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Robin Hood reloaded

Als Grundschullehrer will er künftig Kindern die richtigen Werte vermitteln, als Aktivist mischt er zurzeit die „Groussgaass“ auf: Andy Schammo kämpft ohne Wut, dafür aber in fairen Sneakers für eine bessere Welt. In der revue erzählt er von Konsumgier und selbstverliebten Politikern.

Text: Isabel Spigarelli / Foto: Philippe Reuter

Herr Schammo, Sie sind als Aktivist für Menschenrechte und Nachhaltigkeit in Luxemburg Stadt unterwegs. Auf wen sind Sie wütend?
Auf niemanden. (lacht) Ich bin selten wütend, ich bin nur mit manchen Umständen nicht einverstanden und setze mich für ein Umdenken ein.

Was bewegt Sie dazu, auf die Straße zu gehen?
Die Prokrastination. Neben meiner Überzeugung, dass jeder das Recht auf ein zufriedenes Leben hat, frei von Ausbeutung und jeglicher Form von Diskriminierung.

Inwiefern Prokrastination?
Im weitesten Sinne. Die Leute schieben ihren Einsatz auf und kaufen weiterhin möglichst billige Stangenware – wurde ja eh schon produziert. Sie handeln nicht, getreu dem Motto: Was soll ich alleine schon erreichen? Den meisten ist es aber einfach scheißegal – das Leid ist zu weit weg. Wenn’s nach mir ginge müssten auf den Teilen, genauso wie auf den Zigarettenschachteln die Schockbilder, Fotos von den Produktionsstätten und den unterbezahlten Arbeitern kleben. Vielleicht würden die Leute dann länger darüber nachdenken, ob es wirklich das zehnte weiße T-Shirt für fünf Euro sein muss.

Wieso sollte es denn nicht das zehnte weiße T-Shirt für fünf Euro sein?
Weil wir damit auf Kosten anderer leben. Die westliche Konsumgier unterstützt die Zerstörung der Umwelt und die systematische Ausbeutung von Menschen. Ich greife weder die Verkäufer in den Läden an noch verurteile ich die Kunden persönlich. Ich möchte zum Nachdenken anregen. Mal ehrlich: Jedem ist klar, dass Nahrung und Klamotten zum Spottpreis niemals ethisch korrekt und fair sein können.

Trotzdem greift die Mehrheit zu.
Ja! Manche kaufen ein, als bestünde permanent die höchste Hurrikan-Warnstufe! Mindestens die Hälfte von dem, was wir besitzen, brauchen wir eigentlich gar nicht. Wir leben in einer Gesellschaft, die versucht durch übermäßigen Konsum persönliche Unzufriedenheit zu kompensieren.

Sie meinen, dass aus Ware Identität wird?
Genau. Wenn ich die großen Modelabel kritisiere, antworten viele: „Aber ich bin doch jetzt kein schlechter Mensch, weil ich da einkaufe.“ Sie nehmen die Kritik an der Firma persönlich. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem sich Leute mit Produkten identifizieren. Die Industrie setzt alles daran ein „Wir“-Gefühl zu schaffen, eine artifizielle Gemeinschaft zu gründen, die unsere natürliche und schon seit Jahrtausenden bestehende Gesellschaft zerreißt. Wir setzen uns nicht mehr mit einem Kind gleich, das den ganzen Tag Klamotten für einen Hungerlohn näht, sondern mit der Modekette.

Viele wenden ein, nachhaltiges Einkaufen sei teuer.
Klar, es gibt Menschen, die es sich wirklich nicht leisten können. Denen müssen wir helfen. Aber wie viele haben das neueste Smartphone in der Hosentasche und behaupten Bio-Äpfel seien zu teuer? Natürlich: Ein Handy sieht cooler aus als ein Apfel. Dabei gibt es mittlerweile fast für alles nachhaltige Alternativen, die genauso performativ und schön sind. Doch da sind wir wieder beim eigentlichen Problem: Es geht um Statussymbole, um die Fassade.

