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Schöne neue Matrix

Der Philosoph Richard David Precht fragt in seinem neuesten Buch nach dem Sinn des Lebens in Zeiten von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz.

Fotos: Gunter Glücklich, Freepik

Über Filme haben wir uns immer den Kopf zerbrochen und manchmal stundenlang diskutiert. Als ich aber an jenem Abend vor gut zwanzig Jahren mit einem Freund den dunklen Kinosaal verließ, herrschte zuerst minutenlang Stille. Als ginge es darum, den Inhalt des Films erst verarbeiten zu müssen und seine Wirkung erst allmählich entfalten zu lassen – bis wir in einer Kneipe anfingen, über „Matrix“ zu reden. Wir hatten uns den ersten Teil der Trilogie angeschaut. Der Film beschreibt eine von Computern geschaffene Welt und wird von manchen als die größte filmische Dystopie über Künstliche Intelligenz (KI) bezeichnet. Mein Freund und Kinopartner hatte gerade im Bereich der KI promoviert. Es war sein Thema.

Ihn ebenso wie mich hatten auch Filme wie „Blade Runner“ fasziniert. In Ridley Scotts Science-Fiction-Film von 1982 – nach Philip K. Dicks Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ – geht es nicht zuletzt um den Unterschied zwischen Menschen und künstlichen Lebewesen, um das Verhältnis von Mensch und Maschine. Er wirft Fragen wie diese auf, was den Menschen überhaupt zum Menschen macht. Die Hauptfigur Deckard ist auf der Jagd nach androiden Robotern, nach Replikanten und tötet einen nach dem anderen. Der Anführer der Replikanten zeigt seine Menschlichkeit, indem er das Leben seines Angreifers verschont. Schließlich erscheinen die Replikanten vielleicht sogar „menschlicher als der Mensch“. Die künstlichen Lebewesen beweisen Empathie und hängen an Erinnerungen. Wenn ein Replikant stirbt, gehen die Erinnerungen „wie Tränen im Regen“ verloren. Die Fortsetzung „Blade Runner 2049“ greift rund 35 Jahre später die Frage vom Unterschied zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz wieder auf. Auch hier geht es um ethische Fragen zur KI. Wie schon Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ aus dem Jahr 1968, in dem ein Raumschiff von dem Computer HAL9000 gesteuert wird, der als einziger das wahre Ziel der Mission kennt. HAL hat eine eigene Persönlichkeit und gilt als perfekt. Als er abgeschaltet werden soll, beginnt er Emotionen zu zeigen. „Ich habe Angst“, sagt er und erzählt von seinen ersten Betriebstagen wie von Kindheitserinnerungen.

Precht sieht den Menschen als „das Andere der künstlichen Intelligenz“.

Dass HAL das Raumschiff komplett autonom steuert, findet heute eine Entsprechung in der Realität, zumindest was die Steuerung von Transportmitteln durch Computer angeht. Dass uns Computer im Schach schlagen und komplexe Entscheidungen treffen können, ist längst nicht mehr neu. Computer mit einer eigenen Persönlichkeit und Emotionen sind allerdings noch Science Fiction. Über die ethischen Fragen, wie die KI die Menschen verändert und was wird, wenn smarte Maschinen intelligenter sind als wir, sind bereits zahlreiche Bücher verfasst worden, so zum Beispiel das äußerst lesenswerte „Mensch und Maschine“ (2018) von dem Wirtschaftsjournalisten Thomas Ramge, aber auch die im selben Jahr erschienenen „Grundfragen der Maschinenethik“ der Philosophin Catrin Misselhorn, einer Vordenkerin in der Maschinen- und Roboterethik, die an der Schnittstelle von Philosophie, Informatik und Robotik unter anderem über Pflegeroboter, Drohnen und das autonome Fahren sowie über Maschinen als moralische Akteure schreibt.

Zu den Schreckensszenarien über die Digitalisierung gehört, dass uns Computer mit ihrer Intelligenz übermächtig werden und die Weltherrschaft an sich reißen. Denken allein macht uns jedenfalls nicht menschlich, sondern erst die Erfahrung, lebendig und verletzlich zu sein, weiß Richard David Precht in seinem neuesten Buch „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“, das er im April während der Corona-Krise fertigstellte. Er fordert zu entscheiden, was menschlich ist und welche Macht wir Maschinen geben. „Dieses Buch ist das Buch eines Philosophen, der sich fragt, was künstliche Intelligenz mit unserem Selbst- und Menschenbild macht und wie sie unsere künftige Selbstverwirklichung beeinflusst“, schreibt der 55-jährige Philosoph, dessen Bücher seit „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ (2007) Bestseller geworden sind.

