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Schrottplatz-Nostalgie

And the winner is…. der Crossover-Pionier Pontiac Aztek von 2001. Er führt alle Top-Horror-Listen der automobilen Alpträume an, selbst in Ländern, in denen er nie verkauft wurde. Er wird unisono als das hässlichste Automobil aller Zeiten qualifiziert. Als er bei der Detroit Motor Show enthüllt wurde, soll man den kollektiven Stoßseufzer des Publikums bis zur Pazifikküste gehört haben. Wobei wir beim Thema sind. Ich muss, auf das Risiko hin, Ihr daunengefüttertes Weltbild in den Grundfesten zu erschüttern, eines festhalten: Früher war nicht alles besser!

Auch wenn klassische Automobile natürlich faszinierender sind als neue, so hat sich das Blatt qualitativ zum Guten gewendet. Die Pannenstatistik hat sich über die Jahre verbessert, sie rosten nicht mehr im Zeitraffer und den Berg hoch kommen die meisten jetzt auch. Sicher, am Anfang der Entstehungsgeschichte erfanden schillernde Spinner – fast jeder Dritte kam aus Ohio, da muss was im Trinkwasser gewesen sein – groteske Ungetüme wie den Horsey Horseless, eine Motorkutsche mit Pferdekopf-Attrappe vorne drauf, das achträdrige OctoAuto oder das anderthalb Tonnen schwere Scripps-Booth Bi-Autogo geschaffen, ein Motorrad mit V8-Antrieb, das in jeder Kurve per Hand zwei Hilfsräder seitlich ausklappen musste, nur damit es nicht umfiel.

Die Liste der inakzeptablen Scheußlichkeiten ist schier endlos. Entweder nagelte man einen 400-PS-Motor auf ein 40 Jahre altes Chassis wie beim Bristol Blenheim, oder man vertraute – zu Unrecht – auf einen Motor, der nicht aus Gusseisen war, sondern aus gestanzten Blechen bestand, wie beim Crosley Hotshot. Sobald das Ding dann auf Betriebstemperatur war, flogen einem die Spinatdosen-Schrapnells um die Ohren. Auch der kam übrigens aus Cincinatti, Ohio. Der Vanden Plas 1500 war in allen Belangen so schlecht, dass er einem Margaret Thatcher schon wieder sympathisch machte, der Ford Pinto fing regelmäßig Feuer, der exklusiv in rosa ausgelieferte Dodge LaFemme war Sexismus auf Rädern und der Edsel Corsair mit seinem Vagina-Kühlergrill hätte Ford fast in den Ruin getrieben, bevor Firmenboss Robert McNamara die Notbremse zog. Später sollte derselbe McNamara als Verteidigungsminister in Erscheinung treten, dessen Durchblick im noch größeren Schlamassel des Vietnamkrieges leider abhandengekommen war. Oldsmobile versaute mit dem Cutlass den Amerikanern das Dieselkonzept für die nächsten 30 Jahre, Chevrolet brachte 1982 einen Camaro mit einem „Iron Duke“-Motor heraus und fuhr schnurstracks in die Downsizing-Hölle. Von 0 auf 100 km/h brauchte das „Muscle Car“ ganze 20 Sekunden, für die Zeitnahme auf der Quarter Mile genügte ein Abreißkalender. Wer die Ohren spitzte, konnte dem Chevrolet Vega beim Rosten zuhören, der Bricklin SV-1 hatte Flügeltüren so schwer wie Konzertflügel und der Yugo GV hatte als einzigen Luxus einen ranzigen Teppich auf dem Bodenblech. Der Vector W8, dessen Poster neben dem von Kiss in jedem Teenie-Zimmer der 80er Jahre hing, verkaufte sich 17 Mal zum Stückpreis von 448.000 Dollar. Dann fuhr VIP-Kunde André Agassi seinen Vector um den Block, das Ding ging in Flammen auf und ein Sohn des Diktators Suharto kaufte die Firma auf und machte den Laden dicht. Gute alte Zeit, wie gut, dass du vorbei bist!

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Philippe Reuter

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