchmal mehr abgesunkene Wolken halten. Zuerst berauscht sich der Wanderer an der Breitseite an Natur. An dem Kranz von tief eingeschnittenen, mit Wäldern überwucherten Barrancos in zerklüfteten Steilküsten und im monumentalen Nationalpark Caldera de Taburiente, der den Inselnorden dominiert. Einige Wanderwege sind mit mehreren Schwierigkeitsgraden ausgestattet. Auch wenn es Luftlinie nur 20 Kilometer sind, verfügt die Insel nicht umsonst über ein Wanderwegenetz von 1.000 Kilometern – und ein Teil davon muss beim Inseldurchmarsch bewältigt werden.
Vulkanlandschaften und Lavawüsten in den höheren Regionen sind von eigenwilliger Faszination.
Unser Wanderer findet unter meterhohen Farnen seinen Weg, läuft unter Schatten spendenden Urwaldriesen und rastet an labenden Quellen. In den Schluchten schlappen gewaltige Wurzeln und Schlingpflanzen von den Steilwänden herab. Jeder Lorbeerwald ist auch ein Nebelwald, das mutet etwas unheimlich an, aber es gibt überall weiche Moose und Geckos huschen herum. Die Lavahänge imponieren, haben aber etwas Düsteres. Dort beginnt der Bereich, in dem die Bäume erst schrumpfen und plötzlich verschwunden sind. Das Refugio el Pilar, gelegen auf der scharfen Naht in der Inselmitte, setzt dem Wanderer mit einem Einsamkeitsschwall zu. Der Rundumblick über die Insel ist grandios, die Vulkane sind ansehnlich aufgereiht, in allen Himmelsrichtungen geht es nach unten, dorthin, wo das Meer ist. Aber das alles betrachtet er ganz allein. Beim Abstieg rutscht fast jeder Schritt in dem tiefen Lavasand, da heißt es aufpassen. Und da kommt auch schon die Nacht über die Insel, zwar mit einem verlässlich prachtvollen Sternenhimmel, der aber nicht ausreichend die steilen Bergpfade beleuchtet, auf denen unser Wanderer sich voranhangelt. Die Dunkelheit ist mächtig, er wird sie nie vergessen.
La Palma ist wirklich anders als die anderen sechs Kanareninseln vor der Westküste Afrikas. Schön, aber nicht im Sinne von lieblich. Mit 87.000 Insulanern besiedelt, aber unter Umständen trifft man stundenlang keinen davon. Und wenn doch, etwa Ziegenhirten oder Maultiertreiber mit langen biegsamen Holzstäben aus Quittenholz oder Buttermandelholz, an deren unteren Ende Eisenspitzen angebracht sind, die sie an Abhängen in den Boden rammen, um am langen Schaft hinunterzurutschen, dann ist die Verständigung nicht immer leicht. Es sei denn man beherrscht das kanarische Spanisch, ein zweifellos anmutiger Singsang. Für die Fortbewegung im Inselinnern, und La Palma wirbt vorrangig für sich als Wanderinsel, sollte man gerüstet sein. Jeder Reisende sollte gutes Schuhwerk im Koffer haben. Und sich vorher ausreichend informieren über Wanderrouten und ihre Schwierigkeitsgrade.
Nach dem Wandern wird man belohnt. Wer zum Beispiel nach Tijarafe gelangt ist, einem Dorf auf der sonnigen Westseite, sieht schon von weitem, wie es sich leuchtend weiß an einen Berghang krallt. Je näher man kommt, desto mehr strahlt es. Die Dächer sind mit Tonziegeln gedeckt, das Holz der Türen und Fenster haben die Jahrzehnte glänzend poliert. Die Hausmauern sind so massiv, dass die Fensterbrüstungen als bequeme Bänke genutzt werden können, von denen aus man auf Gärten voller Blumen schaut und weiß: Dahinter glitzert der Ozean in seiner Weite, Zehntausende Sonnen tanzen auf dem Wellenschlag.
Oder, ein anderes Beispiel, man unternimmt eine Exkursion zur „Poris de Candelaria“, der Piratenbucht, ebenfalls an der Westküste. Ein Felsenüberhang, in dem Piraten einst ihr Wohnversteck hatten. Heute dienen die in den Fels gehauenen Wohnungen als Wochenend-Domizil. Die Bucht befindet sich unterhalb der Steilküste, um sie zu erreichen, sollte man guten Fußes sein. Von einem Parkplatz in Tijarafe aus, nahe der Kirche, steigt man zur Bucht hinunter, sie ist aber steil, schmal und verfügt über ein beachtliches Gefälle. Trittsichere gelangen in die Bucht, sehen das aufgepeitschte Meer und können sich zurücklehnen. Nach dem Wandern und Wundern kommt die Zeit der Behaglichkeit. Aber nicht unbedingt die der Strände, denn die sind auf La Palma zwar reichlich vorhanden, oft auch in schöne Buchten geschmiegt, aber rabenschwarz oder steinig zwischen zerklüfteten Steilküsten. Der Sand ist immer mit Lava vermischt. Zu den schönsten gehören im Osten der Strand von Los Cancajos, im Westen Puerto Naos und Tazacorte. Dort präsentiert sich die grüne, aber auch karge Insel als Schmuckstück in türkisener Rahmung. Wer ganz allein sein will beim Baden und Sonnen, geht in den Südwesten, die Playas dort sind recht leer, und nördlich von Santa Cruz, wo man ziemlich sicher allein ist.
