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Reservoir Frogs

Seit Jahren fuhr ich daran vorbei und wunderte mich, wie es drinnen wohl aussah, in diesem Laden für Taucherbedarf. Seit meiner frühsten Kindheit träumte ich vom Tauchen, zauderte mich aber gekonnt an meinem Schicksal vorbei. Jetzt, fast 50-jährig, blieb ich endlich stehen. Journalisten, sagt Günter Wallraff, sollten ganz unten anfangen.

Zwischen Flossen, Masken, Schnorcheln und allerlei obskuren Schläuchen und Gummizeug stand der wortkarge Besitzer, Christophe, und schaute mich nach einem knappen „Bonjour“ schweigend an. „Könnte so einer wie ich hier einen Tauchschein machen?“, kam ich ohne Umschweife zur Sache. Die „Plaudertasche“ schob ein Formular über die Theke und sagte: „Klar. Hier ausfüllen, musst aber vorher zum Arzt gehen, macht so und so viel Euro“. Schon ratterte der Kassenzettel aus dem Schlitz. Das Schwätzchen war damit beendet.

Am gleichen Abend schickte ein gewisser Laurent mir eine Mail. Er sei mein ganz persönlicher Instruktor, schrieb er, am nächsten Samstag ginge es los. Erst ein paar Tauchgänge im hauseigenen, fünf Meter tiefen und auf 28 Grad geheizten Becken, danach raus in den Stausee. Dort müsse man sich Ende April warm anziehen, denn die Wassertemperatur betrüge derzeit nur so um die vier Grad, mit wenig Hoffnung auf zusätzliche Nestwärme. Ich dachte: Willkommen bei Olympique Marseille, hier lautet die Devise „Droit au But“.

Ich sabberte meine Zustimmung wie ein Pawlowscher Hund und schob das Mundstück der zweiten Stufe des Atemreglers zwischen die Zähne.

Wir einigten uns im Einvernehmen auf Wochenenden, so zog sich die überdachte Phase etwas länger hin als unbedingt nötig. Abwechselnd wurde im Bassin getaucht und gebüffelt, das Gelernte dann abgefragt und Noten verteilt. Ganz wie in der Schule, nur sehr viel entspannter. Jedes Mal wenn ich – im übertragenen Sinne – auf dem Schlauch saß, machte Laurent die international anerkannten Handzeichen und erklärte die Routine von neuem. Aufgetaucht wurde deshalb noch lange nicht, denn alles ward am gekachelten Beckenfond veranschaulicht. Beim wiederholten Maskenwechseln probierte ich am zweiten Tag, wie man ein Schwimmbad ganz allein leer säuft. Und machte zu meiner Erleichterung die Feststellung: Der Mensch kann trotz Atemgerät unter Wasser problemlos husten.

Der allererste Atemzug unter Wasser wird mir unvergesslich bleiben. Dieses Gefühl des losgelösten Dahinschwebens im sprudelnden Blau: näher an ein Astronautendasein geht kaum. Halluzinogene Drogen oder Meditation könnten einen ähnlichen Eindruck wohl auch vermitteln, aber Tauchen ist definitiv besser. Wenn auch nicht unbedingt ungefährlicher. „Wenn es ernst wird“, erklärte Laurent, „setzt der Instinkt ein, dann folgen wir in Panik unseren Gewohnheiten, also müssen wir die guten Gepflogenheiten sofort antrainieren, noch bevor die falschen Reflexe zur Gefahr werden können.“ Ich sabberte meine Zustimmung wie ein Pawlowscher Hund und schob das Mundstück der zweiten Stufe des Atemreglers zwischen die Zähne. Nach vier morgendlichen Tauchgängen in der schummerig geheizten Wanne und einem Examen kam die Ernüchterung. Am folgenden Samstag, morgens um acht Uhr, trafen wir uns an der Brücke neben der Jugendherberge in Lultzhausen. Am Stausee. Am gottverdammten Stausee. Ehe ich das Konzept begreifen konnte, stand ich wie eine Mortadella in Neopren am Ufer und stierte in die trübe Tiefe. Klassischer Fall von Wurstfehler.

