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Scherbenhaufen

Der Brexit mutiert so langsam zu einem politischen Pendant von Michael Endes „unendlicher Geschichte“. Und zugegebenermaßen hat die Frisur des neuen britischen Premierministers Boris Johnson eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Fell von Fuchur, auch wenn Johnson in den kommenden Wochen sicherlich nicht zum Glücksdrachen mutieren wird, eher zum Unglücksraben. Der Brexit-Hardliner will ja bekanntlich, dass das Vereinigte Königreich die EU notfalls auch ohne Deal zum 31. Oktober verlässt. Ein ungeregelter Brexit könnte im Handumdrehen aus Johnson einen der unpopulärsten britischen Politiker überhaupt werden lassen. Wieso?

Die Antwort ist denkbar einfach: Am Ende werden es die Briten sein, welche die Suppe auslöffeln müssen, die sie sich selbst mit dem Ja zum EU-Austritt eingebrockt haben. Aktuell verliert das Pfund Sterling kontinuierlich an Wert gegenüber Euro und Dollar. Die erste Auswirkung der schwachen Währung drückt sich schon jetzt im Verfall der Kaufkraft aus. Importierte Produkte werden teurer und Großbritannien importiert nun mal vor allem gängige Konsumgüter, was der kleine Mann von der Straße demnach direkt in seinem Portemonnaie bemerkt.

Die Rechnung wird für Johnson kompliziert.

Die Rechnung wird für Johnson umso komplizierter, da auch das britische Patronat mittlerweile die katastrophalen Folgen eines harten Brexits erkannt hat. Weder Großbritannien noch die EU seien wirklich auf so einen ungeregelten Ausstieg vorbereitet, warnte der Verband der Britischen Industrie, der wirtschaftliche Schaden sei beachtlich und zahlreiche Jobs würden auf dem Spiel stehen. So hat zum Beispiel der französische Autohersteller PSA angekündigt, gegebenenfalls sein Vauxhall-Werk in Ellesmere Port zu schließen und nach Kontinentaleuropa zu verlegen, sollte der Brexit auf das Geschäft drücken. 1.000 Arbeiter würden dabei auf der Stecke bleiben.

In anderen Ländern des Vereinigten Königreichs, wie etwa Schottland, regt sich der Widerstand. Alleine in Schottland könnten 100.000 Jobs verloren gehen. So verwundert es auch nicht, dass der linksliberale schottische Politiker Ian Blackford eine Rede im Parlament nutzte, um Johnson gehörig den Marsch zu blasen (ohne dabei eine Prise englischen Humors zu vergessen). Blackford begrüßte ihn als den letzten Premierminister des Vereinigten Königreichs und unterstrich, dass die Schotten weder für den Brexit, noch für einen No-Deal und schon gar nicht für Johnson gestimmt hätten. Und die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon erklärte beim Antrittsbesuch des neuen britischen Premierministers, dass im Falle eines No-Deal-Brexits sie ihr Volk ein weiteres Mal über die Unabhängig Schottlands abstimmen lassen würde. Johnson bewegt sich also auf sehr dünnem Eis und weil Brüssel sich strikt gegen Neuverhandlungen wehrt, könnte der Mann mit der zerzausten Frisur am Ende selbst einbrechen und baden gehen.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Philippe Reuter

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