Precht_Richard_David-(c)-©-Gunter-Glücklich-KopieBereits in „Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ (2018) warnt Precht vor den Risiken der Digitalisierung, skizziert aber auch das Bild einer wünschenswerten Zukunft. Für ihn stellt der Wandel eine Chance dar, erfüllter und selbstbestimmter zu leben. Dazu bedürfe es aber einer Weichenstellung, einer konsequenten Veränderung des Gesellschaftssystems. Er sei nicht gegen digitalte Technik und auch nicht gegen Künstliche Intelligenz, betont der Autor. Im Vorwort von „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“ schreibt er, dass die Coronavirus-Pandemie die Welt aus ihrem „technotopischen Schlummer“ wecke. Die wirkliche Welt sei nicht digital, „und digitales Gerät schützt nicht vor existenziellen Lebensrisiken“. Er hält die Idee, KI würde einen eigenen Willen zur Macht entwickeln, für abwegig und bezeichnet die Behauptung, aus Intelligenz könnte ein Wille entstehen, als „völligen Unsinn“. Denn zu einem Willen gehöre schließlich ein menschlicher oder tierischer Leib. Nichtsdestotrotz sieht er das Risiko, dass der Mensch die Kontrolle über die künstlichen Intelligenzsysteme verlieren könnte – wie es in den hier eingangs erwähnten Science-Fiction-Dystopien vorweggenommen wurde. Precht nennt als Beispiel die globalen Finanzmärkte, auf denen Algorithmen mehr und mehr komplexe Aufgaben übernommen haben: „Je intelligenter der Hochfrequenzhandel wird, je mehr er sich verselbstständigt, umso pannenanfälliger oder unkontrollierbarer wird er.“ Den Zusammenbruch des Weltfinanzsytems durch eine entgleiste künstliche Intelligenz hält er für „ein realistisches Szenario“.

„Wir sind keine defizitären Rechner, sondern empfindsame, verletzliche und resonanzbedürftige Wesen, die sich ihr Leben erzählen, um es mit Sinn auszustatten.“ Richard David Precht

Der Autor führt fast schon klassische Beispiele der vergangenen Jahre auf, wenn er auf die Gefahr „in ethisch sensiblen Bereichen“ zu sprechen kommt, in denen Maschinen „sehr weitreichende Handlungsvollmachten“ übertragen werden – „die sie auf keinen Fall bekommen dürfen“: Genannt seien selbstfahrende Autos mit einer Lebensbewertungsfunktion, einer Art „Todesalgorithmus“, die darüber entscheiden – ob sie lieber eine alte Frau oder ein kleines Kind überfahren. Dies wäre unvereinbar mit dem Prinzip der Menschenwürde. „Abstufungen von Lebenswerten“ ginge schon mal gar nicht, vor allem „in Deutschland nach den Erfahrungen des Dritten Reiches“.

Precht spricht seine eigene Domäne, die Philosophie, gegenüber der technischen Entwicklung nicht generell frei. „In der Philosophie wurde der Mensch immer zu stark über seine Vernunft, seinen Logos, definiert“, schreibt Precht, einer der Popstars unter den Philosophen. So habe Immanuel Kant den Menschen als „das Andere der Natur“ bezeichnet. Precht sieht den Menschen als „das Andere der künstlichen Intelligenz“. Er gibt zu: „Ich rücke den Menschen näher an die Tierwelt heran und stärker von seinen Maschinen weg.“ Spätestens im Computerzeitalter habe sich ein Menschenbild durchgesetzt, das die Technik zum Maßstab erklärte. Doch „wir sind keine defizitären Rechner“, entgegnet er, „sondern empfindsame, verletzliche und resonanzbedürftige Wesen, die sich ihr Leben erzählen, um es mit Sinn auszustatten“. Alles Leben sei nun mal nicht Problemlösen, wie es Karl Popper behauptet hat. Es sei mehr, meint Precht. Das Lösen von Problemen sei nur ein Teil davon.