Es stellte sich heraus, die Sache war nur halb so wild. Der See war kalt, ganz sicher, aber der sechs Millimeter dicke „Wetsuit“ spendete Wärme. Nach etwas mehr als einer Stunde befand sich zwar so wenig Restwärme in meinen Füßen, wie im Herzen des Terminators, und ich verlor auf den letzten Metern sogar eine Flosse auf Nimmerwiedersehen, ohne es überhaupt zu spüren, aber die karge Unterwasserwelt des Stausees hatte es mir trotz begrenzter Sicht, Kälte und unverschämter Korallenlosigkeit voll angetan. Ein anonymer Froschmann wird meine Flosse früher oder später finden und sie an der Hauswand der Jugendherberge von Lultzhausen, dort wo die Froschfraktion ihre Sauerstoffflaschen nachfüllt, ablegen.

Es gibt zweitausend Jahre alte Bilder von Menschen, die unter der Wasseroberfläche aus Tierhautschläuchen oder durch Rohre zu atmen versuchen. Drei Jahrhunderte vor Christus beschrieb Aristoteles das Prinzip der Taucherglocke, und die Legende besagt, dass Alexander der Große sich höchstpersönlich wie eine Art menschliche Flaschenpost in einer gläsernen Tauchvorrichtung, der Colympha, auf den Meeresgrund begab und dort mit Bedauern feststellte, dass die großen Fische die kleinen fraßen. Ähnliches Garn wurde in China gesponnen, allerdings musste die Welt noch ein paar Jährchen warten, bis der Holländer Cornelis Drebbel um 1620 das erste manövrierfähige Unterwasserfahrzeug erfand. Es handelte sich um ein mit eingefetteten Ziegenhäuten bespanntes Ruderboot. Anfang des 16. Jahrhundert hatte Tausendsassa Leonardo Da Vinci an einem Taucherhelm für die submarine Sabotage türkischer Schiffe getüftelt. Venedig, der Auftraggeber, sollte im 17. Jahrhundert, nachdem sich der Welthandel in Richtung Atlantik verschob, fast im Kollektiv untergehen, aber an Leonardos Helm hatte es nicht gelegen. „Die Zeichnungen davon waren zwar schön anzuschauen, aber funktioniert hätte der Apparat nicht“, so das harte Urteil des Marine-Archäologen Robert Marx. Ende des 18. Jahrhunderts besaßen dann alle großen Häfen Taucherglocken für die Reparatur der Kaimauern und das lukrative Bergen von versunkenem Schiffsgut, ehe die englischen Deane-Brüder den „Smoke Helmet“ nach einer unfreiwilligen Feuertaufe zum Taucherhelm umbauten. Jene runde Kupferkugel mit vergittertem Bullauge, wie sie selbst „Tintin“ noch im Schatz Rackhams des Roten benutzt, ehe ihn die schlauen Schul(t)ze-Brüder, an der Luftpumpe verschnaufend, fast gekillt hätten.

Ende des 18. Jahrhunderts besaßen alle großen Häfen Taucherglocken für die Reparatur der Kaimauern und das lukrative Bergen von versunkenem Schiffsgut.

Im Jahr 1979 schließlich, tauchte die amerikanische Meeresforscherin Sylvia Earle als erster Mensch in einem 800 Pfund schweren und absolut wasserdichten Exo-Skelett, dem so genannten JIM Suit, bis in eine Tiefe von 381 Meter, zehn Jahre nachdem die ersten Menschen auf dem Mond spaziert waren. Doch zu dem Zeitpunkt hatten die mit der Filmkamera bewaffneten Pioniere, allen voran Hans Hass und Jacques-Yves Cousteau, die Faszination der Tiefe bereits bis ins Kinderzimmer hineinprojiziert. Und heute, in Zeiten von zuverlässigen Tauchcomputern am Handgelenk, gibt es nur noch eine einzige Hürde zwischen Ihnen und dem blauen Wunder, das Sie erleben können: Sie müssen zum richtigen Zeitpunkt auf Höhe der Nummer 51 in der rue des Trois Cantons in Ehlange/Mess auf die Bremse treten. Nur sonntags oder montags nicht, dann hat die geschwätzige Elster geschlossen!

Fotos: Mona Dienhart, Claire O’Donovan

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Philippe Reuter

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