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Rio 2016: Sprung zwischen den Welten (05.08.)

Jeder wartet sehnsüchtig auf den Auftakt, dass „unsere“ sportliche Welt endlich rund dreht. Ich fahre zum Sambadrom, in dem die für Österreich startende Luxemburgerin – den Satz wollte ich immer schon mal schreiben, mehr zum Thema siehe die revue-Coverstory vom 2015/45: Migration im Sport – bereits vor der Eröffnungsfeier ihre Qualifikation mit dem Bogen schiesst. Aus unserer exklusiven Pressebuslinie schiessen derweil die Fotografen – 20.000 Irgendwas-mit-Medien-Leute suchen Arbeit – abwechselnd Fotos von schwerbewaffneten und vermummten Militärpolizisten auf Militär-Lkws und den umliegenden Favelas. Vom Sambadrom zum relativ nahegelegenen Macarena-Stadion der Auftaktfeier gibt es jedoch keine direkte Presselinie. Also entweder umständlich über einen Hub oder Taxi.

5cIch entscheide mich für die real-life-Variante öffentlicher Transport. Doch schon der Fußweg zur Metrostation (und das verspätete Mittagessen zwischendurch) ist eine harte Erdung aus der bunt glitzernden olympischen Welt. Kriminalität ist weiter ein großes Problem in Rio. Mit meinem Presserucksack, darin Laptop und Spiegelreflexkamera, steht fett „lohnendes Opfer“ auf meiner Stirn und es fühlt sich bereits in einem ziemlich durchschnittlichen, normal heruntergekommenen Viertel nicht gut an. Für rund zwei Drittel der Cariocas fühlen sich laut Umfrage aber auch die Spiele nicht gut an. Wer den normalen Alltag, nicht die Favellas(!), sieht, versteht dass für sie die darbende Bildung und das zusammenbrechende Gesundheitssystem im kriselnden und korrupten Brasilien wichtiger sind. Nun ja, Krise und Korruption teilen sie ja durchaus mit den Herren der Ringe. Die feiern bei der Eröffnungsfeier unter massivem Polizei- und Militärschutz ihre vordergründigen Werte Fairness und Völkerverständigung. Sie sind sich sogar nicht zu schade – nur zwei Jahre nach den Beton-statt-Natur- und staatlich organisierten Dopingspielen von Sotschi – den überaus wichtigen Klimawandel anzuprangern. Zynisches Greenwashing, während wir in Rio das Essen auf Haufen von Plastik konsumieren. Das ambitionierte olympische Umweltprogramm für Rio ging in der Krise und Korruption ziemlich baden. Stattdessen trägt beim Einmarsch der Nationen ein Kind symbolisch eine Topfpflanze vor jedem Land spazieren. Dieser Einmarsch mit glücklich lächelnden Sportler aller Herren Länder versöhnt mich dann jedoch wieder mit dem Tag. Diesen Sportler sollen die nächsten 16 Tage ihre Spiele gehören. Auch wenn eine machtgierige und zu einem großen Teil korrupte Altherrenriege mit Abstand am meisten daran verdient.

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Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

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Author: Philippe Reuter

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