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Rollenwechsel

Die letztjährige MeToo-Debatte hat zwar Veränderungen in der Filmbranche bewirkt, doch noch bleibt jede Menge zu tun. Und so wird das LuxFilmFest die anhaltenden Diskussionen begleiten. Mit tollen Film von und über Frauen.

Nur mit mehr Diversität hinter der Kamera könne auch vor der Kamera mehr Diversität sichtbar werden. Diese Aussage von Anna Serner, Geschäftsführerin des Schwedischen Filminstituts, trifft den Nagel sprichwörtlich auf den Kopf. Und weil sich in den letzten zehn Jahren so gut wie nichts geändert hat, was die Anteile von Frauen und Männern hinter den Kulissen Hollywoods betrifft – 1998 waren 17 Prozent aller Mitarbeiter weiblich, 2018 waren es nur drei Prozent mehr –, wurde auf der diesjährigen Berlinale die Charta „50/50 by 2020“ unterschrieben. Zudem stammten 37 Prozent der Filme im Festivalprogramm von Regisseurinnen.

Auch Alexis Juncosa, künstlerischer Leiter des LuxFilmFest, war bei der Vorstellung des Festivals sichtlich stolz darauf, verkünden zu können, dass die 9. Auflage des immer bedeutender werdenden Filmevents durchaus weiblich geprägt sei. Womit er natürlich Recht hat, doch damit nicht genug. Unter den insgesamt 97 Filmen aus aller Welt gibt es wahre Juwelen zu entdecken. Der österreichische Wettbewerbsbeitrag „Der Boden unter den Füßen“, zum Beispiel. Darin erzählt Marie Kreutzer von der erfolgreichen und auf High Heels beherzt vorwärts stöckelnden Unternehmensberaterin Lola, die völlig aus ihrem Berufsalltag gerissen wird, als ihre psychisch kranke Schwester einen Selbstmordversuch unternimmt. Der Film, der auch in Berlin als einer der Festivalhöhepunkte gefeiert wurde, stellt unangenehme Fragen über Lebenssinn und Machtstrukturen und stellt der kalten und leistungsorientierten Welt des Big Business den warmen Kosmos der Familie gegenüber. Interessant ist nicht nur dieser Gegensatz, bemerkenswert ist auch die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerinnen Valerie Pachner und Pia Herzegger. Die Szenen zwischen den beiden sollen – Berlinale-Kritikern zufolge – jedenfalls die stimmigsten des Films sein.

Mit mehr Gleichberechtigung vor und hinter der Kamera steigt auch die Qualität der Filme.

Genug Stimmung gibt es auch in „Flatland“. Darin erzählt Jena Bass von der frisch verheirateten Natalie, die in der Hochzeitsnacht vor ihrem gewalttätigen Mann flieht, einen heuchlerischen Priester erschießt und zu Pferd mit ihrer besten hochschwangeren Freundin Poppie in die Karoo flieht. In diese karge südafrikanische Wüste, die anscheinend so flach ist, dass man schon von weitem seine Zukunft sehen kann. In einer Mischung aus Western und Roadmovie porträtiert der knallbunte Film ein Land, das sich seit dem Ende der Apartheid gern als Regenbogennation präsentiert, in Wirklichkeit jedoch fast ausschließlich von Verlierern und Verliererinnen bevölkert ist.

Von Verlieren will Gloria nichts wissen. Die über 50-Jährige war der preisgekrönte Liebling der Berlinale 2013. Nun kommt sie zurück. Doch diesmal spielt nicht Paulina García die zierliche Frau mit der furchtbar hässlichen Riesenbrille, sondern Hollywoodstar Julianne Moore. Die Geschichte ist hingegen die Geschichte einer einsamen Frau geblieben, die von spätem Glück und davon träumt, mit fast 60 noch die Liebe ihres Lebens zu finden und einen Neustart zu wagen. Was ihr auch gelingt. Zusammen mit Arnold, der von John Turturro verkörpert wird. Regie bei „Gloria Bell“ führt übrigens erneut Sebastían Lelio.

