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Edito: Schiffbruch

Vier Männer treiben in einem Rettungsboot im Meer, nachdem ihr Schiff untergegangen ist. Ohne Wasser überleben sie zwanzig Tage. Dann tötet der Kapitän den Kabinenjungen, der im Sterben zu liegen scheint. Die drei verbliebenen Männer ernähren sich vier weitere Tage vom Leichnam des Jungen – bis sie gerettet werden. Später landen sie vor Gericht.

Der US-amerikanische Philosoph Michael J. Sandel hat diesen wahren Fall aus dem Jahr 1884 aufgegriffen. In seinem Buch „Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun“ beschreibt er weitere Fälle und stellt sich unter anderem die Frage: Darf ein Soldat einen Schäfer erschießen, der seinen Spähtrupp an die Taliban verraten könnte, und damit das Leben von vielen Kameraden retten?

Ein moralisches Dilemma liefert auch der deutsche Schriftsteller und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach mit seinem Theaterstück „Terror“: Vor Gericht steht ein Luftwaffenmajor, der ein Passagierflugzeug hat abschießen lassen. Die Maschine mit 164 Menschen an Bord wurde von einem Terroristen entführt und nahm Kurs auf ein mit 70.000 Menschen gefüllten Fußballstadion. Darf man eine deutlich kleinere Anzahl von Menschen töten, um eine weitaus größere zu retten?

Drei drastische Beispiel, drei Fälle ethischer Dilemmata. Bei einem vierten verhält es sich anders: Italien hat privaten Seenotrettern bis vor einigen Tagen die Einfahrt in italienische Häfen verweigert und wollte auch keine Flüchtlinge mehr aufnehmen, die im Rahmen der EU-Mission „Sophia“ im Mittelmeer gerettet werden. Mittlerweile dürfen private Hilfsorganisationen kaum noch Flüchtlinge und Migranten retten, die in Seenot geraten. Den Besatzungen ihrer Schiffe wird der Prozess gemacht, angeblich weil sie die illegale Einreise unterstützen.

Eine deutsche Journalistin hatte kürzlich in einem Zeit-Artikel geschrieben, die privaten Seenotretter würden „das Problem vergrößern“. Wer die Sicherung der europäischen Grenzen zu verhindern versuche, werde am Ende jenen in die Hände spielen, die gar kein Asylrecht mehr wollten. Ganz nach dem Motto: Wenn also Europa sich nicht abschotten würde, wären die Rechtspopulisten noch viel stärker.

Darf man Menschrechte einschränken, um ihre Akzeptanz nicht zu gefährden?

Hierbei handelt es sich nicht mehr um ein moralisches Dilemma, sondern um eine moralische Kapitulation, um einen moralischen Schiffbruch. Damit wird den rechten Demagogen kampflos rechtgegeben. Doch ist das aus einem humanistischen Standpunkt überhaupt vertretbar? „Darf man Menschenrechte überhaupt einschränken, um ihre grundsätzliche Akzeptanz nicht zu gefährden?“, fragt die Berliner „tageszeitung“. Kurz zuvor hatte der frühere Europa-Chef von Amnesty International, John Dalhuisen, darauf hingewiesen, dass selbst die internationalen Menschenrechtskonventionen veränderbar seien: „Sie werden verändert, wenn eine Mehrheit es will.“

Dafür hat auch Michael J. Sandel eine Antwort parat. In einem Interview mit der „Zeit“ sagte er: „Ich denke, dass es grundsätzlich eine moralische Pflicht gibt, alles Vernünftige zu tun, um Menschen zu helfen, die in Todesgefahr sind und unserer Hilfe bedürfen. Die entscheidende Frage lautet, wie weit die Verpflichtung des Einzelnen und des Staates reichen.“ Was wiegt nun als Straftat schwerer: die vermeintliche Unterstützung der illegalen Immigration oder die unterlassene Hilfeleistung?

Wieder ein Dilemma, in dem sich die Europäer befinden – und zugleich ein Paradox: Während die Europäer für sich das Privileg der ungehinderten Bewegungsfreiheit beanspruchen, überall hin reisen zu dürfen, wohin sie möchten, wollen sie Nichteuropäern dieses Recht verwehren. Noch viel schlimmer: In ihrer chronischen, existenziellen Angst vor den Fremden, so schreibt der in Kamerun geborene Philosoph und Politikwissenschaftler Achille Mbembe, sperren die Europäer die Migranten in Lager und machen jene zu „Illegalen“, die kein Aufenthaltsrecht haben – obwohl kein Mensch illegal ist oder sein kann, denn dann wäre Humanismus per Definition ein Verbrechen. Lesbos, Idomeni, Lampedusa, etc. – diese Namen stehen für ein Versagen und für eine moralische Bankrotterklärung. Nicht für ein ethisches Dilemma.

Foto: icame/pixabay

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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