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Rio 2016: Technik die begeistert (17.08)

Der Treibstoff der Spiele sind tolle Bilder. Der ganze Mythos Olympische Spiele wird so mit dramatischen Siegern und Verlierern, nervenzehrenden Wettkämpfen und viel Emotion bequem bis in unsere Wohnzimmer geliefert. Der technische Aufwand dafür ist enorm.

Noch vor wenigen Jahren war ein auf Schienen mitfahrender Kameramann eine große Sache, dann kamen die am Rande mitfahrenden Kameraschlitten, die etwa beim Schwimmen und in der Leichtathletik mitreißende Bilder liefern und man fühlt sich, als sei man mitten im Pulk dabei. Hinzu kommen noch Unterwasserkameras, Hochleistungszeitlupenkameras, die etwa das biedere Bogenschiessen in Livezeit nahezu auf Spielfilmqualität aufplustern und die in jeder Wettkampfstätte aufgehängten Spidercams. Entweder fährt ein Kameraschlitten auf zwei Führungsseilen und liefert auf einer Achse beeindruckende Aufnahmen aus der Luft. Oder die Kamera hängt an vier Seilen und kann so beispielsweise im riesigen Leichtathletikstadion an so ziemlich jeden Punkt über dem Boden gebracht werden. Der 2001 vom IOC gegründete OBS (Olympic Broadcasting Services) produziert mit dem Einsatz führender, viele Millionen schwere Kameratechnik einmalige Fernsehbilder, die letztlich am Markt Milliarden einbringen. Die einzelnen Sender vor Ort produzieren selber dann vor allem nur noch die Interviews vor Ort und einige à côtés für ihren spezifischen nationalen Markt. In diesem Multi-Millionen-Geschäft lässt sich auch der Absturz einer – wahrscheinlich versicherten – Spidercam vor zwei Tagen im olympischen Park verschmerzen. Die zwei Führungskabel rissen und die Kamera verletzte sogar sieben Besucher leicht.

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Ganz ohne Verletzte, aber auch mit Schaden in Millonenhöhe geht es dagegen bei den Nicht-Bewegten-Bildern zu. Obwohl die modernen professionellen digitale Spiegelreflexkameras das ohne weiteres vermögen, haben Fotografen – und Journalisten – auf dem kompletten Olympiagelände ein striktes Verbot von Audioaufnahmen und bewegten Bildern. Auf der Jagd nach den spektakulären Einzelbildern setzen aber auch die Fotografen beeindruckendes Material ein. So ziemlich jeder führt hier mehrere Gehäuse der Topkameras von Nikon und Canon im Gegenwert von jeweils 6-7.000 Euro mit sich. Zudem kommen die großen Objektive, die für den 300er Zoom mit 2.8 Blende bei so 10.000 und für einen 800 bei so 15.000 Euro liegen. Tolle, teure Technik, die begeistert. Im Pressezentrum gibt es sogar von Canon und Nikon einen Gratisdienst, bei dem man das eigene Material überholen lassen und sich für nicht-Agenturfotografen eigentlich unbezahlbare Objektive, die man auch nur bei einzelnen Wettkämpfen, für besondere Motive benötigt, ausleihen kann. Dort hängt auch eine Liste, die zeigt, dass diese Technik im Gegenwert eines Autos nicht nur die akkreditierten Fotografen begeistert. Im Leichtathletikstadion ist aus einem dafür vorgesehenen verschlossenen Spint im eigentlich zugangsbeschränkten Pressebereich die komplette Ausrüstung eines Fotografen ebenso gestohlen worden wie der abgeschlossene und mit einem Schloss an einer Laterne gesicherte Koffer eines anderen Fotografen, der mit dem Weitwinkel nur schnell den Zielsprint im Radrennen fotografierte. Ausrüstung, die schnell den Neuwert von 30.000 Euro überschreitet und auch mal doppelt soviel wert sein kann. Die lose um den Hals baumelnden Tausende Euros sind damit ein lukratives Geschäft für spezialisierte Räuber, und wären das nicht nur in Rio, sondern in fast allen heutigen Großstädten.

Dass allerdings als Polizisten verkleidete Räuber mit vorgehaltener Waffe vier Schwimmer nach ihrer Party im Taxi anhalten und ausrauben, ist für jemanden aus dem beschaulichen Luxemburg unvorstellbar, aber passt gut zu unserem Klischee des hoch kriminellen Rio de Janeiro. Diese Kriminalität bleibt ein riesiges Problem. Wenn man das „wirkliche“ Rio kennen lernen will, ist man sich dessen bewusst und ergreift entsprechende Vorsichtsmaßnahmen. Den Ehering lasse ich also nicht wegen manchen bezaubernden Brasilianerinnen zuhause, auch die Uhr und natürlich die Spiegelreflexkamera bleibt zurück, wenn ich mich etwas weiter vom gesicherten Paralleluniversums Rio 2016 entferne. Die angesprochene Ryan-Lochte-Räuberpistole wirft aktuell jedoch viele Fragen auf… Das Video einer allgegenwärtigen – und billigen – Überwachungskamera zeigt angeblich, wie die vier Schwimmer nach dem traumatischen Überfall vergnügt im Olympischen Dorf einchecken. Sie haben auch angegeben, dass ihnen nur etwas Bargeld und nicht etwa auch die teuren Uhren gestohlen wurden. Eine Richterin jedenfalls ist skeptisch und hat noch heute zwei der Schwimmer für weitere Befragungen aus dem Flugzeug holen lassen. Den Pass vom zwölffachen olympischen Medaillensieger bekommt sie jedoch nicht. Er war schon wie geplant Montag abgereist.

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Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

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Author: Philippe Reuter

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