Céleste ist das Gegenteil von Gloria. Sie ist ein gefeierter Popstar, der Hit um Hit liefert. Als Schulkind hat die Heldin in Brady Corbets „Vox Lux“ ein High-School-Massaker überlebt. Als Sängerin beruft sie sich immer wieder auf ihre schmerzhafte Vergangenheit. Als Mutter macht sie Fehler, trinkt und kokst. Dennoch kann man ihr ihr Verhalten nicht wirklich übelnehmen, denn der recht zeit- und systemkritische Film zeigt ziemlich genau, wie wir im 21. Jahrhundert denken und fühlen. Terrorismus sei das bestimmende Thema unserer Tage, so der erst 30-jährige Regisseur und Schauspieler. „Ich interessiere mich für die Frage, was Gewalt mit Menschen macht.“ Gewidmet hat er seine Fabel, die – eigenen Aussagen zufolge – aus Angst geboren wurde, dem verstorbenen Jonathan Demme, der das Projekt bis zu seinem Tod liebevoll begleitet hat.

Apropos Hommage. Mit seinem Dokumentarfilm „Under the Wire“ hat Chris Martin der herausragenden Kriegsreporterin Marie Colvin ein gleichermaßen herausragendes „Denkmal“ geschenkt. 2001 verlor die mehrfach ausgezeichnete US-amerikanische Journalistin in Sri Lanka ihr linkes Auge und trug seitdem eine schwarze Klappe, an der man sie leicht wiedererkennen konnte. Damals stellte sie sich selbst die Frage, ob es das Risiko wert gewesen war. Ihre Antwort: „Ich will Zeugin sein.“ Es sei ihre Pflicht, dahin zu gehen, wo Unrecht geschieht. Wo Menschen unterdrückt werden und niemand hinschaut. Zehn Jahre lang arbeitete die Gräuel- und Lügendetektorin mit dem Fotografen Paul Conroy zusammen.

Von den zehn Wettbewerbsbeiträgen beim LuxFilmFest sind fünf Filme von Frauen gedreht. Zum Nachahmen.

Ein Traumpaar seien sie gewesen. „Wir wollten beide immer das Gleiche: noch mehr, noch näher ran.“ Neun Wochen hielten sie 2011 im lybischen Misrata durch. In Homs blieben sie nur zwei Tage, doch Marie Colvin bestand darauf, trotz des immer schlimmer werdenden Granatenbeschusses in die Stadt zurückzukehren. Und ihr Kollege und Freund ging mit, weil er sie nicht allein lassen wollte. An dem einen Tag zählte Paul Conroy 45 Explosionen in der Minute. Am darauffolgenden Morgen explodierte eine Granate im obersten Stockwerk des Hauses, in denen sie übernachteten. Die Journalistin wurde getötet, der Fotograf überlebte schwer verletzt. Im Anschluss an die Filmvorführung (freier Eintritt) findet eine Diskussion mit u.a. François Large von Caritas Luxembourg statt.

Zum Debattieren lädt ebenfalls der Beitrag „On her shoulders“ ein. Darin lässt Regisseurin Alexandria Bombach die Friedensnobelpreisträgerin und UN-Sonderbotschafterin Nadia Murad zu Wort kommen, die 2014 von IS-Truppen nach Kurdistan verschleppt und wochenlang vergewaltigt wurde, ehe ihr die Flucht gelang. Die junge Jesidin war damals die erste Frau, die den Mut hatte, vor laufender Kamera zu schildern, was ihr passiert ist. Vergleichbar mutig sind die chassidischen Frauen, die in der ultraorthodoxen Gemeinschaft von Brooklyn den ersten ausschließlich von Frauen betriebenen freiwilligen Rettungsdienst der Stadt ins Leben rufen und denen Paula Eiselt in ihrer Dokumentation „93Queen“ folgt.

„Es gibt viele Nadias, und wir müssen allen helfen“, bemerkte Alexandria Bombach. Es gibt auch viele Glorias, und niemand sollte sich im Alter zu Hause verstecken. Wir sind alle ein bisschen Lola, möchten wie Natalie ausbrechen und Spaß haben, trauern um Marie Colvin und bewundern Nadia Murad für ihren Schritt in die Öffentlichkeit. Selbstverständlich gibt es unter den 97 Filmen des Festivals noch viele weitere wertvolle Entdeckungen zu machen, aber allein die erwähnten Arbeiten zeigen, wie vielfältig das Schaffen weiblicher Filmemacher ist und wie spannend Geschichten mit weiblichen Helden sind. Klingt ungemein schulmeisterhaft und nicht gerade sexy, aber solange Frauen nicht dieselben Chancen haben wie Männer, bleibt die Gender-Parität vor und hinter der Kamera leider ein Thema.

Fotos: Filmverleihhäuser

Vom 7.-17. März, Ticketpreis: 7 Euro, mehr Infos zum Programm: www.luxfilmfest.lu

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Philippe Reuter

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