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Schnipp Schnapp

Wenn der Kinderwunsch erfüllt oder einfach nicht gegeben ist, stellt sich in einem gewissen Alter die Frage nach dauerhafter Verhütung. Obwohl sie ziemlich einfach ist, kommt die Vasektomie bei den Männern erst jetzt so langsam in Mode.

„Wir können auch klassisch zwei Ziegelsteine nehmen, wenn Sie Angst vor einem kleinen Schnitt haben“, scherzte der Spezialist im obligatorischen Aufklärungsgespräch. Obwohl sich Fränk Dichter für einen aufgeklärten, modernen und durchaus lustigen Mann hält, war ihm gerade nicht nach Scherzen zumute. Nachdem er zusammen mit seiner Frau die verschiedenen Möglichkeiten und Argumente einer dauerhaften Sterilisation nüchtern und rational durchgegangen war, hatte er sich ganz natürlich zu diesem kleinen Schnitt entschlossen. Und nun funkte irgendwo ganz tief das Unterbewusstsein mit rein, und seinen richtigen Namen will er in dem Zusammenhang auch nicht nennen.

Die Familienplanung hatten die beiden gut Vierzigjährigen mit zwei gesunden, jungen Wonneproppen abgeschlossen. Unter den verbreitetsten Verhütungsmethoden empfinden sie das Kondom als unpraktisch und unfallträchtig. Auf jahrelange – wenn auch geringe – Hormoneinnahme mit der Pille wollten sie lieber verzichten. Die große Frage der Sterilisation war dann: Wer? In unseren westlichen Gesellschaften bleibt Verhütung sehr oft Frauensache und so sind etwa in Deutschland aktuell knapp anderthalb Millionen Frauen, aber drei Mal weniger Männer sterilisiert. Obwohl fast jedes Argument in die andere Richtung zeigt: Der Eingriff beim Mann ist zuverlässiger als bei der Frau, wesentlich komplikationsärmer, deutlich billiger und hat eigentlich keine Nebenwirkungen. Das einzige valide Argument liegt in unserem modernen Zusammenleben, oder eben nicht, also Getrenntleben. Eine dreifache Mutter kommentierte mir gegenüber mal in ihrer typischen, resoluten Art: „Dieser Körper wird kein Kind mehr gebären.“ Sie wollte sich weder noch einmal die körperliche Höchstbelastung einer Schwangerschaft antun, noch hatte sie Lust auf ein weiteres Kind. Sie schloss aber nicht kategorisch aus, dass ihr Mann nach einer eventuellen Trennung mit einer anderen, vielleicht jüngeren Partnerin dann noch einmal einen Kinderwunsch haben würde und ließ den Schnitt deshalb lieber bei sich machen.

Keine Angst mehr vor einem Unfall.

Dr. Jean-François Wilmart, Präsident der luxemburgischen Gesellschaft der Urologie berichtet aus seiner 26-jährigen ärztlichen Erfahrung hier im Land jedoch von einem allmählichen Stimmungswandel: „Die Nachfrage steigt beständig an. Vor zwanzig Jahren kam ungefähr wöchentlich eine Anfrage von Männern oft aus dem skandinavischen Raum, während wir heute jede Woche zwei bis vier Vasektomien durchführen und sich längst auch viele Luxemburger bewusst werden, dass dieser kleine Eingriff deutlich einfacher als etwa bei der Frau ist.“ Mit europaweit rund fünf Prozent Komplikationen nach einer Vasektomie sei diese Quote sehr niedrig und die Folgen zudem gering. Meist handele es sich um ein Hämatom oder eine kleine Entzündung. Die schwerwiegendste Folge wären schwache chronische Schmerzen, die einige Monate oder sogar Jahre andauern könnten. Eine medizinische Kontraindikation gäbe es nicht, doch würde sein Team im CHL beispielsweise Männern unter 35 Jahren ohne eigene Kinder dringend von dem Schritt abraten. Im Prinzip sei er nämlich endgültig. Da aber lebenslang weiterhin Spermien produziert werden, die der Körper wegen der durchtrennten Samenleiter einfach absorbiert, ist eine Wiederherstellung der Zeugungsmöglichkeit sogar mit sehr hohen Erfolgsaussichten möglich. Allerdings nur durch eine aufwändigen Verbindung der gekappten Leitung oder per künstlicher Befruchtung, was beides teuer ist.

