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Schuld & Buße

Als 20-Jähriger wurde Robert Stadlober mit „Crazy“ zum neuen Jungstar des deutschen Kinos. Mittlerweile ist der Rebell Vater und erwachsener geworden. Im Theaterstück „Rausch“ spielt er einen Dramatiker, der auf dem Gipfel seines Ruhms alles zu verlieren droht.

Fotos: Birgit Hupfeld

2017 ist ein gutes Jahr für Robert Stadlober gewesen. Die letzten Dezemberwochen hat der Schauspieler zum großen Teil in einem Prager Filmstudio verbracht, um unter der Regie von Andreas Prochaska in einem U-Boot zu kochen. Davor ist er Helen Mirren für Til Schweigers Regiearbeit „Berlin, I love you“ auf einer Straße in Kreuzberg begegnet, rauchend und mit Engelsflügeln. Im Sommer spielte er Kurt Weill an der Seite von Lars Eidinger als Berthold Brecht und taumelte bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen durch August Strindbergs „Rausch“.

„Rausch“ erzählt vom Aufstieg und Fall eines Dramatikers sowie von bösen Gedanken, die Wirklichkeit werden.

Diese Koproduktion des TNL kommt nun auch nach Luxemburg. Der gebürtige Österreicher schlüpft darin in die Haut eines Dramatikers, der am Abend seines künstlerischen Durchbruchs sowohl seine Verlobte als auch seinen besten Freund verrät. Maurice hat sich nämlich in dessen Partnerin verliebt und will mit ihr durchbrennen. Allerdings gibt es ein Hindernis: Der Dichter hat eine fünfjährige Tochter und demnach familiäre Verpflichtungen. Als er und seine neue Geliebte dem Kind im Liebesrausch den Tod wünschen, und Marion am darauffolgenden Morgen tatsächlich tot aufgefunden wird, ist mit Feiern und Gefeiertwerden einstweilen Schluss.

Schwierige Rollen sind für Robert Stadlober kein Problem. In „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ spielt er einen schwulen SS-Untersturmführer, der in den letzten Kriegsminuten eine Gräfin erschießen lässt, von der eigenen Mutter verraten wird und daher nach Südamerika fliehen muss. In der zweiten Staffel des erfolgreichen TV-Mehrteilers kehrt er nach Deutschland zurück – als Agent des Bundesnachrichtendienstes. In „Rausch“ fällt er in der Haut des zum Kindsmörder Abgestempelten in eine tiefe Existenzkrise. Sein Stück wird abgesetzt. Freunde distanzieren sich. Die Liebe zieht sich zurück. Noch dazu gibt es Plagiatsvorwürfe. Und obwohl sich herausstellen wird, dass das Kind nicht umgebracht wurde, sondern an einer seltenen Krankheit und somit eines natürlichen Todes gestorben ist, quält sich Maurice mit Gewissensbissen und der Frage: Kann man durch Gedanken morden?

Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, wo das Stück im Mai 2017 Premiere feierte, bestand das Bühnenbild aus einem schwarzen Raum mit einem Laufsteg ins Publikum und fahrbaren Podesten und Guckkästen, die Regisseur Frank Hoffmann nutzte, um die Figuren heran zu zoomen und in ihre Seelenabgründe zu schauen. Das Publikum war begeistert. Nicht nur von der schauspielerischen Leistung von Robert Stadlober, sondern vom gesamten Team. Neben dem mittlerweile 35-jährigen Hauptdarsteller glänzen vor allem Wolfram Koch als Priester und ermittelnder Kommissar, Jacqueline Macaulay als gewissenlose Femme fatale und Sinja Dieks als verzweifelte Mutter. Aber auch die Luxemburger Darsteller Christiane Rausch, Roger Seimetz und René Nuss sind überzeugend.

Im Original heißt die 1899 entstandene Komödie über Schuld und Buße „Verbrechen und Verbrechen“. Ein Titel, der den moralphilosophischen Diskurs weitaus treffender beschreibt als „Rausch“. Letzterer passt indes besser zum Chaos der Gefühle, welches die Figuren durchlaufen. August Strindberg schrieb das Stück nach einer ausgesprochen düsteren Phase seines Lebens, in der er unter Wahnvorstellungen, Realitätsverlust und Depressionen litt. In dieser Zeit, die aufgrund des 1897 erschienenen Romans „Inferno. Legenden“ als „Inferno-Krise“ bezeichnet wird, beschäftigte sich der schwedische Dramatiker auch mit wissenschaftlichen Versuchen. Vor allem aber gelang es ihm, sich im Nachhinein „frei zu schreiben“. Die Werke, die in den folgenden Jahren entstanden und von einer Neuausrichtung im Schreiben geprägt sind, haben die europäische Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts jedenfalls nachhaltig beeinflusst.
Zurück zu Robert Stadlober, der in „Rausch“ für den modernen Menschen steht, der sich und seine Taten nur vor sich selbst zu verantworten hat. Anfangs spielt er Maurice wie ein großes Kind, später will er im Schoß der Kirche Erlösung finden, bevor er abermals ins Wanken gerät, als er von seiner Rehabilitierung und davon erfährt, dass sein Stück wieder aufgeführt wird. Er bekommt zwar eine zweite Chance, aber gerettet – in humanistischem Sinn – ist er deswegen nicht. Die wirklich Guten sind eher die verständnisvolle Ex-Verlobte und der gnädige Busenfreund, weil sie des Verzeihens fähig sind und sich nicht blenden lassen. Der gefallene und wieder auferstandene Dramatiker wird derweil wahrscheinlich weiterhin von Schuldgefühlen gepeinigt werden. Wie dem auch sei, in „Rausch“ löst sich Strindberg vom Naturalismus seiner frühen Dramen, um sich zu einem expressionistischen Gesellschaftskritiker zu entwickeln. Die Inszenierung trägt dieser Entwicklung Rechnung.

2018 wird voraussichtlich ein weiteres gutes Jahr für Robert Stadlober werden. Die mit ein paar Freunden im Jahr 2000 gegründete Indie-Band Gary will ein neues Album herausbringen. Und mit dem Künstlerkollektiv der Oktavistischen Internationalen will er ebenfalls wieder aktiv sein. Aber keine Angst: Das Schauspielern macht ihm nach wie vor riesig Spaß, und daher wird er wohl weitermachen wie bisher und eine gute Film-, TV- oder Theaterrolle an die nächste reihen. Dem Publikum soll‘s recht sein.

Am 24. Februar sowie am 2., 3., 6. & 7. März um 20 Uhr, am 25. Februar um 17 Uhr im TNL, www.tnl.lu

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: alommel

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