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Rilke und Frau Kemp

Hinter Monique Kemps fahler Wohnungstür verbergen sich Farbkleckse. Räume voll Kunst und alltäglichen Schätzen, die man Lebensgeschichten nennt.

Fotos: Anne Lommel

Eine banale Klingel hätte es auch getan. Stattdessen verzögert die Suche eines Briefkastens mit Zahlenkombination die Begegnung mit der Künstlerin. Zum Klingeln bedarf es erstmal des passenden Codes, auf den eine Vorrichtung neben der Eingangstür zwinkernd blinkend wartet. „Kommen Sie rein, das mit der Klingel ist kompliziert“, hallt es aus dem Flur. Ein blonder Haarschopf mit kantiger, zweifarbiger Brille lugt verhalten hinter der Eingangstür hervor.

Kemps markantes, herbes Parfum leitet an kahlen Wänden entlang zu ihrer Wohnung. Kein Fleck ist frei von Kunst. Überladen, chaotisch ist es hier nicht. An professionellen Vorrichtungen hängend, auf dem Boden stehend, sich in Form von Postkarten und Statuetten auf Etageren und Schränkchen türmend, zeugen ihre Arbeiten von einer jahrelangen Passion, in der sie sich erst spät verwirklichen durfte.

Für ein längeres Gespräch fehlt ihr vorerst die Zeit. Zu groß ist ihre Freude über den Besuch, zu groß die Leidenschaft für die eigenen Werke. Sie huscht von einem Raum zum nächsten, zeigt links und rechts auf selbstgefertigte Acryl-Gemälde und Töpfereien. Kaum verwunderlich, dass sie bei dem Enthusiasmus der Frage vorgreift, was das Künstlertum für sie auszeichnet: „Haben Sie ‚Briefe an einen jungen Dichter‘ von Rainer Maria Rilke gelesen? Den Pariser Brief?“, will sie wissen. Kopfschütteln. „Machen Sie das!“ Sie hält kurz inne und überlegt. „Er schreibt: ‚Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand.‘ Rilke gibt damit die beste Definition eines Künstlers.“
Einige ihrer Serien tragen Namen kanonischer Autoren. Proust und Hesse hat sie nicht nur gelesen, sondern mit Farbe auf Leinwände interpretiert. Sei es durch die Namensgebung, sei es durch die Einbindung von Textstellen in ihre Collagen. „Mögen Sie Dostojewski? Nein? Lesen Sie weniger bekannte Werke von ihm, wie ‚Le sous-sol‘ – das ist ergreifend. Und Céline? Auch nicht? Eine zweifelhafte Persönlichkeit, aber ein brillanter Autor!“ Sie lächelt. „Ich mag besonders Schriftsteller, die die Vielfalt der menschlichen Persönlichkeit hervorbringen, wie auch Philipp Roth, Hermann Hesse, Thomas Mann, Stefan Zweig oder Henry Miller.“

Wenngleich sie ihren Lebensunterhalt nie mit Kunst finanzierte, bedeutet diese für die 75-Jährige weit mehr als Acryl und Buchstaben auf Papier. „Kunst und Literatur haben mein Leben enorm bereichert. Ich wüsste nicht, wo ich ohne sie stehen würde“, sagt sie. „Mit Kunst um mich, fühle ich mich nie alleine. Sie ist ein Rückzugsort.“ Sie nennt sich eine überzeugte Einzelgängerin, doch beschäftigt sie die Einsamkeit ihrer Werke: „Wie oft lade ich Menschen ein, um sich meine Arbeiten anzuschauen! Immer werde ich vertröstet, nie kommt jemand. Das ist frustrierend! Kunst lebt doch vom Austausch.“

Kemp vermutet dahinter, was ihr missfällt: Oberflächlichkeit. „Vernissagen sind zum Happening geworden, um Kontakte zu knüpfen“, beobachtet sie. Kunst ist dort mehr Vorwand als Gegenstand. „Nur die wenigsten denken sich in die Exponate hinein oder setzen sich intensiv mit ihnen auseinander“, reflektiert sie. Versprochene Besuche werden bis zur nächsten Ausstellungseröffnung vergessen. Ein französischer Gallerist zeigte Kemps Arbeiten in China, wo sie selbst noch nie gewesen ist. In Frankreich stellte sie mehrfach aus, gewann den Kunstwettbewerb der Galerie „The Orange Tree“ in Seillans. Im „Aalen Stadhaus“ in Differdingen und beim „Art Shopping“ in Esch präsentierte sie ihre Kunst auch in Luxemburg.

Bei einer Tasse ihres Lieblingstees, einem grünen Sencha, kommt sie langsam zur Ruhe und zu einem ihrer buntesten Gemälde: ihrem Leben. Schon immer wollte sie über den Tellerrand hinweg schauen, neues lernen und viel malen. Beim kindlichen Puppenspielen und basteln entdeckte sie ihr Auge für das Schöne, ihre Liebe zur Kreativität. Ihre Eltern, die eine traditionelle Rollenverteilung vorzogen, förderten ihren allgemeinen Wissenshunger nicht. Als Mädchen brauchte sie keine weiterführenden Studien – viel eher einen Mann und eine eigene Familie. Eine Aufgabe, der sie mit Freude nachging, die sie aber nicht vollends erfüllte.

