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Rüsselsheimer Schattenspiele

Mit der letzten Astra-Generation ging 2015 das „wegweisende“ IntelliLux LED Matrix-Licht an den Start. Damit brachte Opel erneut eine technologische Annehmlichkeit aus dem automobilen Oberhaus ins Parterre. Von Wegen Haus am Eaton Place, im hessischen Schattenkabinett dominieren Kloppos Genossen.

Fotos: Opel

Die Scheinwerfer des Kompaktklasse-Bestsellers verfügen über 16 LED-Bausteine (acht auf jeder Seite), welche die Länge und Verteilung des Lichtkegels automatisch und kontinuierlich jeder Verkehrssituation anpassen und vorausfahrende bzw. entgegenkommende Autos bei Bedarf einfach „ausblenden“. Der wirklich (Ver-)Blendungseffekt ist damit gleich null – und das bei optimaler Sicht. Sobald ein Astra die Stadtgrenzen passiert, springen die Matrix-Scheinwerfer automatisch in den Fernlichtmodus und passen Länge und Verteilung des Lichtkegels an. 2017 ging die weiterentwickelte Lichttechnik bei der neuen Insignia-Generation an den Start, diesmal mit insgesamt 32 LED-Einheiten. Dank der größeren Anzahl von passen sich die unterschiedlichen Funktionen präziser der Verkehrssituation an, und die Übergänge zwischen den Modi verlaufen noch fließender. Und jetzt soll der Kleinwagen Corsa diese Technik ins B-Segment einführen.

„Wir feiern in diesem Jahr 120 Jahre Automobilbau und damit 120 Jahre Innovationen für jedermann. Wir machen seit jeher Top-Technologien für alle verfügbar. Das ist unser Antrieb und dies gilt insbesondere für ein Modell, das so beliebt ist wie unser Opel Corsa“, sagte dazu Opel-CEO Michael Lohscheller. Im Rüsselsheimer Slang heißt das „Demokratisierung der Technologien“. Auch wenn gelbeutelbedingt deutlich mehr Insignia-Kunden (60%) auf das optionspflichtige Matrix-Gefunkel zurückgreifen, als das bei den bescheideneren Astra-Besitzern (20%) der Fall ist. Es ist bei Mercedes A- und S-Klasse auch nicht anders.

In Dudenhofen nahe Frankfurt unterhält Opel seit 1966 eine 6,7 km lange Teststrecke. Eigentlich hatte man eine derartige Anlage in Dudenhofen in Rheinland-Pfalz bauen wollen, aber ein mit dem Dossier betrauter Sacharbeiter hatte die Unterlagen ins falsche Dudenhofen geschickt, als die Verwechslung aufflog, hatten sich die hessischen Dudenhöfer bereits zu sehr ins Zeug gelegt, um die Sache noch ohne allzu viel zerschmettertes Porzellan rückgängig zu machen – wie das Leben so spielt. Opel, wie immer pragmatisch und unkompliziert, insistierte nicht unnötig und akzeptierte die Alternative.

Hier durften wir kürzlich die Entwicklung der Lichttechnik der letzten zwölf Jahrzehnte anhand von klassischen Modellen am eigenen Leib ausprobieren, in einem Opel Rekord Automatic von 1967 um die Rundstrecke brausen (ein 66er Rekord, der früher einmal Sepp Herberger gehörte, war auch vor Ort), dann in einem Opel Doktorwagen von 1909 auf dem Beifahrersitz mit ungestümen acht PS herumtuckern, im Opel Admiral von 1938 wieder selbst Hand anlegen, dann die diversen GT, Kadett GSi, Monza, Calibra, Omega, Vectra und wie sie alle hießen nach Lust und Laune bewegen. Ein ganz besonderes Gefühl vermittelte der seltene 1.8 Liter „Moonlight Roadster“ von 1938, ein Gewinner der Bodensee Klassik, der bei Karosseriebauer Deutsch in Köln 51 Mal gebaut wurde.

