Home » Télérevue » CinéCritique » Rocketman

Rocketman

In einem grellorangenen Kostüm mit riesigen Engelsflügeln und mit einer glitzernden Teufelskappe erscheint Elton John zur ersten Sitzung seiner Therapie. Er ist zu dem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt seiner Bilderbuchkarriere und gleichzeitig am Ende seiner Kräfte. Alkohol, Kokain, Sex, Essen, Shopping… die Liste seiner Abhängigkeiten ist lang. Und als er nach seiner Kindheit gefragt wird, beginnt ein musikalischer Rückblick, der in absoluter Perfektion die bekanntesten Hits des Popstars in ein neues Licht setzt. Dabei scheut Regisseur Dexter Fletcher keineswegs, auch die Schattenseiten des extravaganten Ausnahmekünstlers ins Rampenlicht zu schieben.

Als schüchternes Kind vermisst Reginald Kenneth Dwight elterliche Liebe. Als heranwachsender junger Mann kämpft er mit den damaligen Vorstellungen von Männlichkeit. Als homosexueller Superstar verliebt er sich in den falschen Mann. Als Mensch scheitert er an fehlendem Selbstbewusstsein und Selbsthass. Auf der Bühne ist Elton John indes gottgleich, bringt Leute zum Schweben. Dass Hauptdarsteller Taron Egerton (der tollpatschige Ski-Springer Michael Edwards in „Eddie the Eagle“) mutigerweise selbst singt, verleiht seiner schillernden Figur zwar einen etwas unsicheren Charme, stört jedoch in keiner einzigen Minute. Der Film müsse so ehrlich wie möglich sein, lautete Sir Elton Johns Bedingung. Schließlich sei er hoch geflogen, aber auch sehr tief gefallen. Und so geht Dexter Fletcher in „Rocketman“ weitaus offener mit dem Thema Sexualität um als im Oscar-prämierten Drama „Bohemian Rhapsody“, in dem Freddie Mercury sich mitunter vor der eigenen Queerness in Acht nimmt.

Beide Künstlerporträts „leben“ derweil von den mitreißend inszenierten Show-Sequenzen. Und so unsterblich Songs wie „Bennie and the Jets“ oder „I‘m Still Standing“ sind, so unvergesslich sind ebenfalls die Outfits des britischen Sängers, der mit über 350 Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Interpreten weltweit zählt. Den Abspann seines Films nutzt Dexter Fletcher denn auch, um Originalfotos von Sir Elton John Aufnahmen aus „Rocketman“ gegenüberzustellen. Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Spätestens in dem Moment wird man sich bewusst, wie brillant Taron Egerton den Weltstar verkörpert. Dasselbe zahnlückige Grinsen, dieselben energischen Live-Performances, die gleiche Arroganz. Beide Bühnentiere verschmelzen geradezu miteinander.

In Russland ist das Biopic wegen der authentisch dargestellten Liebesszenen Opfer der Zensur geworden. Rund 20 Minuten sind ganz einfach herausgeschnitten worden. Zudem erfahren die Zuschauer im Nachspann nicht, dass Sir Elton John seine große Liebe doch noch gefunden hat und mit seinem Partner zwei Kinder hat. Filmkritiker sind selbstverständlich entsetzt. Der Popstar selbst spricht in einer offiziellen Stellungnahme von einer „traurigen Spiegelung einer gespaltenen Welt, in der wir immer noch leben.“ Bei den Filmfestspielen in Cannes, wo „Rocketman“ seine Premiere feierte, trug der mittlerweile 72-jährige Musiker eine Brille in Herzform und mit rotgefärbten Gläsern und humpelte wegen eines verletzten Knöchels. Weshalb Taron Egerton mitten auf dem roten Teppich niederkniete, um ihm die Schnürsenkel zu binden. Eine kleine Geste, die viel ausdrückt. Nach Filmende galt ihm der größte Applaus. „Das war einer der besten Tage meines Lebens“, so der Schauspieler am darauffolgenden Tag auf der Pressekonferenz. Es sei eine große Ehre gewesen, Elton John spielen zu dürfen. Dieser soll während der Vorstellung leise geweint haben vor Rührung. Aber das werden andere auch.

Rocketman★★★★
Regie: Dexter Fletscher, mit Taron Egerton, Jamie Bell, Richard Madden,
GB 2019, 121 Minuten, Kinepolis.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

Login

Lost your password?