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Schönheitsideale überwinden

In einer Gesellschaft, in der die Medien- und Modebranche uns immer wieder mit unrealistischen Schönheitskriterien bombardieren, fällt es auch vielen Männern schwer zu ihren Pfunden zu stehen. Nicht so Yannick Schumacher.

Er könnte als Antithese gegen die unterdrückerischen Körpernormen unserer Gesellschaft stehen, so sehr sorgt er mit seinem Stil für eine gewisse Form von revolutionärer Individualität. Vor der Linse unseres Fotografen posiert er gelassen und sogar mit einer ordentlichen Portion Selbstbewusstsein, als sei es kein Problem für ihn im Zentrum des Geschehens zu stehen. Egal, ob im farbenfrohen Oversize-Pulli, im Blumen-Muster-Hemd, eingehüllt in einen langen Tweet-Mantel oder mit rosaroter Sonnenbrille auf der Nase, passend zu seinem neongelben Shirt und seinem Kimono, vor keinem Stil macht er halt. Der 32-jährige Grafiker und Vlogger steht seinem Körper positiv gegenüber und hat keine Angst die vorgegebenen Rahmen zu sprengen. Auch, wenn das nicht immer so war.

„Es hat mich früher richtig krank gemacht, jeden Tag auf die Waage zu steigen“, erinnert sich Yannick. „Es war ein Zwang. Und wenn die Kilos nicht purzeln wollen, dann setzt man sich auch noch selbst unter Druck.“ Auch aus der Schulzeit bleiben dem jungen Mann nicht nur schöne Erinnerungen. Er war anders, er war „der kleine Dicke“, auf den andere mit dem Finger zeigten. Das Bild, das sich viele von molligen oder übergewichtigen Männern machen, ist selten schmeichelhaft. Sie werden oft als faul und hässlich dargestellt, wenn nicht sogar regelrecht als dumm verkauft. Diese Klischees spiegeln sich in den Medien wider und diktieren der Gesellschaft zeitgleich unrealistische Normen, in denen Schlankheit der Schlüssel zum Erfolg ist. Diese gesellschaftliche Diskriminierung hat einen erschreckenden Namen: Fat-Shaming. Auf Deutsch: Die Anti-Fett-Tendenz.

Es hat mich früher richtig krank gemacht, jeden Tag auf die Waage zu steigen. Yannick Schumacher

„Heute ziehe ich aus all dem meinen persönlichen Profit“, betont Yannick. „Ich habe mich als Teenager nie mit irgendwelchen Hollywood-Stars verglichen oder davon geträumt, wie Brad Pitt auszusehen.“ Er verdreht die Augen. „Ich fand das damals schon total unrealistisch. Du lebst halt mit deinen Kilos und es ist am Anfang nicht einfach sich so zu akzeptieren, wie man ist. Aber man muss es versuchen.“

Männermode-XXL---048Seinem Körper positiv gegenüber stehen, das ist der Schlüssel zur Selbstliebe. Wieviel er wiegt, weiß er nicht einmal mehr, seit dem Tag, an dem seine elektronische Waage kapituliert hat. „Die Batterie war leer, und ich habe sie nicht umgetauscht“, verrät er lachend. Heute bezeichnet er sich selbst als „Pfundskerl“. Ein Begriff, der für den 32-Jährigen eine sehr wichtige und repräsentative Bedeutung hat. „Es hat etwas sehr Positives. Du stehst für etwas und du brauchst dich nicht mehr zu verstecken, nur weil du ein paar Kilos zu viel hast.“

Der Mann von heute steht zu seinem Übergewicht und zieht seinen Bauch nicht mehr vor der Diktatur der Schlanken ein. Klingt ein bisschen euphorisch und zugleich utopisch, denn in Wirklichkeit sind sie nur selten ein Objekt der Begierde auf Laufstegen und in der Männerabteilung der großen Modeunternehmen. Großformate weichen immer noch von der Norm ab.
„Zum Shoppen gehe ich eigentlich so gut wie nie“, verrät Yannick Schumacher. „In den bekannten Boutiquen finde ich nicht die passende Größe. Deshalb kaufe ich meine Klamotten meistens im Internet. Es gibt natürlich auch Geschäfte, die Plus-Size-Mode anbieten. Die Preise sind aber dann ausgesprochen hoch und das Angebot entspricht nicht meinem Geschmack. Es ist meistens eher langweilig und tendiert zu klassischen Hosen und Hemden.“

Warum sollte ich nicht auffallen? Das ist die Frage, die man sich stellen soll. Yannick Schumacher

So erstaunlich es auch klingen mag, runde Männer haben noch zu oft Schwierigkeiten, einen Stil zu finden, der zu ihnen passt und ihnen ein schmeichelhaftes Bild verpasst. Zu schmal, zu breit, zu kurz, zu lang. Egal, wie sehr sie sich vielleicht dagegen wehren wollen, die Modebranche vermittelt immer noch extrem standardisierte Modelle, die es XXL-Männern erschwert, die passende Kleidung zu finden. In den Medien gibt es auch nur selten ein Vorzeigemodell, an dem sie sich zum Beispiel inspirieren könnten. Man möchte in der Modebranche aber bitte nicht von Diskriminierung reden, sondern eher von Diversität. Deshalb gibt es ja seit 2016 einen jungen Mann namens Zach Miko, das erste männliche Plus-Size-Model der Welt. Das perfekte Aushängeschild?

Männermode-XXL---044„Er sieht eher aus wie der durchschnittliche Mann, mit einem kleinen Bauch“, meint Yannick lachend. „Auch online finde ich nicht immer hundertprozentig, was ich mir eigentlich an Kleidungsstücken wünsche. Ich verbringe viel Zeit damit, im Internet Modelle zu suchen, immer in der Hoffnung, dass sie auch in meiner Größe verfügbar sind.“

Eines mag aber für den Grafiker aus Düdelingen klar sein: Verstecken will er sich nicht. „Im Gegenteil. Warum sollte ich nicht auffallen? Das ist die Frage, die man sich stellen soll.“ Er verspricht, dass sein unnachahmlicher Stil keine Maske ist, aber trotzdem mit einem Hauch an Provokation verbunden ist. Jeder kann in der richtigen Kleidung zum Hingucker werden, auch XXL-Männer. Davon ist er überzeugt. „Ich stehe eher auf flippige Kreationen, aber für jeden gibt es die perfekte Kleidung. Wer mit einem runden Bauch oder anderen Körperbereichen ein Problem hat, hat auch Möglichkeiten, diese zu kaschieren. Mit modernen Mustern zum Beispiel. Das lenkt ab und vermeidet die klassisch traurige schwarze Kleidung. Ich spiele auch sehr gerne mit Accessoires, Uhren und Ketten oder ausgefallenen Schuhen.“

Die Nachricht an die Außenwelt, die Yannick Schumacher gewollt oder ungewollt mit seiner ganz eigenen und persönlichen Art und Weise sendet, umfasst aber weit mehr als nur ein paar Modetipps. Ihm geht es auch darum, den verstaubten Mythos der Schönheit zu brechen und zu beweisen, dass alle Körper ohne Ausnahme ein Recht auf Respekt und Würde haben.

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Fotos: Georges Noesen

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Author: Philippe Reuter

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