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Schauen lernen

Bäume sind nicht nur grün, Sterne leuchten mehr als hell und das Leben ist kein geschliffenes Juwel, sondern hat Ecken und Kanten, die wehtun. Aus diesen Erkenntnissen setzt sich Marie-Christine Kremers künstlerische Welt zusammen.

490_0008_14194870_PHR_5174Würde ihr Großvater noch leben, er wäre mächtig stolz auf sie. „C’est lui qui m’a appris à tenir mon premier crayon et grâce à lui j’ai aussi appris à regarder. Et à voir.“ Indem er seine Enkelin auf Spaziergängen immer wieder gefragt hat: Was siehst du? So hat Marie-Christine Kremer gelernt, dass ein Baum nicht nur grün ist, dass man auf das Licht achtgeben soll, das sich auf seinen Blättern spiegelt, dass die Perspektive Farben verändern kann. Man muss lediglich genau hinschauen. Doch genau dafür hat die Künstlerin jahrelang keine Zeit.

Zuerst arbeitet die gebürtige Französin als OP-Schwester in der Bohler-Klinik, später lehrt sie am Lycée technique pour professions de santé und schließlich wird die Forschung ihr berufliches Zuhause. Zudem zieht sie vier Kinder auf, die jüngste Tochter ist zehn und hat gerade einen jungen Hund geschenkt bekommen, der älteste Sohn ist 20 und studiert in Brüssel. „Mon mari m’a toujours beaucoup aidée.“ Ihr Mann Marc, Arzt und Kinderbuchautor, hat Marie-Christine Kremer auch vor drei Jahren darin unterstützt, den Job zu kündigen, um sich voll und ganz auf die Malerei zu konzentrieren. Seitdem steht die Autodidaktin fast jeden Tag in ihrem Atelier, das eigentlich viel zu klein ist für die großformatigen Bilder, die dort entstehen.

Es sei schwierig, eine geeignete Werkstatt zu finden, so die Künstlerin. Hell müsste der Raum sein. Und hohe Wände haben. „J’ai besoin d’espace“. Deshalb liebt Marie-Christine Kremer nicht nur das Unterwegssein in unberührter Natur, sondern auch die breiten Avenues in New York, denen sie vor ein paar Jahren eine ganze Ausstellung gewidmet hat, und das Reisen in den USA überhaupt.

Ihre Inspiration findet Marie-Christine Kremer unter anderem in der freien Natur.

Die Widersprüche, die ihr Leben bestimmen oder bestimmt haben, kommen auch in ihrer Malerei zum Ausdruck. Einerseits gibt es klare Linien und geometrische Muster, andererseits spielen verspielte Elemente eine wichtige Rolle. „Si le rationnel est en toile de fond, j’aime glisser dans mes créations la poésie de ma vie“, erklärt die bald 52-Jährige ihre recht farbbetonten Kompositionen, in denen es viel zu entdecken gibt. Wenn man aufmerksam hinschaut.

Am liebsten würde sie den Bildern keine Titel, sondern Nummern geben, damit der Betrachter sich seinen Eindrücken vorbehaltlos überlassen kann, „mais ça ne se fait malheureusement pas“. Ihre Inspiration findet Marie-Christine Kremer draußen, im Freien. Ihre schärfsten Kritiker seien die eigene Familie und sie selbst. Trotzdem gibt es für sie nichts Schöneres und Befriedigenderes als das Malen. „Je me sens enfin épanouie.“ Halbtags in ihrem Beruf weiter zu arbeiten, wäre für sie nicht in Frage gekommen, weil sie keine „halben Sachen“ mag. Entweder ganz oder gar nicht. Daher traut sie sich wahrscheinlich nicht, Luxemburgisch zu sprechen. Ihr Akzent sei furchtbar.

Marie-Christine Kremer redet wie ein Wasserfall. Das sei sie gewohnt, da sie früher oft Konferenzen und Vorträge gehalten habe. Auch halten ihre Hände kaum still. Als Kind hat sie gebastelt, gestrickt, genäht. Heute mischt sie Acrylfarben. Gern hätte sie von ihrem Großvater noch gelernt, wie die Impressionisten mit Öl zu malen, aber dazu kam es leider nicht mehr.

Ausstellungsdauer: bis zum 23. Juni im Hihof in Echternach, geöffnet von montags bis sonntags von 14-17 Uhr.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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