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Rio 2016: Game over (21.08.)

Eigentlich ist das weltbekannte Sambadrom eine prima, unverwechselbare Kulisse für den abschliessenden Marathonlauf. Sie wirkt mit ihrem kalten, leeren Beton jedoch vor allem traurig. Mit geschickter Bildregie fällt das zuhause weniger auf, aber hier vor Ort im Nieselregen sind die Bilder bedrückend. Im Medienzentrum, also Zelt herrscht dagegen qualvolle Enge. Auch vielleicht weil mit dem Regen niemand auf den Presserängen arbeitet? Und mit den wenigen noch ausstehenden Entscheidungen sich die Journalisten an den paar übrig gebliebenen Orten drängen. Aber soll man deshalb ein doppelt so großes Zelt hinstellen? Was weder beim Frauenrennen, noch davor beim Bogenschiessen so groß benötigt wurde. Während man gleichzeitig über den riesigen Gigantismus der Spiele schimpft, und die Probleme geißelt, verlangt man für sich selber jedoch immer einen Platz an der Sonne.

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_dH1guUjSGhXSW-g9cHQbwbYh1mopLpBY4ubYp57VrYOlympische Spiele sind für Journalisten ein spannender Knochenjob, bei dem man wenig schläft und die Arbeitsbedingungen möglichst gut sein sollten. Ordentlicher Kaffee wäre schon schön gewesen und es hätte in der Pressekantine am MPM auch nicht jeden Tag die gleiche mässig gute Qualität zu völlig überzogenen Preisen gebraucht. Man hatte aber kaum die Wahl, ausser man opferte Zeit – die man selten hat – oder man aß wie ich meistens neben einem satten Frühstück dann nur noch ein weiteres Mal. Wenn es sich gerade auf einer Wegstrecke einrichten ließ.

Unter Regen gingen diese Spiele dann sinnbildlich passend zu Ende. Zwar fand IOC-Präsident Thomas Bach in seiner Sonntagsrede wieder salbungsvolle Worte für eine Wahrnehmung der Spiele, die er ziemlich exklusiv haben dürfte. Seine Behauptung, dass die Spiele Rio nichts kosten, kann man sich auch nur mit sehr selektiver Buchführung zurecht lügen. So bleibt das Bild von den ersten Spielen in Lateinamerika, wo beides, das riesige Sportevenement und das Ausrichterland nie so richtig zusammen fanden. Vieles beruht aber auch auf einem Missverständnis: Man hatte seine Klischeevorstellung begeisterter, lebensfroher Brasilianer, die gut gelaunt diese olympischen Spiele stürmen würden. Dass das an der Realität der meisten Cariocas derzeit völlig vorbei geht und überhaupt nur eine bessere Mittel- und Oberschicht zu den verlangten Preisen ins Stadion kann, war einem nicht bewusst. Auch legte man an die gesamte Organisation die eigenen, perfektionistischen Massstäbe an. Die Spiele können wirklich reibungslos wohl nur so funktionieren, doch während sich die Brasilianer etwas stolz wunderten, dass die Spiele besser als gedacht klappten, beschwerten wir uns lauthals über Probleme, die sie als alltägliche Nickligkeiten wahr nehmen.

Ich hasse es, kalt zu duschen, und zum Glück hatte ich das Problem nur gestern. Es regnete und der Strom war in unserer Wohnanlage komplett weg. Das kam aber nur ein Mal vor, und wenn ich mir die frei liegenden Verkabelungen so anschaue, dann wundere ich mich, dass überhaupt irgendwo Strom aus der Wand kommt. Brasilien sei Belinda, also eine wilde Mischung aus Belgien und Indien hörte ich heute morgen und sowohl das belgische, als auch das indische Extrem haben ihre schönen, spannenden, wie auch ihre Schattenseiten. Allerorts wird beim Bilanz ziehen behauptet, dass Rio nicht reif für die Olympischen Spiele war. Die Spiele, wir eingeschlossen, waren es aber genau so wenig für Rio. Persönlich finde ich es vermessen und arrogant, wie wir unsere subjektiven Massstäbe mit absoluter Rigorosität bei einem Gastgeber anlegen, der sich zu einem guten Teil redlich bemüht hat. Gleichzeitig zeigt sich das IOC mit all seiner Korruption, dem nicht einmal halbherzig angegangenen Dopingproblematik und all seinem Ringen um Macht und Geld alles andere denn als perfekter, vorbildlicher Gast. Eigentlich normal, dass da ein Großteil der Cariocas, die schon im harten Alltag von ihrer Regierung abgehängt werden, nicht mit Hurra auf den olympischen Zug aufspringen.

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Vielleicht braucht es auch einfach etwas Abstand, um das eigene Bild von Rio 2016 und sein Erbe richtig einordnen zu können. Oft genug erweisen sich Klischees ja als falsch. Gerne wird über Made in China geschimpft, und ihre Spiele waren auch nur wegen eines eigentlich unverantwortlichen und alles andere als nachhaltigen Gigantismus ein Erfolg. Fast schon traditionell werden bei der Ankunft mit einigem Infomaterial auch Rucksäcke an die Presse ausgeteilt. Ausgerechnet das China, respektive Beijing-Exemplar stellt sich als hochwertig heraus, und sah man oft genug noch hier in Rio in Gebrauch. Während diejenigen der soliden Londoner Spiele bereits vor Ort kaputt gingen. Mal schauen, wie lange ich mich an meinem, auch nicht so zum Klischee passenden recht hässlichen Rio2016 Exemplar freuen werde.

Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

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Author: Martine Decker

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