Moderne Weltliteratur auf der Bühne des Bettemburger Schlosses – Jean-Paul Maes inszeniert Max Frischs „Homo Faber“. Mit wenig Aufwand und dennoch grandioser Wirkung.
Fotos: Philippe Reuter
Wäre er nicht gewohnt gewesen, mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen, hätte er das Leben seines eigenen Kindes nicht zerstört. Hätte er die Stelle in Bagdad nicht angenommen, wäre seine damalige Freundin, die Kunststudentin Hanna Landsberg, eine Halbjüdin, nicht nach München gezogen, um irgendwann Joachim Hencke zu heiraten, der sich später in Guatemala erhängt… Alles wäre anders gekommen. Aber Walter Faber ist kein Mensch, der an Fügung und Schicksal glaubt. Er ist Ingenieur und sieht die Welt, wie sie ist. Ein Stein ist ein Stein. Mehr nicht.
Sich an Max Frischs modernen Klassiker „Homo faber“ heranzuwagen, ist keine zu unterschätzende Herausforderung. Zumal das Geschehen ziemlich ereignisreich ist und Naturgewalten eine bedeutende Rolle spielen. Im Bettemburger Schloss verwandelt ein riesiges gelbes Laken die Bühne in die mexikanische Wüste und eine Reihe Stühle bilden das Dekor des Schiffdampfers, mit dem Walter Faber von New York nach Paris reist und auf dem er sich in eine junge Frau mit einem blonden Pferdeschwanz verliebt.
„Mir schaffe mat de Mëttele vun der Fantasie“, erklärt Theaterregisseur Jean-Paul Maes. Einen Dschungel, einen Stadtbummel durch Paris oder ein paar Schwimmrunden im Ägäischen Meer darzustellen, kommt leider nicht in Frage. Stattdessen sind andere Dinge wichtig. Die Entwicklung der Hauptprotagonisten, zum Beispiel. Oder die Tatsache, dass Menschen wie Walter Faber immer wieder den gleichen Menschen begegnen, weil sie unentwegt nach denselben suchen. „Dat ganzt Stéck laang sicht hien am Fong no enger Erklärung fir dat, wat geschitt ass.“ Eine solche wird er indes nicht finden, denn das Leben ist unberechenbar, weil es sich aus einer Reihe zahlloser Zufälle zusammensetzt, die nicht zu erklären sind. Dazu kommen jede Menge Gefühle, die sich nicht kontrollieren lassen. Kein Wunder also, dass der leidenschaftliche Techniker verzweifelt.

Notgelandet: Im Flugzeug nach Mexiko lernt Walter Faber (Neven Nöthig) Hendrick Hencke (Tim Olrik Stöneberg) kennen.

Doppelrolle: Rosalie spielt sowohl Hanna, die Ex-Geliebte von Walter Faber, als auch die gemeinsame Tochter Sabeth.
Neven Nöthig spielt den nüchternen Vernunftmenschen, der sein Dasein vollkommen im Griff zu haben glaubt und durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist, mit bewundernswerter Überzeugung. Und einer Stimme, der man am liebsten stundenlang zuhören würde. Auch mit der Wahl der weiteren Hauptdarsteller beweist Jean-Paul Maes ein überaus glückliches Händchen: Rosalie Maes hat sowohl die Verspieltheit einer 20-Jährigen als die Ernsthaftigkeit einer trauernden Mutter, während Tim Olrik Stöneberg in den Rollen von Herbert Hencke, dem Bruder von Joachim, und der des jugendlichen Begleiters von Sabeth glänzt.
Jean-Paul Maes’ Inszenierung von „Homo faber“ ist genau das geworden, wofür Max Frischs Schreiben bekannt ist: knapp und konkret, konfliktbewusst und unterhaltsam zugleich.
Das wirklich Besondere an der Bühnenfassung des 1957 veröffentlichten Romans, die Jean-Paul Maes eigens für das Kaleidoskop Theater bearbeitet hat, ist deren Atmosphäre. „Mir hunn eis eng speziell Wand geleescht, mat deeër méi Faarf- a Liichteffekter méiglech sinn.“ Dazu kommt die Musik von Saxofonistin Jessica Quintus. Mal sind es bekannte Lieder, mal improvisierte Eigenkompositionen oder einfach nur Töne, die die Erzählung auf der Bühne auf diskrete und gleichzeitig eindringliche Weise begleiten. „D‘Jessica spillt eng Haaptroll am Stéck.“ Eigentlich ist alles nahezu perfekt: die Kostüme aus den 1950er Jahren, die mitunter amüsanten Einsätze der Statisten, die das tragische Scheitern von Walter Faber etwas abdämpfen, der (passende) langsame Rhythmus verschiedener Schlüsselszenen, das Pingpongspiel ohne Tischplatte… Es gibt in „Homo faber“ nicht ein Bild, sondern mehrere poetische Bilder, die einem noch lange nach der Vorstellung im Kopf herumschwirren.
„Et sinn d’Biller, déi ech beim Liese vum Stéck gesinn hunn“, so Jean-Paul Maes. Ein anderer Regisseur hätte vielleicht etwas anderes gesehen, hätte Walter Faber auf abenteuerlichere Weise mit Schuld und Sterblichkeit konfrontiert, wäre weniger davon überzeugt gewesen, dass ein Denken, das Zufälle ausschließt, verantwortungslos sein kann. „Homo faber“ hätte auch völlig anders aufgeführt werden können, aber zum Glück spielt Fügung bei Theaterinszenierungen keine Rolle. Und so ist Jean-Paul Maes’ Arbeit genau das geworden, wofür Max Frischs Schreiben bekannt und beliebt ist: knapp und konkret, konfliktbewusst und unterhaltsam zugleich. Kurzum: absolut sehenswert.
Am 18., 19. & 20. Februar um 20 Uhr, am 21. Februar um 17.30 Uhr im Schloss in Bettemburg, www.kaleidoskop.lu