Santa Cruz und die anderen kleinen Städte sind alle gut erhalten. Die von wenig ansehnlichen Neubausiedlungen umwucherte Hauptstadt liegt an einem Vulkanhang und schmiegt sich in eine Bucht, sie zeigt noch ihr mittelalterliches Gepräge. Für die spanische Wirtschaft war sie stets wichtig, im 16. Jahrhundert war ihr Hafen hinter Sevilla und Antwerpen der drittwichtigste der spanischen Krone. Die intakte Altstadt strahlt eine gewachsene Harmonie aus. Viele der alten Kolonialgebäude sind prächtig, entlang der Avenida Marítima reihen sich Restaurants und Bars. Ein Nachtleben gibt es jedoch nur in bescheidener Weise, selbst die nächtliche Beleuchtung ist karg, weil die Sternwarten nicht durch zu viel Licht beeinträchtigt werden sollen. Nirgendwo auf spanischem Staatsgebiet gibt es mehr Sternwarten als auf La Palma.
In Santa Cruz ist alles fußläufig gut zu erreichen. An der Küstenstraße, nördlich der Avenida del Puente, reiht sich das eindrucksvollste Ensemble kanarischer Balkone. Sie reichen über zwei Stockwerke, sind dezent gestrichen und gehen auf portugiesisch-maurische Einflüsse zurück. Ein schönes Fotomotiv. Am Morgen duftet es an jeder zweiten Straßenecke der Inselhauptstadt nach frischem Brot. Es ist aus geröstetem und anschließend gemahlenem Getreide gefertigt, vor allem Mais und Gerste, aber auch Hirse und Hafer. Mittags und zum Dinner gibt es einzigartige Kartoffelsorten, feine Tomaten und Bananen, handgemachte Käsesorten und Honig aus endemischen Pflanzen. Beim gern verzehrten Kaninchen wird der Schenkel mit jungem Gemüse oder Pilzreis gefüllt, das Täubchen wird in geschmorten Birnen serviert. Auch Kalamares und diverse Fische, Papa Negra, Trüffel und pochiertes Ei sind im Angebot. Die kanarische Küche hat Bodenhaftung, und stets gehören Mojo Rojo und Mojo Verde dazu, die traditionellen kanarischen Saucen. Die Kartoffeln sind den Urkartoffeln noch am nächsten, die im 16. Jahrhundert aus Lateinamerika eingeführt wurden. Die Haut ist dunkel, fast schwarz, aber im Innern sind die Papas hell und golden.
Pittoresk sind auch die kleineren Orte. Las Nieves, ein bedeutendes Wallfahrtsziel, hockt zwischen sattgrünen Hügeln. Das wichtigste Heiligtum der Insel ist das Santuario de la Virgen de las Nieves, 1657 erbaut. San Andres ist ein hübscher Küstenort mit zu groß geratener Kirche. Von Tazacorte aus wurde einst die Insel erobert. Los Llanos bietet Kleinstadtatmosphäre mit einem von Lorbeerbäumen gesäumten Platz, auf dem Cafétischchen stehen. Die weiße Kirche zeigt den inseltypischen Kolonialstil. Puerto Naos soll der sonnenreichste Ort der Insel sein, versprochen werden 3.300 lichte Stunden pro Jahr. Der vorgelagerte Strand ist der längste der Insel, an ihm führt auch eine Promenade entlang. Fuencaliente de la Palma besaß einst eine heiße Quelle, die aber von einem Vulkanausbruch verschüttet wurde. Hier wird ein schwerer süßer Dessertwein hergestellt. Mazo wirbt mit handgerollten Zigarren, die gern mit denen aus Kuba verglichen werden.
La Palma ist vom Massentourismus unberührt. Historische Stätten, Kultureinrichtungen und „Ballermann“ fehlen. Der Faustkeil ist eben nur etwas für Naturliebhaber. Die Vielfalt der Landschaften von der aschereichen Vulkangegend um Fuencaliente bis zu den üppigen Wäldern von Los Tilos sind die Trümpfe der Insel, dazu die klare Luft. La Palma entdecken heißt: Wandern und Wundern.
REISEINFOS
Anreise:
La Palma kann mit Linienflügen vom spanischen Festland erreicht werden, Anbieter sind Iberia, Spanair und Air Europa. Charterflüge gibt es von mehreren europäischen Flughäfen. Günstig übersetzen kann man mit der Fähre von allen anderen Kanareninseln.
Unterkunft:
„Hacienda San Jorge“, Brena Baja, Tel. 922-181 066, www.hsanjorge.com; traditionelle Finca mit tropischem Garten, Pfade führen durch den Garten zum Strand. „Parador de la Palma“, Santa Cruz, Tel. 922-435 828, www.parador.es; Parador im kanarischen Stil mit Innenhöfen und Holzbalkonen, weitläufige Pool-Landschaft. „Hotel Trocadero Plaza“, Los Llanos de Aridane, Tel. 922-403 013, www.hoteltrocaderoplaza.com; modernes 18-Zimmer-Haus mit Sonnenterrasse und gutem Service.
Mietwagen:
Sie sind am Flughafen und in Städten zu buchen und recht günstig, vor allem wenn bereits zu Hause gebucht wurde.
Auskunft:
Vor Ort gibt es Informationen in der Oficina de turismos, Avenida Blas Pérez Gonzalez, Santa Cruz; Tel. 922-412 106, www.lapalmaturismo.com. Allgemeine Infos, auch auf Deutsch und Französisch: www.spain.info



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