Alles, was sie nach der verpflichtenden Schulzeit erlernte, brachte sie sich auf eigene Faust bei. „Die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern steckte in meiner Jugend noch in den Kinderschuhen“, so Kemp. Kunst von Frauen wurde damals oft belächelt, als unwichtig abgetan. In Museen war sie unterrepräsentiert. Der Zugang zu Kunst war für sie nicht selbstverständlich, umso spannender und bewegender waren deshalb die ersten Begegnungen mit Meisterwerken. Monique war bei ihrem ersten Museumsbesuch erst 23. „Die Gemälde der Impressionisten haben mich damals sehr berührt. Ich hätte weinen können“, erinnert sie sich. Weitere Künstler hinterließen einen bleibenden Eindruck: „Klee, amerikanische und deutsche Expressionisten, genauso Oskar Kokoschka, faszinieren mich heute noch. Ihre Kunstwerke strahlen eine unfassbare Sensibilität aus.“

Über die Jahre hinweg sollte jeder seine Koffer selbst mit Wissen und Interessen füllen.

Kemp bezeichnet sich als Autodidaktin, die sich eigenständig den Weg zur Kunst erschloss und einen Freund in ihr fand. „Über die Jahre hinweg sollte jeder seine Koffer selbst mit Wissen und Interessen füllen“, erläutert sie bedacht.
Mit ihrem ersten Ehemann und den beiden Kindern lebte sie lange Zeit in Brüssel. Anfangs „nur“ Mutter und Hausfrau, trieb es sie bald in die Modebranche, wo sie zuerst als Verkäuferin tätig war, später dann 25 Jahre lang eine Boutique leitete. Für Kunst und Malerei fehlte ihr zwischen Familienalltag und Beruf oft die Zeit. Erst als sie ihrem zweiten Ehemann nach der Frührente 1999 an die Côte d’Azur, nach Montauroux, folgte, fand sie Raum und Ruhe für ihre Kunst.
Vier Jahre besuchte sie die Villa Thiole, Schule der bildenden Künste in Nice, drei Jahre lang die „Beaux Arts“ in Cannes. Neben angeleiteten Kursen, versuchte sie sich auch privat immer öfter an unterschiedlichen Techniken, Farben und Materialien. Acryl wurde ihre liebste Farbsorte, weil sie ihren Werken Vielschichtigkeit und Tiefe verlieh. Abgebröckelte Baumrinden, die sie bei Spaziergängen sammelte, fanden in subtilen Kompositionen Platz. Die warme Sonne der Mittelmeerküste lockte sie nach draußen, wo sie mit ihren Pinseln die Lichtverhältnisse einzufangen versuchte. Glücklich war sie trotz begeisterter Kursleiter und inspirierender Landschaften jedoch nach wie vor nicht. 2014 sagte sie Frankreich „au revoir“.

„Es gibt Tage, an denen vermisse ich mein Leben an der Côte d’Azur. Die Helligkeit dort. Aber im Leben muss man Entscheidungen treffen. Auch mit 72 ist es keine Fatalität unglücklich zu sein“, erklärt sie ihre späte Rückkehr nach Luxemburg und die zweite, gescheiterte Ehe. „Dialoge bedingen eine Beziehung. Wenn man sich nicht mehr zusammen in Gesprächen verlieren kann, dann ist es nicht das Wahre.“ Seit der Scheidung lebt sie in Differdingen, nicht weit von ihrem Geburtsort Niederkorn entfernt. Ein starker Kontrast zum Leben an der Côte. „Solange ich hier malen kann, bin ich glücklich“, gesteht sie.

„In gewisser Weise bin ich dankbar für alle Hindernisse: Es hat mich gelehrt mich selbst weiterzubilden, neugierig zu bleiben, in mich zu gehen und meine eigenen Stärken und Leidenschaften zu entdecken“, ergänzt sie. Einfach war der Weg zu dieser Erkenntnis nicht: „Ich musste in meinem Leben hart arbeiten. An mir, beruflich, künstlerisch – aber wer was erreichen will, muss viel arbeiten.“
Die Kunst, die Literatur waren ihr treue Begleiter. Sie schärften ihre Sinne für eigene Bedürfnisse und Wünsche. Ermutigten sie Neues zu wagen, wenn Altes sich nicht mehr bewährte.
„Fotografieren Sie lieber meine Bilder, die sagen mehr über mich aus, als mein Gesicht“, rät sie unserer Fotografin schmunzelnd. Die vielen Farbschichten, die wieder und wieder übermalten und aufgekratzten Leinwände, aber auch die einfachen, schlichten Arrangements spiegeln Erlebtes. Kemp verfällt des Öfteren ins französische, spricht zwischendurch ein paar Worte flämisch, die meiste Zeit aber luxemburgisch. Ihre Werke mögen interessant sein, doch berührt vor allem ihr unstillbarer Drang nach mehr. Mehr Kunst, mehr Freiraum, mehr Wohlsein – auch, oder gerade, mit Mitte siebzig.

Ihre Kunst zeichnet sich vor allem durch ihre Präsenz aus, ihre anwesende Abwesenheit. Es ist nicht unüblich Biographien in Bildern zu erkennen, doch ist Kemps Gesamtwerk ein Paradebeispiel dafür. Die vielseitigen Inspirationsquellen bündelt sie in einer gewissen Serialität. Da sind zum Beispiel die Silhouetten, die immer dann auftauchen, wenn das Licht aus einem bestimmten Winkel auf die Gemälde fällt. Oder die tiefen Strukturen, die ihren Werken Multidimensionalität verleihen. Ganz unabhängig vom verwendeten Material: Kemp bedient sich an Plastik, Holz, unterschiedlichen Papiersorten, Blättern – an allem, was ihr in die Hände fällt.

Vielleicht stimmt es, dass ihre Kunst mehr über sie und die Welt zu erzählen weiß, als sie selbst. Doch führen beide einen Dialog. Einen, der nicht verstummt. Vor allem aber einen, der für Monique Kemp notwendig ist, wie es schon Rilke beschrieb.

Isabel Spigarelli

Ressorts: Wissen, Kultur

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Author: alommel

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