Precht wirft den KI-Entwicklern vor, die drängenden Probleme der Gegenwart weitgehend auszublenden. Die Visionäre des Silicon Valley würden Pläne zur Optimierung des Menschen entwerfen, ohne die ökologischen Desaster wie die Klimaerwärmung zu reflektieren. In vielen innovativen Konzepten fehle die Kostenrechnung der „Exnovation“: Genannt seien das Smartphone oder ausgediente Computer, die nach wenigen Jahren als Elektroschrott auf einer Mülldeponie in Ghana landen. Das grüne Potenzial künstlicher Intelligenz werde ebenso wie das Recycling als Randthema behandelt. Prechts Diktum: „Immer da, wo KI über Lebensschicksale entscheidet, also über Menschen richtet, da sollten wir besser die Finger davon lassen. Sonst kommen wir in Teufels Küche.“

Precht sieht die Freiheit des Einzelnen bedroht, wenn zum Beispiel Sensoren berechnen, wie jemand schwitzt: „Auf diese Weise können Menschen noch sehr viel genauer ausspioniert werden mit dem Ziel, ihnen etwas zu verkaufen.“ Ob durch autonomes Fahren, Spracherkennung oder künstliche Gehirne – werden wir dadurch freier, oder gar überflüssiger? In einem Gespräch mit dem KI-Experten Jürgen Schmidhuber, selbst Informatiker und Direktor eines Schweizer Forschungsinstituts, stellte Precht die Frage, was wäre, wenn eine universell operierende Künstliche Superintelligenz den Menschen übertreffen würde. Eine schöne neue Welt? Eine schöne neue Matrix? Oder das Ende der Menschheit?

„Immer da, wo KI über Lebensschicksale entscheidet, also über Menschen richtet, da sollten wir besser die Finger davon lassen. Sonst kommen wir in Teufels Küche.“ Richard David Precht

Precht benutzt griffige und farbenfrohe Metaphern, was ihn populär gemacht hat. Er betritt manchmal bereits ausgetretene Pfade, wenn er zum Beispiel darauf hinweist, dass unser Verhalten als „User“ durch Ratings und Trackings gesteuert wird, und beweist Humor, wenn er schreibt, dass die KI in die „feine Unterwäsche des Bewusstseins“ eindringe. In der Tat ahmen Textilien mit Sensoren Emotionen nach, scannen und vermessen sie. Sie „durchpflügen die Gefühlswelt“, so Precht. Jeglicher Verhaltensimpuls werde kommerzialisiert. Für ihn kommt das alles in der Summe einem „Abbau der Huminität“ gleich, in der er die Autonomie des Menschen zunehmend bedroht sieht. Den KI-Vordenkern wirft er sogar vor, eine „Maschinenreligion“ entworfen zu haben: „Die Hohepriester des Silicon Valley lehren uns, in Menschen unvollständige Maschinen zu sehen, statt in Maschinen unvollständige Menschen.“ Precht vergleicht sie mit rein zweckorientierten Utilitaristen, die alles Leben – wie schon bei Popper – unter dem Kriterium des Problemlösens betrachten. Dadurch könne eine „technische Allproblemlösungsgesellschaft“ entstehen: „Die sinnfälligste Neuerung des Digitalzeitalters ist die inflationäre Vermehrung von Problemen. Was nicht der Norm entspricht oder prinzipiell optimierbar ist, wird sofort als Problem identifiziert.“

In der Tat scheint heute Georg Wilhelm Friedrich Hegels „Weltgeist“ im Silicon Valley zu finden sein, wie der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht, bis 2018 Lehrstuhlinhaber in der kalifornischen Stanford University, schreibt. Das neu geweckte Interesse an den Geisteswissenschaften diene dem utilitaristischen Nutzen: Um wirklich innovative Applikationen erfinden zu können, bräuchte das Silicon Valley eben auch das Denken Kants, Hegels und Heideggers. Derweil lobt Richard David Precht vor allem die antiken Philosophen und deren „souveränes Sich-Abfinden“. Für sie bedeutete Optimierung, „gelassener zu werden“. Er weiß auch: „Wie weit haben wir uns inzwischen davon entfernt, wenn Glück stets einen Kick bedeuten muss.“ Zur entscheidenden Frage nach dem Sinn des Lebens weiß er: „Sinn ist immer individuell und damit das Gegenteil von allgemein.“ Nach seinem Verständnis von Sinn ist dieser irrational. An ihm sei nichts logisch.

Den Menschen durch eine Superintelligenz zu überwinden, ist nach Precht weit weniger aufregend als das Ziel einer intakten Erde. Um dies zu erreichen, müssten wir lernen, intelligenter mit Computern umzugehen, „ihre sinnvollen Einsatzfelder“ besser abstecken und ihre Chancen und Gefahren klarer sehen. Hier sieht er die Politik in der Verantwortung. Doch er wirkt resignierend, wenn er schreibt, dass in der Politik hochbegabte Menschen in der Regel kaum eine Chance hätten. Andererseits ist es in naher Zukunft kaum zu erwarten, dass ein superintelligenter Computer wie HAL9000 uns davor warnt: „Es tut mir leid. Ich fürchte, dass ich das nicht tun kann.“

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Richard David Precht: Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens / Goldmann Verlag. München 2020 / 256 Seiten / ca. 20€

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Martine Decker

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