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Schmerz ist Schmerz

Die für ihre freche Art bekannte Berliner Moderatorin und Autorin Sarah Kuttner kann auch leise Töne anstimmen: Ihr aktueller Roman „Kurt“ handelt von Verlust und Trauerbewältigung. Ein wunderbares Buch.

„Und dann fällt Kurt vom Klettergerüst. Es geschieht ganz leise und unspektakulär.“ Mit diesen nüchternen Sätzen bricht im zweiten Teil des Romans die größtmögliche aller denkbaren Katastrophen über Sarah Kuttners Figuren herein. Ein Kind stirbt. Der Erstklässler hält sich nicht richtig beim Klettern fest. Vielleicht ist er auch einfach abgerutscht. Oder er hat sich erschrocken. Niemand hat den Unfall genau gesehen. Niemand ist schuld. Vermutlich ist der Kleine sofort tot gewesen – ein klarer Genickbruch. Der Arzt wird es im Nachhinein bestätigen. Dennoch sind alle untröstlich und hilflos. Vor allem die Eltern.

Erzählt wird „Kurt“ aus der Perspektive von Lena, der Freundin des Vaters. Beide haben sich gerade ein Haus auf dem Land gekauft. Um in der Nähe des Jungen zu sein, der abwechselnd bei der Mutter in Berlin und dem großen Kurt in Oranienburg lebt. In diesem klassischen Modell einer modernen Patchwork-Familie versucht die Erzählerin, ihren Platz zu finden. Ist sie die Stiefmutter des Sechsjährigen oder lediglich eine Mitbewohnerin? Darf der Junge ihren nackten Hintern sehen oder muss sie ihn vor ihm verstecken? Im ersten höchst amüsanten Teil des Buches werden Situationen und Momente beschrieben, die (fast) jeder kennt. Es geht um Liebe und ums Aufräumen. Um die perfekte Gartenpflege und andere familiäre Angelegenheiten. Es wird viel gelacht, manchmal auch geschimpft, aber der Grundton bleibt fröhlich.

Trauer ernst zu nehmen und den Alltag trotzdem stattfinden zu lassen, ist Sarah Kuttners Rezept für den richtigen Umgang mit Trauernden.

Nach dem Tod des kleinen Kurt ändert sich alles. Der Vater versteinert, nimmt nichts mehr um sich herum wahr. Lena fühlt sich von seiner Trauer komplett ausgeschlossen und flüchtet auf ihre Weise. Die restliche Welt nimmt davon indes keine Notiz. Das Leben geht weiter, ob man will oder nicht. Sarah Kuttner vergleicht das Weiter- oder Überleben nach dem Verlust eines geliebten Menschen mit einer dicken Decke aus lähmendem Entsetzen. Darunter zu ersticken sei leicht, weil man vom Schock entkräftet ist und keine Energie hat, die Decke zu lüften oder wegzustoßen. „Man liegt einfach darunter, merkt, wie die Luft immer dünner wird, und beginnt, das eigene Dahinschwinden als angenehm zu empfinden. Als angebracht sogar.“

Die Autorin selbst hat kein Kind verloren, „Kurt“ ist demnach kein autobiografischer Roman. Allerdings sind in den vergangenen vier Jahren einige Menschen gestorben, die Sarah Kuttner wichtig gewesen sind und sie dazu bewegt haben, sich intensiv mit den Tabuthemen Tod und Trauer auseinanderzusetzen. Dass die meisten Leute nicht offen damit umzugehen wissen, erklärt sie sich durch Unsicherheit. Was soll man einem Menschen sagen, der gerade eine geliebte Person verloren hat? Macht man den Schmerz durch falsche Worte nicht nur schlimmer? Ist Trost überhaupt angebracht? Lena weiß jedenfalls nicht, was sie tun darf oder soll oder muss. Und da es ihrem Freund egal zu sein scheint, ob sie an der Beerdigung teilnimmt oder nicht, zieht auch sie sich in ein Schneckenhaus zurück. Dieses Gefühl des Überflüssigseins, das auf sehr gefühlvolle Weise beschrieben wird, ist nahezu genau so traurig wie das eigentliche Drama. Weil es einen völlig machtlos macht.