Fränk Dichter hatte alle Informationen, war sich sicher und hatte sich „untenrum“ glattrasiert. Ohne großen Aufwand machte er zwei Tag später im Büro etwas früher Schluss und fuhr zum vereinbarten Termin in eine Praxis in der Umgebung der Hauptstadt. Nach einer nur leicht schmerzhaften örtlichen Betäubung wurde in einigen Minuten auf beiden Seiten die Eileitern durchtrennt, abgebunden, verödet und die nur wenige Millimeter kleine Hautöffnung vernäht. „Zwar hatte ich einige wenige Tage lang ein ungutes Gefühl zwischen den Beinen, es fühlte sich irgendwie nach geschwollenen Eiern an“, erklärt der sportliche Vierzigjährige mit verlegenem Lachen für die ungelenke Beschreibung seiner intimen Situation. Doch abgesehen von ein paar Tagen Dusch- und Sportverbot, sowie einer Woche keinem Geschlechtsverkehr kann er von keinerlei negativen Folgen des kürzlich erfolgten Eingriffs berichten. Eine halbe Stunde später fuhr er jedenfalls ganz normal nach Hause, während eine Frau nach dem unter Vollnarkose vorgenommenen Eingriff in der Regel eine Nacht im Krankenhaus verbringt. Mit entsprechenden Kosten, denn nur in medizinisch begründeten Fällen übernimmt die Krankenkasse die mittlere dreistellige bis knapp vierstellige Summe beim Mann oder einige Tausend Euro bei der Frau. In Luxemburg kann der komplette Eingriff bei nur geringen Leistungsunterschieden mitsamt mindestens einer Analyse des Ejakulats nach wenigen Monaten dabei je nach Praxis bis zu dreimal teurer sein. Wobei jeder Urologe diesen Eingriff in seiner Ausbildung lernte und wohl auch vornimmt.

Die Nachfrage steigt beständig an. Dr. Jean-François Wilmart

Obwohl die Wissenschaft anderes berichtet, fiel Fränk Dichter nicht einmal eine Veränderung des Ejakulats auf. Da nur fünf bis zehn Prozent hiervon Spermien aus den Hoden sind, fehlt theoretisch rund 0,1 ml Flüssigkeit bei jeder Ejakulation und diese ist wohl auch etwas wässriger. In Aussehen, Geruch und Geschmack aber weitestgehend identisch. „Ich merke keinerlei Veränderung“, pflichtete ihm ein redseliger Bekannter in einer ähnlichen Familiensituation bei, der den Schnitt jedoch bereits deutlich früher hatte machen lassen und er fügt hinzu: „Alles ist viel einfacher als vorher. Und meine Frau muss seit zwölf Jahren keine Pille mehr nehmen, toll!“ Fasziniert waren beide von einem kleinen Kuriosum: Obwohl sie sich ebenso bewusst wie überzeugt zu diesem Schnitt entschlossen hatten, konnten beide während und kurz nach dem Eingriff vom gleichen Teufelchen auf ihrer Schulter berichten. Der flüsterte etwas von Potenz, Entmannung und Kastration, tief im Innern ließ er unbekannte Saiten und ungeahnte Ängste anklingen. Was eigentlich Quatsch ist, da die Erektions- und Orgasmusfähigkeit des Penis vollkommen erhalten bleibt.

Studien zeigen sogar ein erfüllteres Sexualleben und häufigere Orgasmen nach durchgeführter permanenter Empfängnisverhütung bei einem der beiden Partner. „Das Überstülpen vom Kondom kann man ja vielleicht mal ganz lustig ins Sexualleben einbauen, aber meist ist es doch einfach nervig und das Rumgesuche und Gebastel unterbricht ziemlich abrupt jede leidenschaftliche Situation“, erinnert sich der kürzlich Operierte noch etwas genervt. „Jetzt hat man keine Angst mehr vor einem Unfall, dass etwas reißt oder verrutscht und Mann und Frau können eigentlich Rumvöglen wo, wann und wie sie lustig sind.“ Nur Alphamännchen, die ihre Männlichkeit einzig über ihre Fähigkeit, Kinder zeugen zu können, definieren, würden vielleicht Probleme mit der Vasektomie haben, lästert er zum Abschluss. Was Dr. Wilmart deutlich diplomatischer bestätigt. Neben jungen Männern, die später vielleicht doch noch einen Kinderwunsch entwickeln, seien sie auch bei physisch labilen Patienten besonders vorsichtig. Der Mann müsse diesen Schritt schon wirklich selber wollen und jedenfalls nicht etwa von einer Partnerin dazu gedrängt werden. 

Fotos: Ruslan Gilmanshin (Fotolia), Dr. Jean-François Wilmart/CHL

Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

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Author: Philippe Reuter

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