Donner ist gut, Donner ist eindrucksvoll, aber die Arbeit leistet der Blitz.
Mark Twain

Historische Etappen der Licht-Philosophie von Opel gab es einige. Es beginnt 1899 Patentmotorwagen „System Lutzmann“. In den Anfangstagen des Automobils wurden Handlaternen von Fußgängern vor dem Auto hergetragen, nicht etwa um die Wege auszuleuchten, sondern um von anderen Verkehrsteilnehmern rechtzeitig gesehen zu werden. Der „Lutzmann“ setzt zwar auch noch die üblichen Kerzen ein, doch die muss jetzt niemand mehr vor ihm paradieren. Vielmehr sitzt die Kerze in einem Schaft, darüber ist der „Scheinwerfer“ als Glasbehälter mit Spiegel angebracht. Eine Feder drückt die Kerze während des Abbrennens kontinuierlich nach oben, so dass sie durch das Glas stets auf gleicher Höhe leuchtet.

Das Scheinwerferdesign ist wie alles andere am Automobil im stetigen Wandel begriffen. So ist der Opel Kapitän von 1938 eines der ersten Autos, das der runden Form Adieu sagt und sechseckige Gläser in die Kotflügel integriert. Ein Trend, der sich auch nach dem Krieg fortsetzt. Wie die legendäre Triade von Kapitän, Admiral und Diplomat in den 60ern belegen. Mit der „Corvette des kleinen Mannes“, dem Opel GT, geht es wieder rund. Er ist der erste Deutsche mit Schwenkscheinwerfern, die über einen Hebel an der Mittelkonsole mit Hilfe von Seilzügen aus der Motorhaube gedreht werden. Für Fern- und Standlicht sorgen Halogen-Weitstrahler im Grill unterhalb der Stoßstange. Dazu sei bemerkt: Der Fuchsschwanz an der Antenne diente nie wirklich der Orientierung, das ist ein Mythos.

Ab 1998 bietet der Opel Omega B erstmals Xenon-Gasentladungsscheinwerfer serienmäßig. Im Vergleich zu den damals üblichen Halogen-Scheinwerfern erreichen sie durch die dreifache Lichtstärke nicht nur eine größere Reichweite, sondern auch eine bessere Ausleuchtung der Fahrbahn. Und sie sind deutlich effizienter: Der Energieverbrauch ist um ein Drittel geringer, die Wärmeabstrahlung 40 Prozent niedriger, die Lebensdauer hingegen höher. Jetzt ist zudem eine dynamische Leuchtweitenregulierung mit an Bord. Dadurch werden Verschiebungen der Karosserie ausgeglichen, wie z. B. bei schwerer Beladung, beim Beschleunigen oder beim Bremsen.

2003 bringt Opel dann mit dem Signum als erster Hersteller adaptives Fahrlicht (AFL) mit dynamischem Kurvenlicht und 90°-Abbiegelicht in die Mittelklasse. Ein zusätzliches Komfort-Feature von AFL ist das „Autobahnlicht“: Bei Geschwindigkeiten ab 120 km/h und konstanter Geradeausfahrt stellt sich das Abblendlicht automatisch etwas höher als üblich ein und optimiert so die Fernsicht. Die jetzt serienmäßige dynamische Leuchtweitenregulierung verhindert das Blenden des Gegenverkehrs. 2004 ist der Opel Astra der erste Kompaktwagen mit Kurvenlicht, 2006 werden mit Meriva und Corsa erstmals Kurven- und Abbiegelicht auf Bi-Halogen-Basis im Segment der Minivans und Kleinwagen verfügbar. Und 2008 gibt die nächste Lichtgeneration AFL+ auf Basis lichtstarker Bi-Xenon-Scheinwerfer im Insignia ihr Debüt. Unter Verwendung komplexer Algorithmen orientiert sich hierbei die Lichtverteilung der Scheinwerfer automatisch am jeweiligen Streckenprofil und an den vorherrschenden Sichtverhältnissen. Das Opel-Flaggschiff bietet insgesamt neun Lichtfunktionen: Stadtlicht, Spielstraßenlicht, Landstraßenlicht, Autobahnlicht, Schlechtwetterlicht, statisches Abbiegelicht, dynamisches Kurvenlicht, Fernlicht und, last but not least, einen Fernlicht-Assistenten. Eine weitere Neuerung ist das sparsame LED-Tagfahrlicht, das erheblich weniger Strom – also Kraftstoff – verbraucht als ein Tagfahrlicht aus dem Hauptscheinwerfer.

Wer sich die Geschichte von Opel anschaut, stellt fest: Selbst wenn es Opel von Zeit zu Zeit nicht blendend geht, sich Licht und Schatten stets ablösen, es gibt in Rüsselsheim selbst im tiefsten Dunkel immer ein preiswertes Licht am Ende des Tunnels.

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Martine Decker

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