Für Menschen mit starken Verbrennungen, die vor Schmerzen wahnsinnig zu werden drohen, gibt es das Heilkoma. Trauernde sind mit ihrem Schmerz allein, und die Tatsache, dass man niemanden für Kurts sinnlosen Unfalltod anklagen oder bestrafen kann, macht diesen noch schrecklicher. In einem Interview mit Focus online erzählt Sarah Kuttner von einer Freundin, die nach dem Tod ihres Partners vier Monate bei ihr gewohnt hat. Sie hätten für sich feste Rituale geschaffen. Während die eine morgens mit dem Hund Gassi ging und anschließend eine Stunde lang weinen durfte, hat die andere Kaffee gekocht. Später kümmerten sich beide gemeinsam um den Haushalt oder sind shoppen gegangen. Die Trauer ernst zu nehmen und den Alltag trotzdem stattfinden zu lassen, sei ihr Rezept für den richtigen Umgang mit Trauernden. Das klingt super leicht, ist es indes ganz und gar nicht.

„Kurt“ ist eine Liebeserklärung an die, die gegangen sind, und an die, die bleiben.

Auch Lena versucht, mit kleinen Gesten das dicke Eis um „ihren“ Kurt zu brechen, hat dabei jedoch stets Angst, noch mehr kaputt zu machen. Selbstverständlich gibt es Tage, an denen ihr Freund den dunklen Keller, in den er sich selbst eingesperrt hat, kurz verlässt. An anderen Tagen will er allein dort ausharren, weil schon das Atmen harte körperliche Arbeit ist, für welche er keine Kraft hat. Die Mutter des toten Kurt lässt sich helfen und geht zu einer Therapeutin. Die Erzählerin ist die einzige Protagonistin, die sich in ihrem Leid nicht aufgibt. In einer der schönsten Szenen des Buches sitzt sie mit ihrer Schwiegermutter auf der Hollywoodschaukel im Garten. Die beiden Frauen unterhalten sich über Blattläuse und Gartenarbeit, und plötzlich sagt Gabi: „Du musst auf dich aufpassen, Lena. Trauer kann einen verschwinden lassen, bis man nicht mehr zurückfindet.“ In der Tat ist Trauer nicht mit Liebeskummer zu vergleichen. Es wird nicht wieder so wie vorher. Es wird irgendwann leichter, aber Kurts Tod wird nie nicht passiert sein. Und dann fügt sie noch hinzu, dass Lena gehen könne, wenn sie die Trauer ihres Sohnes nicht mehr tragen könne. Immerhin hat auch sie ein Kind verloren. Nicht ihr eigenes, aber das spielt keine Rolle. Schmerz ist Schmerz.

Es kommt der Tag, an dem Kurts Zimmer ausgeräumt, alles in Kartons gepackt wird. Im dritten und kürzesten Teil dieses grandiosen Romans sind Lena und die beiden Kurts erneut vereint. Ein versöhnlicher Schluss für eine aufwühlende Geschichte, für die Sarah Kuttner von der ersten bis zur letzten Zeile den richtigen Ton trifft: traurig und lustig zugleich. Vor allem aber berührend.

Fotos: Katharina Hintze, S. Fischer Verlag

Aufmacher-Kopie

Sarah Kuttner

Jahrgang 1979, wird 2001 in einem bundesweiten Casting des Musiksenders Viva als neue Moderatorin ausgewählt und moderiert die Nachmittagssendung „Interaktiv“ sowie verschiedene Chart- und Eventshows. 2004 wechselt sie zur ARD, später zum Pay-TV-Sender Sat.1 Comedy. In der Reihe „Unter einer Decke mit Sarah Kuttner“ führt sie Video-Interviews mit u.a. Arthur Abraham und Nora Tschirner. 2011 produziert der SWR das Format „Ausflug mit Kuttner“. 2012 folgt das von Sarah Kuttner moderierte TV-Magazin „Bambule“ auf ZDFneo. 2014 startet „Kuttner plus Zwei“. Seit 2016 produziert und präsentiert sie die monatliche „Kuttners schöne Nerdnacht“. Ihr erster Roman „Mängelexemplar“ erscheint 2009 und steht wochenlang auf der Bestsellerliste. Der zweite Roman „Wachstumsschmerz“ handelt von der Angst, ein erwachsenes Leben zu führen. „180° Meer“ (2015) erzählt vom komplizierten Verhältnis zu den eigenen Eltern und dem Wunsch, Urlaub von sich selbst nehmen zu können. „Kurt“ ist Sarah Kuttners viertes Buch.

Cover-Kurt-Kopie

Erschienen im S. Fischer Verlag,
224 Seiten, 20 Euro.
Auch E-Book und als Hörbuch bei argon hörbuch erhältlich,
die Autorin liest selbst.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

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