Wie reagieren die Passanten auf Ihre Aktionen?
In der Regel sind sie interessiert und sprechen mich an. Es fällt ihnen leichter auf eine Einzelperson zuzugehen. Deswegen bin ich auch nur noch alleine unterwegs. Zum einen muss ich dann keine Demo anmelden, zum anderen falle ich mehr auf. Außerdem haben meine Aktionen dadurch Symbolcharakter: Ich stelle mich schweigend mit meinen beschrifteten Schildern vor die Läden mit deren Vorgehensweise ich nicht einverstanden bin. Die Passanten fragen sich: „Wieso steht der Trottel da ganz alleine mit seinem Schild?“ (lacht)

Und was sagen die Manager der Läden dazu?
Die suchen das Gespräch, aber erst nachdem sie versucht haben, mich zu vertreiben. Der Manager eines Kaffeeladens in Luxemburg Stadt hat sich lange Zeit für mich genommen, als er gemerkt hat, dass ich mich gut informiert habe und keinen Ärger will. Das Gespräch war nicht besonders produktiv, weil er einfach die Inhalte der Website des Konzerns runtergerattert und mit leeren Versprechungen auf meine Argumente geantwortet hat.

Sales-Manager sind womöglich rechtlich dazu verpflichtet die Marke zu verteidigen. Doch wie sieht es mit Politikern aus? Fühlen Sie sich von ihnen unterstützt?
Besonders vor den Wahlen macht fast jede Partei auf grün und nachhaltig, weil es ein aktuelles Thema ist. Wenn das aber nur heißt, fünf Zentimeter breite Fahrradwege entlang der Autobahn einzuplanen, dann kann ich nur darüber lachen. Es gibt hierzulande ein paar ernsthaft engagierte Politiker in dem Bereich, die müssen sich mehr in den Vordergrund stellen. Grundsätzlich bin ich dagegen, die Verantwortung an die Politik abzugeben. Man muss sich an die eigene Nase fassen, bevor man sich über Politiker aufregt.

Aber die tragen definitiv mehr Verantwortung…
…und es ist eine Schande, dass viele damit nur ihr Ego polieren. So mancher Politiker sollte sich ernsthaft fragen, ob er sich dafür nicht einfach daheim vor den Spiegel stellt anstatt zur Wahl. Mir ist es wichtig, dass die Politik aufhört, immer nur auf Wachstum zu setzen und anfängt nachhaltig zu handeln. Was bringt es uns, auf den Mond zu fliegen, wenn die Basis nicht stimmt? Die nationale Politik sollte lieber lokale Baustellen angehen.

Was können die Durchschnittsbürger tun?
Alte Klamotten spenden, upcyclen und beim nächsten Einkauf auf Fairtrade achten. Saisonale, regionale und Bio-Lebensmittel essen. Am Wichtigsten: Sich über Alternativen informieren und Dinge hinterfragen – und das aus allen Perspektiven. Sie müssen Prioritäten setzen und aus Überzeugung handeln. Nur dann überspringt man freiwillig den Artikel über Ronaldos letzten Trikot-Skandal, um wirklich Wichtiges zu lesen. (Schammo schmunzelt.) Wobei niemand sich für seine Interessen schämen sollte. Wir sind nicht perfekt – auch ich bin weit davon entfernt.

Zur Person

Andy Schammo: 26 Jahre alt, lebt in Oberkorn und studiert Bildungswissenschaften an der „Uni.lu“. Zuvor war er in der Gastronomie und in der Finanzbranche tätig. 2015 gründete er zusammen mit drei Freunden die gemeinnützige Organisation „BeHuman“, die sich letztes Jahr aus Zeitgründen auflöste. Seitdem ist er alleine als Aktivist unterwegs, aktuell arbeitet er zudem mit „Akabo“ an einer Spendenaktion.

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Author: Philippe Reuter

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